Die weiße Frau von Ferdinand Freiligrath

Man sagt, es läßt die weiße Frau
Sich hier und dorten wieder sehen;
Durch mehr als einen Fürstenbau
Mit fahlem Antlitz soll sie gehen.
In weißer Robe, weiß verbrämt,
Tritt sie aus Wänden und aus Bildern;
Dastehn die Wachen wie gelähmt,
Die in den Korridoren schildern.
 
Wem gilt ihr abermalig Nahn
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Rings in den Reichen und Provinzen?
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Sagt sie, wie sonst, ein Sterben an?
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Tod eines Fürsten oder Prinzen?
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Es könnte sein - ich weiß es nicht!
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Die Rede geht: ein tiefrer Jammer
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Treibt sie hervor ans Tageslicht
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Aus ihrer dunst'gen Totenkammer!
 
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Sie schwebt durch Schlafgemach und Saal,
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Sie beugt sich über goldne Wiegen,
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Sie sieht den Herrn und sein Gemahl
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Auf seidnen Pfühlen schlummernd liegen.
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Sie haucht ihn an: »Was schlummerst du?
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O, daß du sähest meinen Kummer!
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Die Ohren taub, die Augen zu
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Ach, ewig find' ich dich im Schlummer!
 
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Auf, mein Geschlecht! - Hör', wie weithin
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Ein Schrei gellt, den du selbst beschworen!
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Durch meiner Särge doppelt Zinn
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Fühlt' ich ihn spitz mein Herz durchbohren!
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Es ist der Schrei, den um sein Recht
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Das Volk erhebt - annoch in Treuen!
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Du schläfst sehr fest, o mein Geschlecht,
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Zu überhören solch ein Schreien!
 
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Die Toten weckt es in der Gruft
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Herr Gott, und die Lebend'gen schlafen!
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Abschüttl' ich Staub und Moderduft:
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Ich möchte wecken, warnen, strafen!
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Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh'
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Eil', o mein Stamm, dich zu erheben!
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Der Mund des Todes ruft dir zu:
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Erfasse frisch und kühn das Leben!
 
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Du tätest besser, in der Tat,
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Frei das Panier ihm zu entfalten,
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Als am verwitterten Brokat
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Von meiner Bahre dich zu halten!
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O, laß ihn fahren, eh' dich's reut!
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Blick' aus nach Stützen, jüngern, festern!
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Mehr wärmt ein Bauernwams von heut,
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Als Hermelin und Samt von gestern!
 
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O, schrecklich war, was ich beging
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Auf meinem Schloß zu Orlamünde!
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Daß ich als Schatten geh' und ging,
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Es ist ja nur für jene Sünde!
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Die eignen Kinder, lieb und lind,
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Bracht' ich ums Leben dort, o Grauen!
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Doch du auch würgst ein lächelnd Kind
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Du mordest deines Volks Vertrauen!
 
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Laß ab, laß ab - o sieh nicht fort!
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Laß ab - es fleht, es hebt die Hände!
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Laß ab - daß neuer Kindermord
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Des Hauses alten Ruhm nicht schände!
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O glaub': entsetzlich ist ein Fluch!
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Er lastet auf der Brust wie Berge!
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Er sengt wie Wetterstrahl! - Genug!
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Ich kehr' zurück in meine Särge!
 
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Da seh' ich lustig über mir
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Die Welt mit Blumen und mit Gräsern!
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Sarg und Gewölbe, Schloß und Tür
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Ich starr' hindurch, als wär' es gläsern!
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O, daß die Blumen je und je
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Als Kranz um deine Schläfe lachten!
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Daß ich sie nimmer blutig säh'
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Blutig durch dich und dein Mißachten!«
 
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Sie senkt das Haupt, sie ringt die Hand,
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Als ob ein Ahnen dumpf sie quäle.
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Durch zwiefach Schloß und Teppichwand
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Huscht sie davon, die arme Seele.
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In weißer Robe, weiß verbrämt,
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Schwebt sie vorbei den Ahnenbildern;
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Dastehn die Wachen wie gelähmt,
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Die in den Korridoren schildern!

Details zum Gedicht „Die weiße Frau“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
495
Entstehungsjahr
1844
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Die weiße Frau“ ist Ferdinand Freiligrath. Im Jahr 1810 wurde Freiligrath in Detmold geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1844. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Bei Freiligrath handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 495 Wörter. Es baut sich aus 10 Strophen auf und besteht aus 80 Versen. Ferdinand Freiligrath ist auch der Autor für Gedichte wie „Am Birkenbaum.“, „Die Todten an die Lebenden“ und „Eispalast“. Zum Autoren des Gedichtes „Die weiße Frau“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 59 Gedichte vor.

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