Gespräch von Hugo von Hofmannsthal

Ihr gleicht nun völlig dem vertriebnen Herzog,
Der zaubern kann und eine Tochter hat:
Dem im Theaterstück, dem Prospero.
Denn ihr seid stark genug, in dieser Stadt
Mit eurem Kind so frei dahinzuleben,
Als wäret ihr auf einer wüsten Insel.
Ihr habt den Zaubermantel und die Bücher,
Mit Geistern zur Bedienung und zur Lust
Euch und die Tochter zu umgeben, nicht?
10 
Sie kommen, wenn Ihr winkt, und sie verblassen,
11 
Wenn Ihr die Stirne runzelt. Dieses Kind
12 
Lernt früh, was wir erst spät begreifen lernten:
13 
Daß alles Lebende aus solchem Stoff
14 
Wie Träume und ganz ähnlich auch zergeht.
15 
Sie wächst so auf und fürchtet sich vor nichts:
16 
Mit Tieren und mit Toten redet sie
17 
Zutraulich wie mit ihresgleichen, blüht
18 
Schamhafter als die festverschloßne Knospe,
19 
Weil sie auch aus der leeren Luft so etwas
20 
Wie Augen stets auf sich gerichtet fühlt.
21 
Allmählich wird sie größer, und ihr lehrt sie:
22 
»Hab du das Leben lieb, dich nicht zu lieb,
23 
Und nur um seiner selbst, doch immerfort
24 
Nur um des Guten willen, das darin ist.«
25 
In all dem ist für sie kein Widerspruch,
26 
Denn so wie bunte Muscheln oder Vögel
27 
Hat sie die Tugend lieb. Bis eines Tages
28 
Ihr sie vermählt mit Einem, den Ihr völlig
29 
Durchschaut, den ihr geprüft auf solche Art,
30 
Die kein unedler Mensch erträgt, als wäre er
31 
Schiffbrüchig ausgeworfen auf der Insel,
32 
Die ihr beherrscht, und ganz euch zugefallen
33 
Wie Strandgut.
 
34 
DER ÄLTERE:
35 
Nun meine ich, ist mir ein Maß geschenkt,
36 
Ein unveränderlich und sichres Maß,
37 
Das mich für immer und untrüglich abhält,
38 
Ein leeres Ding für voll zu nehmen, mich
39 
Für Schales zu vergeuden, fremdem Fühlen
40 
Und angelerntem Denken irgend Platz
41 
In einer meiner Adern zu gestatten.
42 
Nun kann zwar Krankheit, Elend oder Tod
43 
Mich noch bedrohen, aber Lüge kaum.
44 
Dazu ist dies mein neues Amt zu voll
45 
Einfacher Hoheit. Und daran gemessen
46 
Vergeht erlogne Wichtigkeit zu Nichts.
47 
Ins Schloß gefallen sind die letzten Türen,
48 
Durch die ich hatte einen schlimmen Weg
49 
Antreten können. Durch und durch verstört,
50 
Im Kern beschmutzt und völlig irr an Güte
51 
Werd ich nun nicht mehr. Denn mich hat ein Glanz
52 
Vom wahren Sinn des Lebens angeglüht.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.7 KB)

Details zum Gedicht „Gespräch“

Anzahl Strophen
2
Anzahl Verse
52
Anzahl Wörter
353
Entstehungsjahr
1897
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Gespräch“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Hugo von Hofmannsthal. Hofmannsthal wurde im Jahr 1874 in Wien geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1897 zurück. Erschienen ist der Text in Leipzig. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Hofmannsthal ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 353 Wörter. Es baut sich aus 2 Strophen auf und besteht aus 52 Versen. Die Gedichte „Der Kaiser von China spricht“, „Der Schiffskoch, ein Gefangener, singt“ und „Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer“ sind weitere Werke des Autors Hugo von Hofmannsthal. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Gespräch“ weitere 40 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Hugo von Hofmannsthal

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Hugo von Hofmannsthal und seinem Gedicht „Gespräch“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Hugo von Hofmannsthal (Infos zum Autor)

Zum Autor Hugo von Hofmannsthal sind auf abi-pur.de 40 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.