Alma von Goethe von Franz Grillparzer

Das hast du nicht gedacht, Gewaltger du,
Als du noch weiltest in der Menschheit Schlacken,
Daß einst dein Enkelkind frühzeitge Ruh
Soll finden in dem »Lande der Phäaken«.
 
Und daß der Mann, der schüchtern vor dir stand,
Den Blick gesenkt vorm hehren Strahl des deinen,
Am fabelgleichen fernen Isterstrand
Bei ihrem offnen Grabe werde weinen.
 
Es kommt so manches anders, als man meint,
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Und ist gekommen, warst du gleich der Weise.
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Die Sonne, wenn sie hoch im Mittag scheint,
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Senkt schon zum Untergang sich mählich leise.
 
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Nach neuen Zonen wendet sich der Geist
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Und läßt, was blank, in grauen Dunkel rosten,
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Ist doch, was uns der ferne Westen heißt,
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Für andre Völker auch zugleich ein Osten.
 
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So drang dein Wort, so kam dein Enkelkind
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In unsre Morgenrot-bestrahlte Fluren;
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Hoch schlug mein Herz, verschönt, wie Weiber sind,
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In ihr zu finden deiner Züge Spuren.
 
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Und so trat ich, zu huldgen, in den Saal,
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Wo schon das Teegerät die Tische krönte,
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Die Frau begrüßend, deines Sohnes Wahl,
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Die dir des Lebens Abendrot verschönte.
 
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Doch war kein weiblich Wesen sonst im Kreis,
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Nur Herren, schwarz, als wär ein Sarg zur Stelle.
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Da öffnet sich die Tür, und hell und weiß
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Tritt kinderhaft das Mädchen auf die Schwelle.
 
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Die ich gedacht mir in der Hoheit Schein,
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Von angestammter Herrlichkeit erglänzend,
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Ein Teebrett in den Händen, trat sie ein,
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Demütig Brot zum heißen Trank kredenzend.
 
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Doch wars, als ob, dem Erlenkönig gleich,
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Des Ahnherrn Geist ob ihrem Scheitel schwebte,
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Und sie, das Kind, dem Kind im Liede gleich,
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Vorm Anhauch einer geistgen Ladung bebte.
 
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Wie an dem Eichstamm, den der Blitz geneigt,
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Die Blume hell empor die Blätter richtet,
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Als ob nicht dein Erzeugter sie erzeugt,
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Als ob ihr Ahn sie Klärchen-gleich gedichtet.
 
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Sie fühlte wohl den Wink der fernen Hand,
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Die Sehnsucht nach dem Land der reinen Lilien,
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Und ging dahin, so stamm- als wahlverwandt,
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Verwaisend und verdoppelnd die Ottilien.
 
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Du aber schaust mit ernstem Blick herab,
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Wo sie der Grund, Beethoven nah, verschlungen,
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Und sprichst kopfschüttelnd ob dem frühen Grab:
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»Das war dir an der Wiege nicht gesungen!«
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.7 KB)

Details zum Gedicht „Alma von Goethe“

Anzahl Strophen
12
Anzahl Verse
48
Anzahl Wörter
345
Entstehungsjahr
1791 - 1872
Epoche
Biedermeier,
Realismus

Gedicht-Analyse

Franz Grillparzer ist der Autor des Gedichtes „Alma von Goethe“. Geboren wurde Grillparzer im Jahr 1791 in Wien. Im Zeitraum zwischen 1807 und 1872 ist das Gedicht entstanden. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Biedermeier oder Realismus zuordnen. Bei dem Schriftsteller Grillparzer handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das 345 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 48 Versen mit insgesamt 12 Strophen. Der Dichter Franz Grillparzer ist auch der Autor für Gedichte wie „Werbung“, „Zwischen Gaeta und Kapua“ und „Erklärung“. Zum Autor des Gedichtes „Alma von Goethe“ haben wir auf abi-pur.de weitere 298 Gedichte veröffentlicht.

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