Ein Winterbild von Rudolf Lavant

Septembermild, o Jahr, gingst du zur Rüste.
Es stockte nicht vor Frost das warme Blut;
Vom Bodensee bis zu des Nordmeers Küste
Floß frei von Eis der Bäche rasche Fluth.
Nicht schaarten fröstelnd um des Herdes Brände
Und frierend sich, die gerne thätig sind;
Es rührten emsig sich die fleiß’gen Hände
Und schafften rüstig Brot für Weib und Kind.
 
Mit lauen Lüften ging das Jahr zu Ende
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Und kaum die Nächte brachten linden Frost;
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Doch feindlich immer ist die Jahreswende
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Und eisig plötzlich wehte es von Ost.
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In Fesseln waren Bach und Fluß geschlagen,
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Die munter rinnenden, in einer Nacht,
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Und heim vom Baue ward die Axt getragen,
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Die wie bisher zu schwingen man gedacht.
 
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Ein schlimmer Wechsel für der Arbeit Schaaren!
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Und starke Männer seufzen weit und breit,
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Ziehst du herauf mit Rauhfrost in den Haaren,
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Du unheilvolle, arbeitslose Zeit.
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Sie ist der Stärksten, Muthigsten Bezwinger,
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Denn mit der Arbeit mangelt es an Brot,
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Und tückisch klopft mit ihrem Knochenfinger
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An ihrer Hütte Thür die bleiche Noth.
 
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Es fehlt an Brot und Brot ist kostbar heuer.
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Es macht sich geltend, wenn der Nordwind schnaubt,
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Daß Brot und Mehl seit letzter Ernte theuer,
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Daß ihr durch Zölle sie emporgeschraubt.
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An unsern Grenzen lagern schwere Frachten –
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Wie sollten sie dem Volk willkommen sein,
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Indessen wir sie fern zu halten trachten!
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Das fremde Korn, wir lassen’s nicht herein!
 
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Und wenn die junge Saat im Felde leidet,
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Weil sie kein Schnee mit warmer Hülle deckt –
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„Ich wüßte nicht, wie das in Fleisch uns schneidet,
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Die unser Geld in Gütern wir gesteckt.
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Im Gegentheil, wir würden Amen! sagen,
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Da es „gesunde Preise“ uns verspricht.
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Das Volk? Mein Gott, das Volk kann viel ertragen
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Und über Nacht verhungert es uns nicht!“
 
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So scheint es dem, der seine Zeit verlungert
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Und, sanft gelangweilt, in Berlin flanirt.
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Doch wenn man auch allmälig nur verhungert
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Und sich unmerklich aus der Welt verliert –
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Wer ließe je es als erträglich gelten,
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Dies Mühn und Ringen um ein Leichentuch?
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Wer knirschte nicht der besten aller Welten
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Mit fahlen Lippen einen Abschiedsfluch?
 
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Gewiß, das Volk kann maßlos viel ertragen
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Und stummes Dulden ist sein Element –
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Doch leider, leider hat es einen Magen
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Und der ist radikal und konsequent.
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Der lässt kein X je für ein U sich machen,
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Der ist in seiner Art ein großes Licht –
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Er lernt im Handumdrehn die schwersten Sachen
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Und er vergißt vor allen Dingen nicht.
 
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Glaubt mir, er wird den Sachverhalt erfassen,
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Den dieser Winter kurz und klar ihm bot –
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„Jenseits der Grenzen fremdes Korn in Massen,
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Diesseits der Grenzen bittertheures Brot.“
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Das wird euch bei der nächsten Wahl entreißen
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Im Reichstag manchen wohlgewärmten Sitz –
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Des Magens Knurren wird dem Volk beweisen
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Im Wahlkampf mehr als eurer Redner Witz.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.7 KB)

Details zum Gedicht „Ein Winterbild“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
454
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Rudolf Lavant ist der Autor des Gedichtes „Ein Winterbild“. Im Jahr 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1893 entstanden. In Stuttgart ist der Text erschienen. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Naturalismus oder Moderne kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das vorliegende Gedicht umfasst 454 Wörter. Es baut sich aus 8 Strophen auf und besteht aus 64 Versen. Rudolf Lavant ist auch der Autor für Gedichte wie „An Herrn Crispi“, „An das Jahr“ und „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“. Zum Autor des Gedichtes „Ein Winterbild“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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