Ein Gedankenbrief von Rudolf Lavant

Die letzte Nacht vor einer langen Reise!
Ich weiß es kaum, wie mir der Abend schwand.
Dann stand ich auf. In alter, schlichter Weise
Gabst du zum Abschied lächelnd mir die Hand.
Ich schlug den Blick vor deinem Auge nieder,
Dir zu verbergen meiner Seele Pein.
Es wird mir schwer und dennoch muß es sein –
Ich gehe fort und kehre nimmer wieder!
 
Wie ist so fremd mir dieses stete Schwanken,
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Der Lippe Beben und der Stirne Brand!
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Doch wie im Fieber hasten die Gedanken
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Und keiner hält für Augenblicke Stand.
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Zum Herzen schießt das Blut in heißen Wellen;
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Ich sage mir verzweifelnd: „Sei ein Mann!"
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Und dennoch schlägt’s und hämmert’s fort – ich kann
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Bezwingen nicht den trotzigen Rebellen.
 
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Wie ist mir’s nur, als ich bei dir, gelungen,
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Zu unterdrücken eisern mein Gefühl?
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Hab’ ich so völlig meine Qual bezwungen,
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Daß ich dir ruhig schien, gefaßt und kühl,
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Und daß du mich in diesen letzten Stunden,
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In denen mild die Welt du mir verschönt
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Ein wenig düstrer nur, als du gewöhnt,
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Und karg an Worten, wie auch sonst, gefunden?
 
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Du solltest nicht, was ich beschlossen, ahnen,
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Und ahnen nicht, daß nahe der Moment,
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Der jäh und feindlich unsre Lebensbahnen
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Und der uns selbst für alle Zeiten trennt,
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Und wenn ich nicht Lebwohl dir traurig sage –
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Vergib es mir und trag es mir nicht nach!
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Ich wußte wohl, daß meine Fassung brach
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Vor einem Blick, vor einem Laut der Klage.
 
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Wozu mein Kind, da alles doch vergebens,
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Auch diese letzte, herbste Marter noch?
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Denn hießest du die Krone deines Lebens
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Ein Liebeswort von mir – ich ginge doch!
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Es wird genug des Leids dir widerfahren.
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Nach meinem eig’nen Fühlen frag’ ich nicht,
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Und höher steht, als Alles, mir die Pflicht,
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Dir diese Qual in Milde zu ersparen.
 
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Nun kommt es anders. Wenn die Nacht entwichen,
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Die sanft und still in ihren Arm dich nahm,
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So sagt man dir: „Er hat sich fortgeschlichen
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Bei Nacht und Nebel, plötzlich, wie er kam.
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Nicht eine Zeile hat er uns geschrieben –
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Schloß ein Geheimnis seinen bleichen Mund,
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Ist eine Schuld des jähen Flüchtens Grund?
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Wer kann errathen, was ihn fortgetrieben?"
 
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Ich weiß, du wirst erbleichen und erschrecken,
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Von tausend Zweifeln ungestüm bedrängt,
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Und mit der Hand die Augen stumm bedecken,
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An deren Wimper eine Thräne hängt.
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Dann wirst gelassen wieder du erscheinen;
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Dein Fühlen kündet weder Blick noch Wort,
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Doch nur zu bald schleichst du dich heimlich fort,
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Um dich in stiller Kammer auszuweinen.
 
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Dein müdes Auge forscht in meinem Zimmer –
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Kann nicht ein Buch, ein Blatt vergessen sein,
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Das treulich du nach Mädchenart für immer
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Bewahren würdest im geheimsten Schrein?
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In dieser Stunde wirst du es erkennen,
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Wie lieb du doch den fremden Mann gehabt,
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Dem ihr bei euch ein friedlich Obdach gabt –
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Und „du" sogar wirst du ihn seufzend nennen.
 
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Wie ich im Geist es schaue, wird’s geschehen;
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Ich hab’s am ersten Tage, armes Kind,
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An tausend kleinen Zügen schon gesehen,
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Die viel beredter als die Worte sind.
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Doch wird sich krampfhaft dann dein Herz verschließen;
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Du bist von stolzem und von hohem Sinn
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Und giebst dein Fühlen wehrlos nicht dahin
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An einen Mann, der lieblos sich erwiesen.
 
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Du wirst dir selbst nach langem Sinnen sagen;
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„Ich täuschte mich: er war nicht, was er schien,
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Und Schwäche wär’ es, Leid um den zu tragen,
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Der mich nicht lieben konnte, wie ich ihn.
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Ich darf ihm nicht und werde nie ihm fluchen;
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Verdiente Buße für vermessnen Wahn
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Ist mir verhängt; er hat mir nichts gethan –
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Ich aber werde zu vergessen suchen."
 
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Und mich laß hoffen, daß es dir gelinge!
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Du bist kein schwaches, leicht zerknicktes Rohr,
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Und über Leid und Trauer trägt die Schwinge
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Des Jugendmuths nach Wochen dich empor.
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Weil ich dich liebe, stark und unermessen,
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Weil ich dich liebe, innig, wahr und rein,
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Weil du mir theurer, als mein eignes Sein,
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Hab ich für dich nur einen Wunsch – „Vergessen."
 
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Daß sich mein Bild verschleire und verbleiche,
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Daß rasch und spurlos deine Wunde heilt,
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Und daß dich selten nur ein Traum beschleiche
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Von jener Zeit, da ich bei dir geweilt,
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Daß deine Augen still sich wieder lichten
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Zu wunderbarem, sonnenhaftem Schein –
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Dies feste Hoffen wird mir Kraft verleihn
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Auf rauher Bahn und tröstend auf mich richten.
 
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Und sei auch nicht in Sorge meinetwegen!
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Ich bin von harter, festgefügter Art,
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Und geht mir’s schlimm – was ist an mir gelegen,
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Der ich gefaßt auf stürmevolle Fahrt?
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Spült vom Verdeck mich einer Sturzsee Welle,
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Wirft aus den Raaen mich ins Meer der Nord,
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So hallt’s durch’s Sprachrohr: „Einer über Bord!"
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Und schweigend nimmt ein andrer meine Stelle.
 
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Ich murre nimmer, daß mir zugefallen
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Dies kämpfereiche, schmerzenvolle Loos.
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Es ist das schönste, edelste von allen –
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Der Dienst der Freiheit macht den Kleinen groß.
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Er stählt den Arm der Schüchternen und Schwachen,
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Auf dunklen Pfaden ist er Stern und Licht,
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Er kann sie kühn vor peinlichem Gericht
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Und heiter selbst in Kerkermauern machen!
 
113 
Ich klage nicht und werde weiter fechten,
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Ein treuer Kämpe, bis mein Auge bricht –
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Doch in dies Loos ein zartes Weib verflechten,
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Dess' Schmerz verdoppelt mir zum Herzen spricht?
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Ich würde zittern, säh’ ich stumm sie leiden,
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Verriethe mir ihr Blick geheime Pein –
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Gefaßt auf Alles bin ich nur allein:
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Da hast du, Kind, den Grund für dieses Scheiden!
 
121 
Auf deinen Lippen schwebt noch eine Frage.
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So höre denn. Ich bin ein armer Mann,
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Der kärglich lebt, den jeder seiner Tage
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Erbarmungslos aufs Pflaster werfen kann,
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Ein armer Mann, der völlig ungeborgen
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Dem Loos des Siechthums gegenübersteht
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Und einem Greisenthum entgegengeht,
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Das aller Pflege bar und voller Sorgen.
 
129 
Ich hab’ es immer flüchtig nur erwogen,
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Es ging dem Herzen nie besonders nah,
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Und immer war der Eindruck rasch verflogen –
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Da kam der Tag, da ich zuerst dich sah!
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In meiner Seele war ein plötzlich Tagen
134 
Und ich empfand es kalt und klar und scharf,
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Daß ich kein Glück vom Leben fordern darf
136 
Und daß nur eine Wahl mir bleibt: „Entsagen!"
 
137 
Bevor zu euch des Wandermüden Schritte
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Der blinde Zufall launenhaft geführt,
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Hat nie mein Mund gestammelt eine Bitte,
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Hat nie ein Weib mein trotzig Herz gerührt,
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Und sah an Liebesweh ich Andre kranken,
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Hab’ ich gezürnt, gespottet und gelacht.
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Mir lag es fern – ich war ja Tag und Nacht
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Bestürmt von schweren, quälenden Gedanken.
 
145 
Nun ist dies Weh auch über mich gekommen,
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Unwiderstehlich und mit einemmal.
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Ich sonnte mich, beseeligt und beklommen,
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In deines Auges mildem, warmem Strahl;
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Es war mir oft, als ob in Tränen schwimme
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Das Auge mir, wenn wundersam berauscht
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Ich deinem sanften, klaren Wort gelauscht –
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Es war Musik für mich in deiner Stimme.
 
153 
Auch über dir sah ich den Zauber walten –
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Du standest bald in meines Wesens Bann;
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In deiner Seele sah ich sich entfalten
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Bewußte Liebe für den fremden Mann.
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Von Jubel wollte mir die Brust zerspringen,
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Doch auf der Lippe fror der Freudenlaut –
159 
Ich schrak zusammen bei dem Worte „Braut",
160 
Denn war es mir erlaubt, dich zu erringen?
 
161 
Schwer in die Rechte ist mein Haupt gesunken;
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Ich sann und sann in ruheloser Pein
163 
Und dann erlosch im Blick der letzte Funken,
164 
Und meine Antwort war ein traurig „Nein!"
165 
Ein trautes Heim – wir dürfen’s nicht erstreben;
166 
Es steht ein Engel mit dem Flammenschwert
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Vor diesem Eden, der den Eintritt wehrt,
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Und ewig liegt ein Fluch auf unserm Leben!
 
169 
Wär’s nur um uns – vielleicht daß doch am Ende,
170 
In einem dunklen, sel’gen Augenblick,
171 
Ich in mir selbst den Mut zur Frage fände,
172 
Ob du bereit, zu theilen mein Geschick;
173 
Und wolltest furchtlos du mit mir es wagen,
174 
Zum Trotz dem Zweifel, der dein Herz beschlich
175 
Und warnend sprach und mahnend wider mich –
176 
Ich würde stets dich auf den Händen tragen!
 
177 
Wir würden treulich unsre Armuth theilen;
178 
Von meiner Stirn strichst du die Falten fort,
179 
Du würdest alle meine Wunden heilen
180 
Mit einem Lächeln, einem Liebeswort.
181 
Du würdest lernen, männlich zu empfinden,
182 
Und was auch immer in der Tage Rest
183 
Mir noch verhängt – du würdest stolz und fest
184 
Dich deinem Gatten enger nur verbinden.
 
185 
Doch – Kinder würden unsrem Bund entstammen,
186 
Die hilflos sind, wenn unsre Stunde schlug
187 
Bevor sie groß. Krampft sich dein Herz zusammen?
188 
Irrt um die Lippe dir ein bittrer Zug?
189 
Schon der Gedanke würde mich entmannen.
190 
Den düstern Traum von einer Zeit der Noth,
191 
Da meine Kinder hungernd schrei’n nach Brot –
192 
Ich hätte nie die Kraft, ihn zu verbannen.
 
193 
Ich würde schreiben wie zuvor und sprechen;
194 
Mich treibt der Geist, ich kann nicht widerstehn;
195 
Du aber weißt, daß ewig ein Verbrechen
196 
Im freien Wort die Staatenlenker sehn.
197 
Es würden nachts empor die Häscher steigen
198 
Auf steiler Treppe zu dem kühnen Mann,
199 
Und sollst du seufzend deinen Kindern dann
200 
Den Vater hinter Gitterstäben zeigen?
 
201 
Wie würd’ ich froh ein Töchterchen begrüßen
202 
Mit deinen Augen groß und tief und klar,
203 
Mit deiner reinen Stirn und deinem süßen,
204 
Undschuld’gen Mund und deinem blonden Haar.
205 
Doch säh’ im Geist ihr Auge ich geröthet,
206 
Das ohne Rast, vom Morgen bis zur Nacht
207 
Der Nadel Stiche prüfend überwacht,
208 
Und allen Jugendmuth in ihr getödtet.
 
209 
Und könntest dann du einen Buben pflegen,
210 
Der einen Mann voll Mark und Saft verspricht,
211 
Der an der Brust der Mutter schon verwegen
212 
Mit seinen kleinen, dicken Ärmchen ficht,
213 
Ein muntres Kind mit krausen, schwarzen Haaren –
214 
Ich würde mir für meinen kleinen Sohn
215 
Verkürzen willig meinen kargen Lohn
216 
Und mir den Bissen gern vom Munde sparen.
 
217 
Doch wenn er früh befähigt und berufen
218 
Zum Forscher sich, zum klaren Denker zeigt,
219 
Wenn rasch und kühn und freudig er die Stufen
220 
Der Treppe, die kein Ende nimmt, ersteigt,
221 
Wenn all' sein Sehnen ist, in vollen Zügen
222 
Den Durst zu stillen, der ihn stumm verzehrt,
223 
Zu lernen Alles, was des Lernens werth –
224 
Wie soll der Arme diesem Drang genügen?
 
225 
Wie könnt ich je die Lehrer ihm bezahlen
226 
Und all’ die Bücher, die er haben muß,
227 
Dieselben Bücher, die zu tausend Malen
228 
Des Reichen Sohn verwünscht voll Ueberdruß?
229 
Soll er des Lernens Lust nur darum kosten,
230 
Damit bei niedrem, seelenlosem Thun
231 
Des Geistes Kräfte später nutzlos ruhn,
232 
Bis sie zuletzt verkümmern und verrosten?
 
233 
Und weiter dann. Man nimmt der armen Mutter
234 
Den Sohn, die Stütze ihres Witwenthums –
235 
Sie brauchen ewig ja Kanonenfutter
236 
Für neue Thaten kriegerischen Ruhms.
237 
Man preßt den Sohn des Freien zum Soldaten;
238 
Das Kalbfell rasselt, das Kommando hallt,
239 
Und wenn er knirschend auch die Fäuste ballt –
240 
Man zwingt zum „Hurrah" ihn bei den Paraden.
 
241 
Und wenn die Kaiser wieder Krieg beschließen –
242 
Was hilft es ihm, wenn er es Frevel nennt,
243 
Auf arme Menschen kalten Bluts zu schießen,
244 
In deren Reihen er nicht Einen kennt?
245 
Mit Kreuz und Bändern kehrt zum Vaterlande,
246 
Der mit dem Stahl in Feindesbrust gewühlt, –
247 
Dein armer Sohn, der menschlicher gefühlt,
248 
Wird mit durchschossner Stirn verscharrt im Sande.
 
249 
Auch dieses Bild, mein Kind, gebietet – Scheiden!
250 
Sieh’, tausendmal, wenn stumm an mir genagt
251 
Des armen Volkes hoffnungsloses Leiden,
252 
Hab’ ich in finstrem Trotze mich gefragt:
253 
Warum uns selbst erneu’n in armen Kindern,
254 
Die man gleich uns zeitlebens scheert und melkt?
255 
Wenn wir beschließen, daß der Baum verwelkt,
256 
Der fluchbelastete – wer kann es hindern?
 
257 
Wer kann uns wehren, selbst uns zu vernichten?
258 
Wer hat die Stirne und den Frevelmuth,
259 
Das arme Volk moralisch zu verpflichten,
260 
Sich zu verjüngen stets in Fleisch und Blut?
261 
Nicht eine Faser mehr, nicht einen Tropfen,
262 
Da unsre Klasse doch nur dazu taugt,
263 
Daß man das Mark ihr aus den Knochen saugt,
264 
Und dazu noch, des Krieges Schlund zu stopfen!
 
265 
Wenn sie die Thore der Fabriken schließen,
266 
Weil Niemand fragt nach ihrem Hungerlohn,
267 
Was kümmert’s uns, die doch nicht mit genießen?
268 
Wir sehen’s kühl, mit schadenfrohem Hohn,
269 
Und wenn der letzte Proletar auf Erden
270 
Mit einem Fluche in die Grube fährt,
271 
Was kümmert’s ihn, wer dann die Herrn ernährt?
272 
Sie mögen sehen, wie sie fertig werden!
 
273 
Man wies uns fort vom reichen Tisch des Lebens,
274 
Wir galten minder als ein schönes Thier –
275 
Mit euren Brocken lockt ihr uns vergebens,
276 
Und wer zuletzt verhungert, das seid ihr!
277 
Ihr solltet heimlich um den Bau wohl zittern,
278 
Den ihr im Schlaf dem Riesen aufgelegt,
279 
Denn wenn er träumend seine Schultern regt,
280 
So birst die Säule und die Balken splittern!
 
281 
Wen solche Träume oft und oft beschleichen
282 
In schwüler Nacht, bei fahler Blitze Licht,
283 
Der darf die Hand dir nicht zum Bunde reichen,
284 
Der taugt zum Gatten und zum Vater nicht.
285 
Ich würde nie das Bleiben mir vergeben,
286 
Und mein Verhängnis treibt mich fort von hier.
287 
Leb’ wohl, mein Kind! – Und leichter sei, als mir
288 
Und lebenswerther immer dir das Leben!

Details zum Gedicht „Ein Gedankenbrief“

Anzahl Strophen
36
Anzahl Verse
288
Anzahl Wörter
2076
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Rudolf Lavant ist der Autor des Gedichtes „Ein Gedankenbrief“. 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1893 entstanden. Stuttgart ist der Erscheinungsort des Textes. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 2076 Wörter. Es baut sich aus 36 Strophen auf und besteht aus 288 Versen. Weitere Werke des Dichters Rudolf Lavant sind „An den Kladderadatsch“, „An die Frauen“ und „An die alte Raketenkiste“. Zum Autor des Gedichtes „Ein Gedankenbrief“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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Zum Autor Rudolf Lavant sind auf abi-pur.de 96 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.