Das Glück und die Liebe von Christian Fürchtegott Gellert

Einst wollten Lieb' und Glück sich sichtbar überführen,
Wer stärker sei, des Menschen Herz zu rühren;
Und Semnon, wie die Sag' erzählt,
Ein Mann, der oft das Glück um seine Gunst gequält,
Ein Mann in seinen besten Jahren,
Ward, um an ihm es zu erfahren,
Vom Glück und von der Lieb' erwählt.
 
Das Glück bot alles auf, was je der Mensch geschätzt.
Was seine Sinne rührt, was je sein Herz ergetzt,
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Wodurch der Stolz sich hebt und zur Bewundrung eilet,
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Ward von der Hand des Glücks dem Semnon itzt erteilet.
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Er sah sich reich, und Marmor schloß ihn ein.
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Sein Zimmer schien der Freuden Thron zu sein;
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Und täglich wuchs die Pracht der schon geschmückten Wände
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Noch durch der Künstler kluge Hände;
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Und täglich wuchs im Speisesaal
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Der Schüsseln und der Diener Zahl,
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Mit ihnen der Bewundrer Menge
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Und der Klienten Lobgesänge.
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Bald fiel ein reiches Erb' an ihn,
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An das er nicht gedacht; kaum war ihm dies verliehn:
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So zog das Glück durch seine Künste
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Schon in den reichsten Lotterien
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Für seinen Freund die Hauptgewinnste.
 
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So ward ein neuer Schatz ihm täglich kund gemacht,
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Bald was sein Kux, bald was sein Schiff gebracht;
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Und so viel Gunst aus seines Glückes Händen
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Blieb alle Pracht zu wenig zu verschwenden.
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Er schlief, berauscht von Freuden, ein,
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Stund auf, den Freuden sich zu weihn.
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Sein Wink war der Verehrer Wille
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Und jeder Tag ein Fest des Glückes und der Fülle.
 
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»Wer zweifelt«, sprach das Glück, »daß mir der Ruhm gebührt?
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Ist Semnon nicht unendlich sehr gerührt?«
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»Vielleicht«, versetzt darauf die Liebe,
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»Rühr' ich sein Herz durch stärkre Triebe;
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Er soll Serinen sehn. Ihr unschuldsvoller Blick
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Besiegt vielleicht dich, mächtig's Glück!«
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Er sah nunmehr die göttliche Serine.
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Ihn rührt der Reiz der edlen Miene;
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Doch mehr als ihr beredt Gesicht
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Das Herz, das aus Serinen spricht.
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Schon scheint der Glanz von seinen Schätzen,
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Schon sein Palast, schon Freund und Wein,
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Schon die Musik ihn minder zu ergetzen.
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»Wie glücklich, wär' ihr Herz erst mein,
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Wie glücklich würd' ich dann nicht sein!
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O Liebe! lehre mich, dies Herz mir zu verdienen,
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Und sprich: wodurch besieg' ich einst Serinen?«
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»Sei«, spricht sie, »kein Verschwender mehr,
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Gieb Schmeichlern weiter kein Gehör.«
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Schon ist er kein Verschwender mehr,
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Schon giebt er Schmeichlern kein Gehör.
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»Such' deine Lust in stillern Freuden;
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Sei gütig, liebreich und bescheiden;
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Und liebe nicht dein Glück zu sehr.«
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Schon suchte Semnon stillre Freuden;
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Schon ward er liebreich und bescheiden;
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Serine floh ihn schon nicht mehr,
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Serine gab ihm schon Gehör
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Und ward die Seele seiner Freuden.
 
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»Die Liebe«, sprach das Glück, »scheint Semnon vorzuziehn;
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Allein mehr als zu bald soll er Serinen fliehn.
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So viel ich ihm geschenkt, so viel sei ihm entrissen!
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Wird ihm die Liebe wohl der Armut Qual versüßen?«
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Das Glück verließ ihn drauf, und Semnons Gut verschwand.
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Kein Bergwerk half ihm mehr, kein Schiff kam mehr ans Land;
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Sein Reichtum ward der List und der Gewalt zur Beute,
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Und nichts blieb ihm von dem, was sonst sein Herz erfreute,
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Nichts als sein treues Weib, im widrigsten Geschick
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Sein Beistand und auf stets sein Glück.
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Durch Fleiß entrissen sie sich der Gefahr zu darben;
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Und froh genossen sie, was sie durch Fleiß erwarben.
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Umsonst versprach das Glück, ihn doppelt zu erfreun,
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Wenn er der Lieb' entsagen wollte.
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»Nein«, rief er, »wenn ich auch ein Krösus werden sollte,
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Ging ich doch nie dein Anerbieten ein.
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Die Liebe läßt mich weiser sein,
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Als daß ich dich mir wieder wünschen wollte.
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Serine, komm'! Mein Herz bleibt dein;
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Viel besser, ohne Glück als ohne Liebe sein.«
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»Ja, Semnon, ja, mein Herz ist dein;
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Viel besser, ohne Glück als ohne Liebe sein.«

Details zum Gedicht „Das Glück und die Liebe“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
83
Anzahl Wörter
607
Entstehungsjahr
1715 - 1769
Epoche
Aufklärung

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Das Glück und die Liebe“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Christian Fürchtegott Gellert. Geboren wurde Gellert im Jahr 1715 in Hainichen. Im Zeitraum zwischen 1731 und 1769 ist das Gedicht entstanden. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Aufklärung zu. Der Schriftsteller Gellert ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 83 Versen mit insgesamt 5 Strophen und umfasst dabei 607 Worte. Der Dichter Christian Fürchtegott Gellert ist auch der Autor für Gedichte wie „Der junge Krebs und die Seemuschel“, „Die beiden Wandrer“ und „Die Lerche“. Zum Autor des Gedichtes „Das Glück und die Liebe“ haben wir auf abi-pur.de weitere 162 Gedichte veröffentlicht.

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