Freihut von Louise Otto-Peters

Von hohen Burgen tobet ein wilder Knappentroß,
Geführt von stolzen Rittern, sie sitzen hoch zu Roß.
Es wehn die Helmenbüsche, es blitzen Schild und Wehr,
So stürmen sie hernieder – wo ist der Feinde Heer?
 
Nicht Feinde sinds, die sie suchen; sie lauern dem Kaufmann auf,
Und seine besten Waren, die nehmen sie ohne Kauf,
Brandschatzen, höhnen die Händler und rauben all ihr Gut –
Und die nicht gleich es geben, die büßens noch mit Blut.
 
Ein sausend Waffenklirren, wie Hagel auf Saaten fährt
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So auf die Warenführer der Wegelagrer Schwert,
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Und wie die Halme sinken, so ohne Widerstand
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Die Händler wehrlos lassen ihr Gut in Räuberhand,
 
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Gefangen, wer sich wehrte; wer fliehen konnte, flieht.
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Ha! welche holde Jungfrau da bei den Waren kniet,
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Ihr Vater ist entkommen – sie wurde festgehalten,
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Wie birgt ihr weinend Antlitz sich in des Schleiers Falten.
 
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„Daß Keiner sie berühre!“ ruft Ritter Adelbrand
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Und richtet auf die Jungfrau, und giebt sein Wort zum Pfand,
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Daß er sie schützen werde vor Unbill, Qual und Schmach
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Mit sanften Trostesworten er zärtlich zu ihr sprach:
 
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„O daß ich trocknen könnte so schöner Augen Zähren
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Und diese bitt’re Stunde zum Troste Euch verklären;“
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Sie sieht mit großen Augen ihn ernst und schweigend an –
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Mit solchen Blickes Zauber hat sie’s ihm angethan.
 
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Und hinter Schloß und Riegel wahrt er die schönste Maid,
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Was seine Burg nur spendet, es ist für sie bereit;
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Ihr Vater läßt ihm bieten ein hohes Lösegeld,
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Doch ist sie feil ihm nimmer, selbst für die ganze Welt!
 
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Wie regungslos und traurig die edle Jungfrau sitzt!
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Wie aus des Ritters Augen ein lodernd Feuer blitzt!
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Er wirft sich vor ihr nieder und spricht das Wort der Minne:
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„Was soll ich thun?“ so sagt er, „daß ich Dein Herz gewinne!“
 
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Aus ihrer Stirne streicht sie des Haares gold’nen Strom –
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Es spiegeln ihre Augen des Himmels blauen Dom.
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Ist’s Licht der Liebessonne am hohen Firmament,
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Ist’s zorn’gen Blickes Zucken, wovon ihr Auge brennt?
 
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„Ihr sprecht von Ritterdiensten – sagt, ist das Ritterart,
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Daß Ihr gemeinen Räubern Euch also beigeschart?
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Daß Ihr friedsame Männer so rücklings überfallt
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Und all’ ihr Gut, mich selber entführet mit Gewalt?“
 
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„Ihr habt ein Heldenantlitz – stolz leuchtet Euer Aug’
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Und könnet doch verleugnen jedweden Heldenbrauch?“ –
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„Halt ein!“ ruft er erschüttert, „sei meine Führerin.
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Dir weih ich meine Thaten und alles was ich bin.“
 
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„Das Lös’geld Deines Vaters ich nehm es nimmer an,
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Frei magst Du zu ihm kehren, denn Du bist frei fortan!
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Doch ich bin jetzt gefesselt – laß mich Dein Sklave sein,
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Laß mich Dich Herrin nennen und sei auf ewig mein!“
 
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„Laß eine Burg uns bauen, Freihut sei sie genannt,
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Von dort aus will ich schützen die Straßen und das Land,
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Vor räuberischen Rittern der Handelsleute Waren;
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Und freie Hut dort finde, wer jetzt nur Not erfahren.“
 
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„Frei magst Du ziehn – ach bleibe und werde mein Gemahl!
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Erhör der Minne Flehen! – doch frei ist Deine Wahl!“
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Und sieh, verschämt und glühend wie eine Ros’ am Hag
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An seinem Heldenherzen die holde Jungfrau lag.
 
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„Mein hoher Herr!“ sie flüstert und neigt sich demutvoll
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Kein Wort mehr beider Lippen, nur Kuß auf Kuß entquoll.
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Doch plötzlich wie erschrocken empor die Jungfrau springt,
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Des Ritters süßem Kosen gewaltsam sich entringt.
 
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Sie denkt des Vaters Lehren, der klugen Muhme Warnen
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Wie manch ein Bürgermädchen die Ritter so umgarnen –
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Sie zittert vor dem Manne in jungfräulicher Scheu
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Und vor dem eignen Herzen – und prüfet seine Treu.’
 
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Sie spricht: „So laßt mich ziehen an meines Vaters Herd,
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Ist Freihut dann erbauet und bin ich Euch noch wert,
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So werd’ ich gern Euch folgen ich harr’ auf Euch in Treuen;
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Dann mag des Vaters Segen den süßen Bund erneuen,“
 
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Wohl blickt er traurig nieder, wohl ist ihm weh ums Herz.
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Doch kann er ihr nicht zürnen. Sie wehret seinem Schmerz,
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Und flüstert bittend leise in seligem Umschlingen:
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„Willst Du mich selbst nicht heimwärts zu meinem Vater bringen?“
 
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Und so geschah’s – wie staunend vor Ritter Adelbrand
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In seiner Warenhalle der Kaufmann rechnend stand:
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Wie viel zum Lösegelde der Ritter fordern werde –
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Bis die befreite Tochter ihr Schicksal ihm erklärte.
 
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Als Jahr und Tag vergangen, da lösten all ihr Wort.
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Schloß Freihut war erbauet, Schutzloser Schirm und Hort –
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Wie manch ein selig Brautpaar die Sonne auch gesehen,
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Doch sel’ger sah sie keines als dies zum Altar gehen.
 
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Und der einst wild geschaltet mit roher Räuber That,
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Jetzt selbst der Bürger Sache vor Kaiser und Reich vertrat.
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So ruft das Weib die Milde im Mannesbusen auf,
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So fördert echte Minne der echten Heldenlauf! –

Details zum Gedicht „Freihut“

Anzahl Strophen
21
Anzahl Verse
84
Anzahl Wörter
756
Entstehungsjahr
1860-1870
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Die Autorin des Gedichtes „Freihut“ ist Louise Otto-Peters. Im Jahr 1819 wurde Otto-Peters in Meißen geboren. Im Jahr 1870 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Leipzig. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her kann der Text der Epoche Realismus zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das 756 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 84 Versen mit insgesamt 21 Strophen. Weitere bekannte Gedichte der Autorin Louise Otto-Peters sind „An August Peters“, „An Byron“ und „An Georg Herwegh“. Zur Autorin des Gedichtes „Freihut“ haben wir auf abi-pur.de weitere 106 Gedichte veröffentlicht.

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