Drei Tage Tirol von Joachim Ringelnatz

Ich bin nach Tirol gereist
Und hab das Zuhause vergessen.
Ich habe viel Freiheit gefressen
Und viel Gesellschaft gespeist.
Landschaften hab ich gesoffen
Und Illusionen geraucht.
 
Die Menschen, die ich getroffen,
Standen meist so zu den Sternen,
Daß man, um sie kennenzulernen,
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Nicht erst zu verreisen braucht.
 
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Das nennt man Drahtseilbahn: Es hing
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Ein Zündholzschächtelchen an Zwirn.
 
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Und ein Gewitter kam. – Das ging
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Mir superior durch Herz und Hirn.
 
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Wie tut ein wildes Wandern wohl,
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Wenn man sein Einsamgehn durchleuchtet!
 
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An allen Stellen angefeuchtet
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Kam ich nach Hause aus Tirol.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.3 KB)

Details zum Gedicht „Drei Tage Tirol“

Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
18
Anzahl Wörter
90
Entstehungsjahr
1929
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Drei Tage Tirol“ wurde von Joachim Ringelnatz verfasst, einem deutschen Schriftsteller und Kabarettist, der von 1883 bis 1934 lebte. Aus diesem Zeitrahmen lässt sich schließen, dass es vermutlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert geschrieben wurde.

Der erste Eindruck des Gedichts ist, dass es eine ironisch-kritische Betrachtung einer Reise ist. Der Autor hinterfragt hektisches Reisen und den „Tourismuskonsum“. Das lyrische Ich schildert seine Erfahrung einer Reise nach Tirol, bei der er die Ortswechsel und das Eintauchen in eine andere Umgebung sinnbildlich als „fressen“, „speisen“, „saufen“ und „rauchen“ darstellt. Die Treffen mit den Menschen scheinen oberflächlich und unbedeutend, da er bemerkt, dass er nicht hätte reisen müssen, um solche Leute zu treffen.

Ringelnatz benutzt ungewöhnliche und überraschende Metaphern, um seine Erlebnisse zu schildern, so etwa das Zündholzschächtelchen, das an einem Zwirn hängt, als Metapher für die Drahtseilbahn. Ein Gewitter wird als etwas dargestellt, das „superior durch Herz und Hirn“ geht, ein möglicher Hinweis auf die Macht der Natur gegenüber dem Menschen. Schließlich greift er das Thema Einsamkeit auf und stellt es in Verbindung mit dem Wandern, was dem Gedicht eine introspektive Note verleiht.

Das Gedicht ist nicht in traditionellen Reimformen verfasst, was zur allgemein ironischen und humorvollen Stimmung von Ringelnatz’ Werken passt. Die Sprache ist umgangssprachlich und bildhaft, mit kraftvollen Verben, die intensive Aktionen und Erfahrungen vermitteln. Insgesamt interpretiere ich das Gedicht als eine Art satirischen Kommentar auf unser modernes Verhältnis zum Reisen, bei dem wir oft mehr daran interessiert sind, Erfahrungen zu sammeln und zu konsumieren, als wirklich zu erleben und zu verstehen.

Weitere Informationen

Das Gedicht „Drei Tage Tirol“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Joachim Ringelnatz. 1883 wurde Ringelnatz in Wurzen geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1929 zurück. In Berlin ist der Text erschienen. Das Gedicht lässt sich anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Moderne oder Expressionismus zuordnen. Ringelnatz ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 90 Wörter. Es baut sich aus 6 Strophen auf und besteht aus 18 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Joachim Ringelnatz sind „Abendgebet einer erkälteten Negerin“, „Abermals in Zwickau“ und „Abgesehen von der Profitlüge“. Zum Autor des Gedichtes „Drei Tage Tirol“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 560 Gedichte vor.

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