Das Singental von Ludwig Uhland

Der Herzog tief im Walde
Am Fuß der Eiche saß,
Als singend an der Halde
Ein Mägdlein Beeren las;
Erdbeeren kühl und duftig
Bot sie dem greisen Mann,
Doch ihn umschwebte lustig
Noch stets der Töne Bann.
 
„Mit deinem hellen Liede,"
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So sprach er, „seine Magd,
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Kam über mich der Friede
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Nach mancher stürm'schen Jagd.
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Die Beeren, die du bringest,
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Erfrischen wohl den Gaum;
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Doch singe mehr! du singest
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Die Seel' in heitern Traum.
 
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Ertönt an dieser Eiche
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Mein Horn von Elfenbein —
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In seines Schalls Bereiche
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Ist all das Waldtal mein;
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So weit von jener Birke
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Dein Lied erklingt rundum,
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Geb' ich im Talbezirke
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Dir Erb' und Eigentum."
 
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Noch einmal blies der Alte
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Sein Horn ins Tal hinaus,
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In ferner Felsenspalte
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Verklang's wie Sturmgebraus;
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Dann sang vom Birkenhügel
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Des Mägdleins süßer Mund,
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Als rauschten Engelflügel
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Ob all dem stillen Grund.
 
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Er legt in ihre Hände
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Den Siegelring zum Pfand:
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„Mein Weidwerk hat ein Ende,
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Vergabt ist dir das Land."
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Da nickt ihm Dank die Hold
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Und eilet froh waldaus;
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Sie trägt im Ring von Golde
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Den frischen Erdbeerstrauß. —
 
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Als noch des Hornes Brausen
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Gebot mit finstrer Macht,
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Da sah man Eber hausen
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In tiefer Waldesnacht;
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Laut bellte dort die Meute,
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Vor der die Hindin floh,
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Und fiel die blut'ge Beute,
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Erscholl ein wild Hallo.
 
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Doch seit des Mägdleins Singen
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Ist ringsum Wiesengrün,
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Die muntern Lämmer springen,
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Die Kirschenhaine blühn,
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Festreigen wird geschlungen
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Im goldnen Frühlingsstrahl;
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Und weil das Tal ersungen,
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So heißt es Singental.
Arbeitsblatt zum Gedicht
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Details zum Gedicht „Das Singental“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
56
Anzahl Wörter
252
Entstehungsjahr
1787 - 1862
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Ludwig Uhland ist der Autor des Gedichtes „Das Singental“. Im Jahr 1787 wurde Uhland in Tübingen geboren. In der Zeit von 1803 bis 1862 ist das Gedicht entstanden. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Romantik kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Der Schriftsteller Uhland ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine Epoche der Kunstgeschichte, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die Literatur, Musik, Kunst und Philosophie prägte. Auf die Literatur beschränkt betrachtet reichen die Auswirkungen der Epoche lediglich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Die Literatur der Romantik (ca. 1795–1848) lässt sich in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) aufgliedern. Die Literaturepoche der Romantik entstand in Folge politischer Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. Im gesamten Europa fand ein Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft statt. Gleichermaßen bildete sich ein bürgerliches Selbstbewusstsein heraus. Industrialisierung und technologischer Fortschritt sind prägend für diese Zeit. Bedeutende Motive in der Lyrik der Romantik sind die Ferne und Sehnsucht sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit. Weitere Motive sind das Fernweh, die Todessehnsucht oder das Nachtmotiv. So symbolisierte die Nacht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Mysteriöse, Geheimnisvolle und galt als Quelle der Liebe. Typische Merkmale der Romantik sind die Hinwendung zur Natur, die Weltflucht oder der Rückzug in Traumwelten. Insbesondere ist aber auch die Idealisierung des Mittelalters aufzuzeigen. Architektur und Kunst des Mittelalters wurden von den Romantikern wieder geschätzt. Strebte die Klassik nach harmonischer Vollendung und Klarheit der Gedanken, so ist die Romantik von einer an den Barock erinnernden Maß- und Regellosigkeit geprägt. Die Romantik begreift die schöpferische Phantasie des Künstlers als unendlich. Zwar baut sie dabei auf die Errungenschaften der Klassik auf. Deren Ziele und Regeln möchte sie aber hinter sich lassen.

Das vorliegende Gedicht umfasst 252 Wörter. Es baut sich aus 7 Strophen auf und besteht aus 56 Versen. Ludwig Uhland ist auch der Autor für Gedichte wie „Trinklied“, „Die Ulme zu Hirsau“ und „Das alte, gute Recht“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Das Singental“ weitere 57 Gedichte vor.

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