Ein Lied vom Tode von Ferdinand Freiligrath

Auf den Hügeln steht er im Morgenrot,
Das gezückte Schwert in der sehn'gen Hand.
»Wer ich bin? Ich bin der Befreiertod!
Bin der Tod für die Menschheit, das Vaterland!
Nicht der Leisetreter am Krankenpfühl,
Der den Greis und das Kind auf die Bahre legt
Nein, der eiserne Stürmer im Kampfgewühl,
Der den Mann und den trotzigen Jüngling erschlägt!
 
Unterm blauen lustigen Himmelszelt,
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Da durchflieg' ich, da licht' ich die jauchzenden Reihn;
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Da werf' ich sie hin auf das Ackerfeld,
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Auf die Blumenflur, auf den Pflasterstein!
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O, wie stirbt es sich schön in der Kraft, im Zorn:
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Sie liegen, emporgewandt den Blick;
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Sie liegen, die Todeswunde vorn
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Und das bleiche, blutige Haupt im Genick!
 
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So lagen die Tapfern an Wien und Spree;
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So lagen die Turner am Eiderfluß;
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So lagen auf jener Schwarzwaldhöh'
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Die Freistaatmänner, gefällt vom Schuß.
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So liegen und lagen sie hundertweis,
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Die der März gefordert und der April;
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So findet sie liegen die Rose des Mais,
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Daß ihr Grab sie bekränze freundlich und still!
 
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Die Rose des Mais! - Ja, was bringt der Mai?
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Ich will es euch sagen: Hieb und Stich!
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Ich will es euch sagen: Trompetenschrei,
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Knatternde Salven und abermals mich!
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Denn ihr sollt euch gründlich und ganz befrein,
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Und das leuchtende Gold, daß die Fahn' euch schmückt,
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Sei die Treffe nicht bloß, die des Lakain,
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Die des Kammerdieners Livree bestickt!
 
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Ja, ihr habt, was ihr tatet, nur halb getan!
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Wer ist, der die Kugel hemmen darf?
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Sie roll' und sie donnre auf ihrer Bahn,
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Bis sie viermal alle Neune warf!
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Euch heißt 'Rebell' der entschiedne Mann,
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Der die volle Freiheit zu fordern wagt?
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Ei, wie man so bald vergessen kann,
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Daß von Aufruhrs Gnaden zu Frankfurt man tagt!
 
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'Demokratische Basis', die 'breiteste' gar!
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'Parlament' und 'Verfassung', 'Kaiser und Reich'!
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Von dem allen ist nur das eine klar:
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Einer 'Basis' bedürft ihr - ja wohl, für euch!
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Eines Stuhles, auf dem ihr behaglich sitzt;
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Eines 'breitesten', drauf ihr breit euch macht!
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Ihr wollt nur ein Jahr, das wie Dreißig blitzt
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Ihr wollt kein Gewitter von Vierzig und acht!
 
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Doch wir schreiben jetzt Achtundvierzig, ihr Herrn!
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Und das Wetter ist da, und ihr haltet's nicht auf!
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Und wie ihr euch stellen mögt und sperrn:
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Es nivelliert bis zu euch herauf!
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Wolken auf Wolken und Strahl auf Strahl,
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Und der Donner kracht, und das Echo gellt:
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Der Odem Gottes wieder einmal
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Reinigt die faul gewordene Welt!
 
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Und der sendet auch mich! Ja, ich kam mit dem März,
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Schreite streng und ernst von Gefild zu Gefild,
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Reiße die Besten, die Kühnsten ans Herz,
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Lasse sie fallen feurig und wild!
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Und so werd' ich schreiten und töten zumal,
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Bis die Sonne folgt auf das Morgenrot!
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O, du Weihelenz in Lust und in Qual
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Vorwärts! ich bin der Befreiertod!«

Details zum Gedicht „Ein Lied vom Tode“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
458
Entstehungsjahr
1848
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Ein Lied vom Tode“ des Autoren Ferdinand Freiligrath. Der Autor Ferdinand Freiligrath wurde 1810 in Detmold geboren. 1848 ist das Gedicht entstanden. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her lässt sich das Gedicht der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Der Schriftsteller Freiligrath ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 458 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 64 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Weitere Werke des Dichters Ferdinand Freiligrath sind „Freie Presse“, „Springer“ und „Von unten auf“. Auf abi-pur.de liegen zum Autoren des Gedichtes „Ein Lied vom Tode“ weitere 59 Gedichte vor.

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