Die beiden Schwestern von Richard Dehmel

Leitspruch: Dem Heuchler deine Krallentatze,
doch Großmut, Löwe, seiner Welt!
Sie ist auch deine. Jede Fratze
zeugt für den Gott, den sie entstellt.
 
Sie war geflochten aus besten Stricken,
aus bleiverknoteten, festen, dicken,
meine Geißel nämlich – und der Stiel
so grad recht handlich zum Prügelspiel.
Doch nein: es sollte ja ernst zugehn,
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ich wollte die Hexe blutig karbatschen,
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diese alte Prüde mal zappeln sehn.
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Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen,
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die Lackschuh an, Manschetten, Chapeau,
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damit nicht etwa, käm’ich so
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als Mensch blos, ohne den Affenschniepel,
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Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel!
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Ich las noch einmal die Adresse:
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Frau Geheime Comm.-Rath S. von Kohn
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etcetera – die „Commission“
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verschwieg man, schien’s, aus Delikatesse.
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Eine Krone drüber, riesengroß,
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ersetzte das „geborne“ Schwänzchen.
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Da war ich geladen zum Lesekränzchen.
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Denn – verehrter Leser, ich träumte blos...
 
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Hm! sollt ich sie also wiederbegrüßen.
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Wahrhaftig, sie hatte Carrière gemacht,
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hatte mich immer schon ausgelacht –
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na warte, du Kröte, heut sollst du’s büßen!
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Ich übte Probe; verdammt, Das zog,
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wie die Knute um Wade und Schienbein flog!
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Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste,
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ich übte den Handgriff, es ging aufs beste.
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Noch ein Blick in den Spiegel: Famos, famos,
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das wird ein lustiges Lesekränzchen,
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erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen!
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Faust?? – Wie gesagt, ich träumte blos.
 
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Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt?
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Seltsam! ich sann und sann und sinnte,
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meine Gedanken waren wie Stinte:
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kaum da, schon wieder weit entfernt.
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Ich lief und lief – das war doch rein
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zum Rasendwerden mit dieser Fratze!
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Doch immer die selbe! das Auge! Nein,
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doch nicht! jetzt so – fast wie ein Schwein,
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jetzt wie’ne Schlange, nein, wie’ne Katze.
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Und doch – zum Teufel, ich irr mich nicht:
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um diese kaltlüsternen Blicke immer
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das selbe zahme Kaninchengesicht,
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nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht,
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das selbe süßlederne Frauenzimmer.
 
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Ah – ja natürlich! klar wie Butter!
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erst war sie die Tochter von unserm Paster.
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Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster,
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zwei Jahr drauf war sie Fräulein Mutter.
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Das heißt, nicht etwa von meiner Seite,
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ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen,
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ich nahm die Worte noch für die Leute;
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ein Andrer, der hatte sie – besser begriffen.
 
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Dann war sie die Jüngste von meinen Tanten,
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nein – Eine von ihren Gouvernanten,
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nur daß sie mich beide nicht wiedererkannten;
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die brachten uns jungen Sündern bei,
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was alles unaussprechlich sei.
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Sie lasen immer vor Schlafengehn
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bei verriegelten Thüren die Bibel zusammen,
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die Reinheit ihrer Seelenflammen
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war aus der Reinheit der Blätter zu sehn;
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die fettigsten Stellen – will ich nicht nennen,
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die keusche Leserin wird sie kennen.
 
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Herrgott, und die Pate, das war sie ja auch!
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die mit dem wohlgemeinten Bauch.
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Ihr seliger Gatte war sehr verderbt,
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er hatte ihr einen Apoll vererbt,
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der hatte nur ein Blatt zum Kleide;
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drum band sie ihm, so geht die Fabel,
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aus dunkelblauer chinesischer Seide
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ein christliches Mäntelchen um den Nabel.
 
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Nein Himmel – es war ja ihr Fräulein Base!
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Nein – Fräulein Rosaura von gegenüber,
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die mit der Entenschnabelnase
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und dem lyrischen Epos „Je länger je lieber“.
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Sie hatte sich züchtig nach einem Mann
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in den vornehmsten Zeitungen umgethan,
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doch wollte Keiner die Tugend belohnen;
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nun schrieb sie Novellen und Recensionen.
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Ganz Deutschland pries den neuen Stern
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ob seiner jungfräulichen Reinlichkeit;
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besonders Zola’n besprach sie gern
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und – warnte vor seiner Peinlichkeit.
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In Höherem Auftrag ließ sie auch,
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der Staat bewilligte die Mittel,
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ein Werk erscheinen mit dem Titel:
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„Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch“.
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An den Anfang war als Motto gestellt:
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„Hähnchen von Tharau ist’s, das mir gefällt“.
 
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Und immer neue! Verdammte Hexe:
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kaum bist du Eine, so sind es sechse –
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Herrgott, nun ist sie ja gar ein Mann!
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der Herr Kollege von nebenan,
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der geprüfte Schulamtskandidat,
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der die ausgezeichneten Zeugnisse hat;
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er schwingt fürs Frauenwohl die Feder.
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In Schriften spricht er und vom Katheder
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über die höhere Sinnlichkeit
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aller wahrhaft sittlich Emancipirten
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und die sexuelle Verworfenheit
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und perversen Affecte der Prostituirten;
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er will ein kirchliches Zuchthaus gründen
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zur Korrektur der natürlichen Sünden.
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Die termini technici liebt er nämlich,
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so ein Fremdwort finden die Damen scharmant;
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deutsch klingt gleich alles so beschämlich
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und zehnmal weniger intressant.
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Drum ist er, nur aus besagtem Grunde,
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bei einem Specialarzt ständiger Kunde.
 
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Ah, da geht er ja wieder – Herr, warten Sie doch!
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was machen Sie denn so breite Beine?!
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Nein, das ist er ja garnicht – ah: Frau von Knoch
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mit ihrem Möpschen an der Leine,
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seine verehrte Gönnerin.
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Ach nein: Frau Consistorialrath Klooß,
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mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn
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und bald Millionenbesitzerin,
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die „Witwen- und Waisen-Beschützerin“,
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geborene Freiin von – Kronensproß.
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Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter,
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so einer von dem modernen Gelichter,
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die alles beim rechten Namen nennen
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und gar keine moralischen Rücksichten kennen;
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dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen.
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Und da hat der Mensch die Frechheit besessen,
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angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen,
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und hat sich ne Kugel durchs Herz geschossen.
 
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Und immer neue! mein Atem brannte,
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während ich so durch die Straßen rannte;
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ich lief und lief, von Schweiß bedeckt.
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Aus allen Mienen, aus allen Blicken,
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als hätte ein Teufel die Welt beleckt,
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schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken.
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Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt,
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war sie mir über den Weg gekrochen
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mit ihrem frommen Kaninchengesicht,
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nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht,
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mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen.
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Sie hatte so’was in den Augen,
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das schien sich Einem ums Herz zu stricken,
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jede Liebe drin zu ersticken
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und jede Männlichkeit auszusaugen.
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Und wo man hinkam, war sie zu treffen,
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sie schien die reine Gesellschaftsklette;
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sie ließen sich Alle geduldig äffen
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von dieser verzuckerten, glatten Kokette
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mit ihren ahnungslosen Mienen,
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die – seltsam – nimmer zu altern schienen
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und die ich auch niemals jung gesehn;
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ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn.
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Zwar – sie auch ihr! denn sonderbar:
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kein Haus, in dem dies Rackervieh
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nicht irgendmal zu finden war,
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blos in den Hütten der Arbeit nie.
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Und immer, waren mir mal zu Zwein
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und ich wollte der Kröte die Wahrheit geigen,
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so ein Lächeln und Lispeln: „Lassen Sie sein,
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geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!“
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und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen:
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„Ich weiß ja, alles ist natürlich!“
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und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen:
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„Im Wort nur ist es ungebührlich!“
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dann aber, wie ein sattes Schwein
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am vollen Troge pflegt zu liegen,
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fing plötzlich so ein glasiger Schein
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ihre geilen Blicke an zu lähmen,
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ich konnte den Ekel nicht bezähmen,
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ich mußt ihr vor die Füße spein.
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Das brachte sie jedesmal zum Lachen:
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„Sie wollen die Welt wol besser machen?“
 
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Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern,
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als ob sich ihr Gefühl ertappte,
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die Lider über die Augen klappte,
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empfand ich was wie ein Bedauern;
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vielleicht, daß doch in all dem Schleim
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ein kleiner, verschimmelter Edelkeim!
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Ich spürte dann immer so ein Jucken
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in allen fünf Fingern, ihr die Mucken
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mal mit der Karbatsche auszuplätten –
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man weiß ja: Prügel und dann ein Kuß
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ist verrückten Weibern ein Hochgenuß –
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Das war das Letzte, das konnte sie retten.
 
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Herjeeh ja, das war’s ja, das wollt’ich ja eben!
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ah sieh, da bin ich ja schon zur Stelle.
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Sie thronte, von ihrem Stab umgeben,
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der kleine Herr Gatte stand dick daneben,
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grad gegenüber der Zimmerschwelle.
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Die persischen Polster und Teppiche strahlten
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im weißen Schimmer der Glühlichtblüten,
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die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten,
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die Seidenroben rauschten und prahlten;
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auch sprach man schon ... Ich legte die Rechte
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verbindlich an mein Westenlätzchen
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und – fühlte nach meiner Knutenflechte,
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sie steckte sicher; na warte, Schätzchen!
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Laut: „Gnä’ge Frau, ich habe das Glück,“
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sie schien mich gar nicht wiederzukennen,
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ich nahm die Ehre, mich zu nennen –
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„Ah, der neue Herr Lektor. Ein’n Augenblick.“
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Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele,
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die Geheime Comm.-Rath S. von Kohn,
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als ihre plebejischen Kinderspiele;
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sie war ja bei Hofe Vertrauensperson!
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Sonst schien sie aber nicht verändert,
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nur sozusagen zart conservirt,
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die verschleierten Augen pikant umrändert,
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und ein wenig à la Tartuffe frisirt.
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Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen,
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seine Geheime sehr zu gefallen.
 
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Nun fing man an von Kunst zu sprechen.
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Der Herr Geheime sprach: „Verßeihn Se,
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wenn ich so frei bin aufzubrechen,
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ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse.“
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„Oh“ – „leider“ – „bitte“ – bedauerndes Lächeln,
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Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln –
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„Ja, leider dringende Commission,“
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verschwand mit Würde Herr S. von Kohn;
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nun ging es hoffentlich bald los.
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Ich sah mich um – i Gott soll schützen,
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da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen!
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Da rechts – Frau Consistorialrath Klooß,
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geborene Freiin von Kronensproß.
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Da – Fräulein Rosaura von Entenschnabel,
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da die Pate mit dem verbundenen Nabel,
231 
und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter,
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und die Pastertochter – na und so weiter:
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das ganze gediegene Lesekränzchen,
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wie sie da saßen und standen die Biedern
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auf ihren unaussprechlichen Gliedern,
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germanische wie semitische Pflänzchen:
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oh Boccaccio, göttlicher Schmetterling,
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dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel,
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das wär was gewesen für Deinen Rüssel,
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wenn nicht auch Dir der Spaß verging!
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Ja: ihr ganzes Leben lag vor mir offen,
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ich kannte sie Alle – und das Pack
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schien nicht ein bißchen davon betroffen,
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na wart’t! ich fühlte an meinen Frack.
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Ja – die Frau Geheime war augenscheinlich
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in ihrem Umgang äußerst reinlich.
 
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Gott sei getrommelt und gepfiffen:
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jetzt winkte sie. Die ganze Herde
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war plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen,
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und mit entsprechender Geberde
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sprach die Geheime: „Lieben Freunde,
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ich bin entzückt und hingerissen,
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daß meine kleine Kunstgemeinde
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so treu zusammenhält. Sie wissen,
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daß wir uns heute dem unendlich
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von uns verehrten, wundervollen
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Genie von Weimar widmen wollen,
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das heißt mit Auswahl selbstverständlich.
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Ich darf wol bitten – hier, mein Lieber,“
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das ging an meine Wenigkeit,
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sie reichte mir den Faust herüber –
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„die gestrichenen Stellen zu beachten;
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wenn’s dann gefällig, wir sind bereit.“
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Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten
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mir Lesepult und Wasserglas;
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ich sah in das Buch. Ei Teufel – das,
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das ging wahrhaftig über den Spaß:
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da war ja Alles, schien’s, gestrichen.
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Na, ich nahm Platz; die Diener schlichen
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lautlos hinaus – ich machte tief
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mein Kompliment – mein Auge lief
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die Blätter durch – aha! hier oben
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ein ganz besonders dicker Strich!
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und salbungsvoll das Kinn gehoben,
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begann ich ernst und feierlich:
 
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„Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann,
277 
Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift;
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Doch wer den Augenblick ergreift“ –
279 
man horchte auf – „Das ist der rechte Mann.
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Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut“,
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Fräulein Rosaura nickte zart,
282 
„An Kühnheit wird’s euch auch nicht fehlen,
283 
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“,
284 
ich griff mir schmachtend in den Bart,
285 
Fräulein Rosaura saß erstarrt,
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„Vertraun euch auch die andern Seelen.
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Besonders lernt die Weiber führen“,
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der Pastertochter wurde schwach,
289 
„Es ist ihr ewig Weh und Ach“,
290 
die Pate schien der Schlag zu rühren,
291 
„So tausendfach“ –
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Frau Klooß erkannte mit Gewimmer:
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Herr Gott, das wird ja immer schlimmer –
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„Aus Einem Punkte zu kurieren.
295 
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut“,
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jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer,
297 
„Versteht das Pülslein wohl zu drücken“,
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die Frau Geheime schien zu sticken,
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„Habt ihr sie Alle unterm Hut.
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Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken“,
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schrie ich – „verdammte verquiente Brut,
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Wol um die schlanke Hüfte frei,
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Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei“ – –
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da platzte die Bombe, ein Jammergeschrei,
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die Frau Geheime lag auf dem Rücken.
 
306 
Und krach! auf die Diele das Wasserglas
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und den Lesetisch, und heraus die Knute:
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„Nu täuw, du schielige Zimperpute –
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Karline, jetzt kommt der Kontrabaß!
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jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!“
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und rietsch, da hatt ich sie beim Wickel.
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Ei, alle Wetter: dies fette Karnickel,
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das war ja wie’ne Feder leicht!
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Und plötzlich – Teufel, was war denn Das:
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Fräulein Rosaura sank fassungslos
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dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß,
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die Pate schnappte leichenblaß
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nach Luft: in meinen Fingern saß
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– die Frau Geheime bibberte nur –
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ihre ganze bezaubernde Lockenfrisur.
321 
Und auf der grau strupphaarigen Platte –
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mir ekelte – ein Schorf und Schinn
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und Speck und Spinster, als klebte drin
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die ganze abgekratzte Pomade
325 
von zehn Jahrhunderten festgefilzt,
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so eingeschimmelt und verpilzt.
 
327 
Die ganze Bande lag in Krämpfen –
328 
na wart’t, Canaillen, es kommt noch besser,
329 
ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen!
330 
Und schnipp schnapp flitz: mein Federmesser:
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herrjeh, wie wurden sie plötzlich munter –
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Frau Klooß, geborene Freiin, schrie:
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„Allmächtiger Vater, er mordet sie“ –
334 
und holter di polter, stuhlüber stuhlunter,
335 
als ob ein Satan zwischen sie führe,
336 
das ganze gediegene Lesekränzchen,
337 
germanische wie semitische Pflänzchen,
338 
klabotter klabatter hinaus zur Thüre.
 
339 
„So, Schatz!“ ich nahm sie sacht beim Kragen,
340 
zum Glück hatt’ich noch Handschuh an –
341 
„jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann
342 
und Weib das manchmal soll passieren,
343 
uns etwas näher inspiciren!“
344 
Quietsch, legte sie los mit Zappeln und Klagen
345 
und Dämpfelassen und Wasserschlagen –
346 
weiß Gott, mir wurde wieder übel.
347 
Na, ich spuckte mir’s weg – und „Na warte, du Zwiebel“
348 
langt’ich die Knute vom Teppich hoch,
349 
„bist endlich ruhig mit deinem Loch?
350 
sonst gibt’s mit der da aufs Hinterstübel!“
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Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen
352 
und Seidenfranjen und Sammetlitzen,
353 
und schlitz – an Knöpfen war nicht zu denken,
354 
so war die Zimpe verschnürt und verschnallt –
355 
das Federmesser! und – – brrr, schnitt’s kalt
356 
und heiß mir selber in allen Gelenken,
357 
wie da aus Flunker und Flitter und Flatter,
358 
aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter
359 
und Watte und Wolle und Fischbeinzacken
360 
und Gummi-Busen und -Hinterbacken
361 
mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten
362 
sich diese – vermickerten Knickknochen pellten.
 
363 
Ich stand – na, wie das Kind beim Drecke.
364 
Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe,
365 
dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke,
366 
dies dürre, vermuffte Altjungferngerippe,
367 
da hatte ich Narr mich so geplagt?!
368 
Zwar Jungfer – Das zu untersuchen
369 
bei diesem verpimperten Hutzelkuchen,
370 
das hätte wol kaum ein Arzt gewagt.
371 
Ich konnte mich immer noch nicht fassen,
372 
blos heimlich wünscht’ich: hätt’ich ihr doch
373 
das Hemde wenigstens angelassen!
374 
Pfui Teufel – wie sie da vor mir kroch
375 
mit ihren Runzeln und Faltenschlitzen
376 
und ihren Zotteln und schlaffen Zitzen
377 
und ihren ausgetrockneten Waden
378 
und eingetrockneten Hinterfladen,
379 
und zwischen den schlotternden Schultern und Armen
380 
auf der vermergelten Wirbelleiste
381 
der griese, grindige Schädel gleißte:
382 
mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.
 
383 
Lern aber einer die Weiber kennen!
384 
Noch eben mitten in Plärren und Flennen:
385 
kaum merkte sie meine Männerschwäche –
386 
ich merkt’es selber erst durch sie,
387 
es war die reine Telepathie:
388 
da grinst und äugelt mich die freche
389 
Vettel mit ihrer geschminkten Fratze
390 
so von unten über die Achsel an,
391 
daß mir’s durch beide Nieren rann.
392 
Ich weiß nicht, ob die alte Katze
393 
mich etwa zu – beglücken dachte,
394 
ob sie sich über mich lustig machte,
395 
ob diese abgetakelte Ratte
396 
in ihrer kahlen Scheußlichkeit
397 
meinte, sie sei dadurch gefeit:
398 
ich sah nur unter der räudigen Platte,
399 
nur zwischen den gelben, verschmuzten Runzeln,
400 
den Pustelflecken und Zottenzunzeln,
401 
dies weiß und rosa beschmierte Grinsen,
402 
dies schlaue, gemeine Blicken und Blinsen,
403 
und plötzlich faßte mich eine Wut:
404 
mir schien das ganze verfaulte Blut
405 
unsrer vergreisten, verspensterten Zeit
406 
in dieser Hexe zusammengebreit,
407 
und – „So, nu plärre, verwünschte Zicke,
408 
jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand!“
409 
hob ich zum Hiebe die Knutenstricke,
410 
da – – legt sich sanft um meine Hand
411 
und rührt mich bis ins weheste Mark
412 
wie junge Liebe so still und stark
413 
und warm, um meinen Hals gebogen,
414 
ein Arm, – und mild, voll Stolz und Huld,
415 
tönt eines Atems leises Wogen:
416 
„Laß ab! sie büßt mit ihrer Schuld.“
 
417 
Und wie sich nun mein Nacken wendet,
418 
von Schauern mächtig überwallt,
419 
da steh ich, fast von Scheu geblendet
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vor dieser schimmernden Gestalt.
421 
Im matten Glanz der Glühlichtglocken
422 
ist ihre Nacktheit heller Tag,
423 
es geht ein Schein von Stirn und Locken
424 
wie Blütenschmelz im Frühlingshag.
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Zur Hüfte nieder um die Brüste
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fließt mantelschwer ihr lang braun Haar
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und wogt und flimmert goldenklar,
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als ob ein Morgenwind sie küßte.
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Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten,
430 
zum Gruß geneigt und zum Gebot,
431 
ein Lilienstab, den dunkelrot
432 
zwei volle Rosen dicht umflechten;
433 
so steht sie wehrend, wundersam
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beglänzt. Und ich – mich überkam
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ein Ahnen wie Erinnerung,
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ein Sehnen neu und kinderjung:
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ich hatte sie nie noch nimmer wo
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gesehn, und wie mir dennoch so
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ihr blauklar Auge, seelenweit,
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und ihres Mundes Zärtlichkeit
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jedwedes Faserchen tief innen
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zu lauter Andacht ließ gerinnen –
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ach war’s denn nicht, als sähe wieder
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meine liebe Mutter zu mir nieder?
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und nun verwirrt und fromm befangen
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mein Blick an ihr zu Boden wollte
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und doch, in bangem Hinverlangen,
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wie so ihr Haar an Ohr und Wangen
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und Brüsten schmeichelnd sie umrollte,
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mein Herz nach ihrer Schönheit schrie,
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als bebtest Du mir, Du mir wieder,
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Du Eine Eine zu mir nieder
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in deiner Reinheit, die mir nie
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ein Wort noch Winkchen vorenthalten,
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nicht Seel noch Leibs geheimste Falten,
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als läs’ich ein ergründet Buch, –
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und wie’s so immer tiefer wühlte
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und süß und süßer mich umhüllte
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der dunklen Rosen Wohlgeruch:
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es riß mich nieder ihr zu Füßen
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und machte meine Arme breit:
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„Wer bist du, Weib, in deiner süßen,
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in deiner milden, herben, süßen,
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unsagbar süßen Herrlichkeit?“
 
465 
Und aus der Rechten sacht zur Linken
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läßt sie das Blumenzepter sinken,
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dann spricht sie über mich geneigt,
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nimmt mir die Geißel aus der Hand nun,
469 
nimmt eines Teppichs bunten Rand nun,
470 
indem sie ihn der Andern reicht,
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und winkt ihr mit der Lilie: „Geh!
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bedecke dich! es thut mir weh,
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in deiner Blöße dich zu sehn.“
474 
Und wieder über mich geneigt nun,
475 
indeß die Andre scheu entweicht nun,
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tönt ihres Atems leises Wehn:
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„Was war’s doch, was in tiefsten Lüsten,
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wenn Lippen sich und Seelen küßten,
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den trunknen Blick dir ganz benahm,
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was dich im Überdurst der Wonnen,
481 
so in ein Andres ganz versponnen,
482 
wie willige Blindheit überkam?
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Dann warst du Mein! ich bin die Scham.
484 
Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,“
485 
senkte sie lächelnd die Lilienblüten,
486 
„so um alles in Eifer wüten.
487 
Die da, meine mißratene Schwester,“
488 
nickte sie neckisch nach der Thür hin,
489 
während sie mir den Scheitel zauste
490 
und ihre zierlichen Nüstern krauste,
491 
„Die da ist schon über Gebühr hin
492 
durch die eigene Ohnmacht gestraft:
493 
fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft.
 
494 
Hat ja viele Seelen zu Sklaven,
495 
alle die Biedern, alle die Braven
496 
vom werten Orden der Gleißnerschaft,
497 
alle die zahmen, ewig alten,
498 
sinnenlahmen Halben und Kalten,
499 
scheint ein gar gewaltiger Bund,
500 
ist aber doch nur – nun eben Schund.
501 
Haben die Welt nie aufgehalten,
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und Alles, was sie zu Stande brachten,
503 
und ihrer Weisheit letzter Grund
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ist – ihr gegenseitig Verachten.
505 
Können sich nicht gesund betrachten,
506 
weil ihrem armen dünnen Blut
507 
jedes freie Lüftchen wehe thut,
508 
und machen drum aus ihrer Not
509 
ein Gebot.
510 
Und, Lieber,“ streicht sie zart mein Haar,
511 
„der Heuchler meint die Lüge wahr,
512 
der Wahre muß ihn nur verstehn!
513 
Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn,
514 
man würde sich nicht sehr beklagen;
515 
doch etwas schwerer zu vertragen
516 
ist Häßliches, bei Licht besehn.“
 
517 
Und während silbern noch im Ohr mir
518 
ihr fröhlich stolz Gelächter klingt,
519 
winkt mit den Rosen sie empor mir
520 
und spricht: „Ein schlechter Boden bringt
521 
aus echter Wurzel schlechte Blüte,
522 
und wer mit schwächlichem Gemüte
523 
sich schämt, der ist zur Scham verdorben,
524 
doch ist sie drum – nit ausgestorben.
525 
Wer Löwe ist, Der gönnt der Katze
526 
den Mäusefang in seiner Welt;
527 
sie will auch leben. Jede Fratze
528 
zeugt für den Gott, den sie entstellt.“
 
529 
So beugt sie sich mit gnädigem Kusse
530 
in heller Anmut zu mir hin,
531 
ich aber fühle ihrem Gruße
532 
mein ganz Gefühl entgegenglühn –
533 
und nur noch, wie’s mich übermannte,
534 
ich wieder an ihr niedersank,
535 
mein Mund auf ihren Brüsten brannte,
536 
ich ihre Lenden ganz umspannte,
537 
ihr Haar mir um die Finger schlang,
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die Stirn gewühlt in ihren Schooß –
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und sie nur, hold und mütterlich,
540 
am Ohr mich zupft: „Ich bitte dich,
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mein lieber Freund! was willst? laß los!
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ermuntre dich! du – träumst ja blos.“

Details zum Gedicht „Die beiden Schwestern“

Anzahl Strophen
26
Anzahl Verse
542
Anzahl Wörter
3233
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Die beiden Schwestern“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Richard Dehmel. Der Autor Richard Dehmel wurde 1863 in Wendisch-Hermsdorf, Mark Brandenburg geboren. Im Jahr 1893 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in München. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Moderne zu. Der Schriftsteller Dehmel ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 3233 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 542 Versen mit insgesamt 26 Strophen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Richard Dehmel sind „Bastard“, „Bitte“ und „Büßende Liebe“. Zum Autor des Gedichtes „Die beiden Schwestern“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 490 Gedichte vor.

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