Guten Morgen! von Ferdinand Freiligrath

Stand ich droben auf der Eifel Kämmen,
Als der Vollmond durch die Wolken brach;
Breit und blendend sah ich überschwemmen
Seine Lichter See und Kloster Laach.
 
Leiser Windhauch wehte durch die Tale,
Laub und Rohr umflüsterten den Strand,
Und der Flut entreckte sich die schmale,
Jene schmale, weiße Nonnenhand.
 
Anzuschaun wie eine Blum' von ferne,
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Mit den Wellen flog sie auf und ab;
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Rings gespiegelt schwamm das Heer der Sterne:
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Raffte sie's vom Himmel herab?
 
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Winkt' und winkte mir sodann die reine!
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Wie sich schüttelnd rauscht' empor der See;
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Durch die Waldung huschten eigne Scheine;
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Übern Kreuzweg sprang entsetzt das Reh.
 
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War's die Hinde, die in ihren Tränen
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Genoveven weiland sich gesellt?
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Ach, mich faßte schmerzlichsüßes Sehnen
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Nach der sel'gen alten Märchenwelt!
 
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Und beinahe jenem bleichen Finger
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Wär' gefolgt ich durch ihr offnes Tor;
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Doch erwachend, mit mir selbst ein Ringer,
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Rafft' ich stark und mutig mich empor!
 
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See und Kloster, Türm' und Felsenspitzen,
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Wald und Schlucht, wo Genoveva litt
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Einmal noch im Mondschein sah ich's blitzen,
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Und dann wandt' ich herzhaft meinen Schritt!
 
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Eilte fort auf waldbewachsnen Wegen,
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Drauf verwirrend noch der Mondschein lag;
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Ging dem Morgen und dem Rhein entgegen,
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Ging entgegen aus der Nacht dem Tag!
 
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Ließ die Schatten dämmernder Gesichte
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Jubelnd fahren für die Wirklichkeit!
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Sieh, und vor mir hell im Sonnenlichte
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Zog der Rheinstrom, tief und grün und breit!
 
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Zog der Rhein und rührte sich das Leben
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Ja, ins Leben riß mich dieser Strand!
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Nicht erhob er, mir den Gruß zu geben,
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Bleich und zitternd eine Totenhand!
 
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Doch den Handschlag bot er mir, den treuen,
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Eines Volkes frank und unverstellt,
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Das - in Ehrfurcht, aber ohne Scheuen!
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Für sein Recht den Fuß beim Male hält!
 
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O, der bannte, was von Spuk und Sorgen
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Nächtlich noch auf meinem Herzen lag!
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Meinem Volke sagt' ich: »Guten Morgen!«
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Einst, so Gott will, sag' ich: »Guten Tag!«
 
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Guten Morgen denn! - Frei werd' ich stehen
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Für das Volk und mit ihm in der Zeit!
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Mit dem Volke soll der Dichter gehen
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Also les' ich meinen Schiller heut!

Details zum Gedicht „Guten Morgen!“

Anzahl Strophen
13
Anzahl Verse
52
Anzahl Wörter
338
Entstehungsjahr
1844
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Guten Morgen!“ stammt aus der Feder des Autoren bzw. Lyrikers Ferdinand Freiligrath. Geboren wurde Freiligrath im Jahr 1810 in Detmold. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1844. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Freiligrath ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 52 Versen mit insgesamt 13 Strophen und umfasst dabei 338 Worte. Der Dichter Ferdinand Freiligrath ist auch der Autor für Gedichte wie „Eispalast“, „Freie Presse“ und „Springer“. Auf abi-pur.de liegen zum Autoren des Gedichtes „Guten Morgen!“ weitere 59 Gedichte vor.

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