Drei Monate Fabrikarbeiter von Rudolf Lavant

Bescheid wißt ihr seit vielen Jahren im Innersten von Afrika,
Und Menschenfresser und Barbaren, sie stehen greifbar vor uns da.
Wir kennen alle ihre Fürsten, als hätten wir sie selbst geschaut;
Sowohl ihr Glauben als ihr Dürsten sind uns geläufig und vertraut.
Nachdem in ihrer Stämme Mitten der Forscher jahrelang geweilt,
Hat ihre Bräuche, ihre Sitten getreulich er uns mitgeteilt.
Seitdem zuerst man sie entdeckte, riß wieder ab nicht der Besuch;
Von jedem Negerdialekte hat man zur Zeit ein Wörterbuch.
Man weiß genau, wie sie zum Fechten gerüstet und gewaffnet stehn,
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Man weiß, wie sie die Haare flechten, wie sie den Bart in Zöpfe drehn;
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Man weiß, wie Nase, Lipp’ und Ohren durch spitzer Instrumente Druck
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Die Wilden kunstgerecht durchbohren für Feder- oder Muschelschmuck;
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Man weiß, wie sie die Köpfe pressen, wie sie ihr Opfer bringen dar;
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Ihr Wohnen, Rauchen, Schlafen, Essen, ja selbst ihr Beten sind uns klar,
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Und ihre Trommeln, Geigen, Flöten, all die Musik für Fest und Streit,
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Beschrieb, als wäre dies vonnöten, man uns mit deutscher Gründlichkeit.
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Mit ihren Schweinen, Ziegen, Hunden sind sie vertraut uns nur zu sehr:
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Es sagt von diesen schwarzen Kunden uns niemand etwas Neues mehr.
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Ein Kandidat, den das Verlangen nach Wahrheit und nach Kenntnis trieb,
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Ist stracks in die Fabrik gegangen, wo er drei kurze Monde blieb.
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Er hat dem theolog’schen Stande entsagt und jedem „bessern“ Brauch;
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Er hat im rußigen Gewande geschuftet wie die andern auch.
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Inmitten eines Walds von Essen, der himmelwärts in Chemnitz strebt,
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Hat er geschlafen und gegessen als Arbeitsmann, kurz, so gelebt.
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Und als die Plack er satt bekommen und der Erkenntnis Frucht gereift,
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Hat er den Wanderstab genommen und seinen Kittel abgestreift;
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Er schlüpfte mit Behagen wieder in einen Rock von gutem Tuch
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Und setzte sich dann friedlich nieder und schrieb ein ziemlich dickes Buch,
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Ein Buch, in dem in Einzelbildern, mit denen es uns reich beschenkt,
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Er sich bestrebt, die Welt zu schildern, wie man „da drunten“ fühlt und denkt.
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Das Buch schlug ein; es ward verschlungen und ging sogar von Hand zu Hand,
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Denn anders hat das doch geklungen, als was im Wochenblättchen stand.
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Man war verblüfft; nicht abzuweisen war ja, woran man nie gedacht,
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Der Vorwurf, daß Entdeckungsreisen man jetzt im eignen Volke macht.
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Ihr kennt die Schwarzen, die sich weiden am grellen Glanz des Tropenlichts –
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Vom eignen Volk und seinen Leiden, von seinem Leben wißt ihr nichts!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.4 KB)

Details zum Gedicht „Drei Monate Fabrikarbeiter“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
36
Anzahl Wörter
398
Entstehungsjahr
nach 1860
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Drei Monate Fabrikarbeiter“ ist Rudolf Lavant. Im Jahr 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. In der Zeit von 1860 bis 1915 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Berlin. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text den Epochen Realismus, Naturalismus, Moderne, Expressionismus oder Avantgarde / Dadaismus zugeordnet werden. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das vorliegende Gedicht umfasst 398 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 36 Versen. Die Gedichte „Agrarisches Manifest“, „An Herrn Crispi“ und „An das Jahr“ sind weitere Werke des Autors Rudolf Lavant. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Drei Monate Fabrikarbeiter“ weitere 96 Gedichte vor.

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