Fernflug von Joachim Ringelnatz

Viel Höflichkeit wird uns am Start geboten.
Die Flugfahrthelfer und Piloten
Sind wohlerzogen, pflichtbewußt
Und jung. Auch die, die alt an Jahren
Sind zeitvoran, doch welterfahren.
 
Da schwellt sich auf dem Festplatz unsre Brust,
Denn Festplatz darf ich diesen Flugplatz nennen,
Mit seinen Masten, Flaggen und Antennen.
Gezähmte Riesenvögel gibt’s zu sehn.
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Dort landen sie in Kurven, sanft gelenkt,
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Torkeln ein wenig, zwei, drei Schritte,
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Daß man an Regenschirm und Raben denkt,
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Und stehn.
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„Aussteigen bitte!“
 
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Und wie nun wir in ihrem Bauch bequem
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In weiche Polsterstühle niedersinken,
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Empfinden wir den Fortschritt angenehm,
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Lächeln durchs Fenster Menschen zu, die winken.
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Und fahren plötzlich über grüne Wiesen
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Im Auto hin. Auto? O nein, wir schweben
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Bereits. Ach, daß wir das erleben,
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Erlernen durften und genießen!
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Wir sind vom Erdball fort, schau’n auf ein Teppichmuster
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Aus Wäldern, Feldern, Spielzeugkram gewebt,
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Werden der Himmelsnähe jäh bewußter.
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Wie klein sich doch da unten alles lebt.
 
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Dort geht ein Dienstmädchen von Stadt zu Stadt.
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Wie ich den weiten Schlängweg überseh,
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Den sie zurückzulegen hat,
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Weiß ich, der tun nachher die Beine weh.
 
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Und wie wir höher streben, werden
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Die Dinge unten winziger, schon sind
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Wagen nur noch Insekten, ist ein Kind
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Nurmehr ein Punkt, und große Rinderherden
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Sehn aus wie Kommas, kreuz und quer gestellt.
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Die Schifflein stehen still im Fluß, sind Würmlein.
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Ein Dorf ist Häufchen Häuschen, um ein Türmlein,
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Und das war unsre sorgenvolle Welt.
 
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„Ei, ei, Herr Nachbar, warum plötzlich
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So blaß – Seekrank? Nein? Drückt Ihr Kissen
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Oder vielleicht Ihr ängstliches Gewissen?
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Der Blick zur Tiefe ist doch höchst ergötzlich!“
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Jetzt: unter uns entrollen sich Balladen.
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Da ziehen dichtgeballte Nebelschwaden,
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Wolkenkolosse hin, bedrückt und stumm
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Und grell von höherer Gewalt besonnt.
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Und Land und Luft verschwimmt am Horizont
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In einer Landschaft aus dem Arktikum.
 
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Und da wir nun noch höher uns erheben
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Und auf die dunkle, starre Erde schauen,
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Wo sich kein Mensch mehr zeigt, kein Tier, kein Leben,
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Als hätte eine Sündflut – – O mit Grauen
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Stell ich mir vor, wir säßen jetzt zu zwein
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In einer Arche Noah ganz allein.
 
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„Nachbar, ich höre Ihren Pulsschlag pochen.
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Sie schielen ängstlich nach den schlanken Knochen,
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Die unsres Vogels Flügel stützen
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Und, wie Sie meinen, unser Leben schützen.
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Es stirbt sich sowieso und überall,
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Und jedes Ding veranlaßt Unglücksfall.
 
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Vergessen Sie nicht töricht über diesen
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Gedanken, schönste Freiheit zu genießen.
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Was Tage einst, das schaffen heute Stunden.
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Noch kurze Zeit, dann werden wir’s erfinden,
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Den Nebel und den Schnee zu überwinden.
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Das Flugzeug selber ist erfunden,
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Und wird so wie die Eisenbahn bestehn.
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Wie die zu jenem sich verhält,
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Gilt’s nicht, daß eins von beiden siege.
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Es reise jeder, wie es ihm gefällt.
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Ich – läßt es irgendwie sich drehn –
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Ich fliege!“
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.1 KB)

Details zum Gedicht „Fernflug“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
451
Entstehungsjahr
1929
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Joachim Ringelnatz ist der Autor des Gedichtes „Fernflug“. Der Autor Joachim Ringelnatz wurde 1883 in Wurzen geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1929. Erscheinungsort des Textes ist Berlin. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Moderne oder Expressionismus zuordnen. Bei dem Schriftsteller Ringelnatz handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das 451 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 9 Strophen. Joachim Ringelnatz ist auch der Autor für Gedichte wie „Abschied von Renée“, „Abschiedsworte an Pellka“ und „Afrikanisches Duell“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Fernflug“ weitere 560 Gedichte vor.

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