An die Überdeutschen von Franz Grillparzer

Macht nur nicht so ernste Gesichter,
Am End ist ja viel doch nur Spaß,
Ihr seid nicht Geschworne noch Richter,
Und wärs auch, was hindert uns das?
 
Seht nur eure Nachbarn, die Franken,
Den Briten, das wandelnde Faß,
Sie richten und streiten und zanken,
Drauf heben sie lustig das Glas.
 
Wir wissen, ihr seid Philosophen,
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Sucht Wahrheit, als gälts Blindekuh,
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Doch fragen wir, was ihr getroffen,
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Nimmt kaum die Bewunderung zu.
 
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Des Jenseits Maß wär die Hierzeit,
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Euch selber macht ihr zum Gott,
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Doch ist er nicht klüger, als ihr seid,
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Dünkt uns der Allweise nur Spott.
 
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Auch habt ihr die Fremden geschlagen;
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Das taten wohl andre vor euch:
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Der Franke in stürmischen Tagen,
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Der Spanier - Wen nenn ich nur gleich?
 
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Es staken da manche dahinter,
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Manch Helfer stand Mann da für Mann.
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Der hitzigste war wohl der Winter,
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Der schlug, als noch voll der Tyrann.
 
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Euch schmückt ein deutsches Bewußtsein,
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Als eins, nicht fältig nur ein-,
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Wie sollt auch nicht einig die Brust sein,
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Da eins der Zoll im Verein?
 
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Nur, streitet ihr noch um den Glauben,
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Fehlt zu Treu und Glauben die Treu,
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Auch wißt ihr, hält mancher nur Tauben,
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Um andre zu fangen dabei.
 
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Auch seid ihr frei. - Nicht in Worten,
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Geschriebne bewacht die Zensur,
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In Taten? Noch minder, als dorten,
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Wie treff ich die Sache doch nur?
 
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Nun denn: ihr seid frei mit dem Maule.
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Nun hab ich den rechten Pfiff;
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Wir sitzen auf Hegelschem Gaule,
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Ihr seid denn frei: im Begriff.
 
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Und da der Begriff auch das Wahre,
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Seid frei ihr in Wirklichkeit.
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Man spart so Taten und Jahre,
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Ist frei außer Raum und Zeit.
 
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Und so nun mitten im Rechten,
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Ziemt alles euch groß und neu,
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Laßt Schiller und Goethe den Knechten,
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Für euch sind Dichter, die frei.
 
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Sie machen Krieg den Tyrannen
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Und rufen Erhebung euch zu;
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Ihr leert einstimmig die Kannen,
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Und legt um halb eilf euch zur Ruh.
 
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Statt länger mit Griechen zu prahlen
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Und anderm veralteten Schnack,
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Von Goethen entstammt und Vandalen,
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Sei euch auch der Väter Geschmack.
 
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Die Nibe- und Amelungen,
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Und Gunther, Gudrun, oder was?
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Ists auch etwas knarrend gesungen,
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Ein Deutscher! und frägt noch um das?
 
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So viel für die Form. Um die Sache
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Braucht ihr zu suchen nicht weit,
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Der Stoff eurer holprichten Mache
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Sei eben die Wirklichkeit.
 
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Die Helden, die Ruhm sich erworben,
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Nur gestern in eurer Näh,
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Die für die Freiheit gestorben,
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Heißt das in effigie.
 
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Was sonst noch des Fortschritts Bürgschaft:
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Zolleinung und Eisenbahn,
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Zweikammern-, Dreifelder-Wirtschaft,
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Beut sich zum Besingen euch an.
 
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Das Dasein in all seiner Blöße,
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Was sonst als Prosa sich gab;
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Klatscht dichtend die eigene Größe
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Auf graues Löschpapier ab.
 
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Und so, vermengend die Richtung,
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Sei, alles in eines gepackt,
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Ein Daguerrotyp eure Dichtung,
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So ähnlich, als abgeschmackt.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.4 KB)

Details zum Gedicht „An die Überdeutschen“

Anzahl Strophen
20
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
460
Entstehungsjahr
1791 - 1872
Epoche
Biedermeier,
Realismus

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „An die Überdeutschen“ ist Franz Grillparzer. 1791 wurde Grillparzer in Wien geboren. Das Gedicht ist in der Zeit von 1807 bis 1872 entstanden. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Biedermeier oder Realismus zu. Bei dem Schriftsteller Grillparzer handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das Gedicht besteht aus 80 Versen mit insgesamt 20 Strophen und umfasst dabei 460 Worte. Die Gedichte „Der Wunderbrunnen“, „Entsagung“ und „Vorzeichen“ sind weitere Werke des Autors Franz Grillparzer. Zum Autor des Gedichtes „An die Überdeutschen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 298 Gedichte veröffentlicht.

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