Ein Gefangener von Louise Otto-Peters

Auf des Erzgebirges Kamme
Stand der Berge freier Sohn,
Hohen Geistes Feuerflamme
Schien aus seinem Aug’ zu lohn,
Unter goldnen Lockenhaaren
Glänzt auf hoher Stirn geschrieben:
In dem Dienst des Ewigwahren
Bin ich fest und treu geblieben.
 
Wie ein Held vergangner Zeiten
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Schwert und Leier in dem Arm,
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Für das Recht bereit zu streiten
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Gegen mächt’ger Feinde Schwarm,
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Mit dem Liede, mit dem Schwerte,
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Mit der Schrift voll hohem Sinne,
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Den Verlassnen ein Gefährte,
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Treu und keusch im Dienst der Minne.
 
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Also auf der Heimat Fluren
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Blickt er sinnend her um sich
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Bei des Frühlings ersten Spuren,
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Da der Winter zagend wich –:
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„Ein Gefangner!“ hört man flüstern,
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Sei’s auch nur von seinem Hüter,
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Oder von des Waldes Rüstern,
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Die ihn grüßen als Gebieter.
 
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Ein Gefangner schon seit Jahren
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Und verurteilt jahrelang,
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Weil, die Freiheit zu bewahren,
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Er das Schwert im Kampfe schwang –
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Und nun heut von seiner Kette
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Auf den einen Tag befreit –
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Zu des Vaters Sterbebette
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Gab sein Wächter ihm Geleit.
 
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Horch! ihn grüßt der Freiheit Lerche,
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Die von fern er nur gehört,
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Grüßend stehn die alten Berge
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Seiner Heimat hoch verehrt.
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In dem dunklen Tannenwalde
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Tönt’s im Lispeln und im Rauschen:
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Sieh! noch bin ich ganz der alte,
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Willst mich nicht dem Kerker tauschen?
 
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Wohl bekannt hier alle Wege,
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Manch ein sichrer Zufluchtsort;
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Fliehe auf vertrautem Stege,
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Flieh’ von Deinem Wächter fort!
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Also rufen tausend Laute
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Lockend in das freie Leben
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Dem, der nur den Kerker schaute,
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Der noch lang ihn soll umgeben.
 
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Fraß der Gram am Vaterherzen
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Um den langgefangnen Sohn,
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Daß er stirbt in Sehnsuchtsschmerzen,
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Wird der Tod nicht auch bedrohn
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Seiner Mutter teures Leben,
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Wenn er fort im Kerker schmachtet?
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Wird die Braut – er sieht sie schweben,
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Winken – und sein Blick umnachtet.
 
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Und er träumt von süßen Wonnen,
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Sieht die zitternde Gestalt,
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Wie aus ihrer Augen Bronnen
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Liebesblick und Thräne wallt –
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Weiß, er kann ihr Trauern enden
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Kann entfliehn, sich ihr vereinen!
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Ihr Geschick in seinen Händen:
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Sel’ges Lächeln wird dies Weinen! –
 
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Doch – er hat sein Wort gegeben
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Und man hat dem Wort vertraut:
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Nicht den Fuß zur Flucht zu heben,
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Wenn die Heimat er erschaut.
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Seinem Richter, seinem Hüter
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Hat im Handschlag er’s versprochen,
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Sei’s um alle höchsten Güter:
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Nie hat er sein Wort gebrochen. –
 
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Er betritt die heim’sche Hütte,
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Küßt des kranken Vaters Hand –
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Aus der Seinen trauter Mitte
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Tiefbewegt der Wächter schwand.
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„Diesem Mann kann ich vertrauen!“
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Murmelt er mit nassen Blicken,
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„Möcht’ ihn gern wo anders schauen,
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Als zurück zum Kerker schicken.“ –
 
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Mit des Vaters letztem Segen
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Der Gefangne tritt hinaus;
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Ruft dem Wächter leis’ entgegen:
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„Führ’ mich wieder in Dein Haus.
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Habe Dank für diese Stunden,
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Die zum Troste mir geworden!“
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Frei und stolz und ungebunden
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Kehrt er zu des Kerkers Pforten.

Details zum Gedicht „Ein Gefangener“

Anzahl Strophen
11
Anzahl Verse
88
Anzahl Wörter
459
Entstehungsjahr
1850-1860
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Ein Gefangener“ der Autorin Louise Otto-Peters. Otto-Peters wurde im Jahr 1819 in Meißen geboren. 1860 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Leipzig. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Realismus kann auf Grund er Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten der Autorin vorgenommen werden. Die Richtigkeit der Epoche sollte vor Verwendung geprüft werden. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da es keine starren zeitlichen Grenzen bei der Epochenbestimmung gibt, können hierbei Fehler entstehen. Das Gedicht besteht aus 88 Versen mit insgesamt 11 Strophen und umfasst dabei 459 Worte. Die Dichterin Louise Otto-Peters ist auch die Autorin für Gedichte wie „An Alfred Meißner“, „An August Peters“ und „An Byron“. Zur Autorin des Gedichtes „Ein Gefangener“ haben wir auf abi-pur.de weitere 106 Gedichte veröffentlicht.

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