Die Schlittenfahrt von Johann Karl Wilhelm Geisheim

Am warmen Ofen saß ich
In meines Polsters Ruh;
Des Lebens Breite maß ich
Und sah dem Tage zu;
Da fiel in dichten Flocken
Der Schnee auf Flur und Haus,
Und fernher lockten Glocken
Mich in dem Pelz’ hinaus.
 
Ein Schlitten kam geflogen,
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Jäh, wie ein Strauß im Lauf,
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Und, magisch fortgezogen,
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Schwang ich mich flugs hinauf.
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Der Kutscher, mein Philister,
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Blitzt kühn in sein Gespann,
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Und nahm ein Ziel, als wüßt’ er,
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Wo’s mir gefallen kann.
 
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Ich ließ ihn gerne walten;
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Nur vorwärts ging mein Sinn:
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So rauschten, schellten, knallten
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Wir durch die Straßen hin.
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Musik, die allerneuste,
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Rührt minder Herz und Ohr;
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Ganz im erhabnen Geiste
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Trug sie mein Mentor vor.
 
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Doch plötzlich macht’ ich Pause,
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Halt! rief ich mächtig, Halt!
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Denn an des Liebchens Hause
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Hielt’s mich mit Allgewalt.
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Bald auch im Federhute
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Saß Laura neben mir;
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Wie war mir da zu Muthe,
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Wie flog ich fort mit ihr!
 
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Mir war, als trügen Flügel
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Mich in ein schön’res Land;
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Ich sah nicht Roß, noch Zügel,
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Und nicht die Kutscherhand.
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Mit stolzem Wohlgefallen
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Bog er den Markt herum,
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Denn dort recht derb zu knallen,
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Ist des Philisters Ruhm.
 
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Wohl mochten manche Leute
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Als Spötter gaffen stehn;
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Doch trieb sie auf die Seite
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Ein barsches Vorgesehn!
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Entzückt und harmlos glitten
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Wir über Raum und Welt,
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Und endlich fand der Schlitten
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Die Bahn in’s freie Feld.
 
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Und in des Lichtes Fülle,
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Im strahlenden Krystall,
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Glänzt in der Zauberhülle
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Vor uns das heitre All;
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Und über uns die Bläue,
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Der Himmelslüfte Fluth,
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Und neben mir die Treue,
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In mir der Liebe Gluth.
 
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Den Staub der Erde decket
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Der reine, lichte Schnee;
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Den Raub der Flur verstecket
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Der weiße, weite See.
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In diamantnem Flimmer
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Prangt dort ein Eichenwald,
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Und dort im Farbenschimmer
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Das Schloß in Fee’ngestalt.
 
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Die Berge gränzen ferne,
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Und durch ihr dunkles Blau
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Verschmilzt die Au der Sterne
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Mit unsrer Erdenau.
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Und aus der kalten Hülle
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Ruft Hoffnung dir in’s Ohr:
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Es keimt im Schooß der Stille
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Der Frühling Dir empor.
 
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Schon blüht’ er mir im Traume,
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Schon fühlt’ ich ihn so nah
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In meines Schlittens Raume,
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Denn Liebchen sagte: Ja!
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Mit fröhlichem Behagen
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Sah ich nun queerfeldein
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Die Flügelpferde jagen,
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Um baldigst dort zu sein.
 
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So segelten ergötzlich
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Wir in der Zukunft Land,
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Als unser Schlitten plötzlich
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Verstummend stille stand.
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Im Schwunge der Gefühle
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Fragt’ ich: was ist denn hier? –
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Wir sind, so rief’s, am Ziele:
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Hier ist das gute Bier!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.4 KB)

Details zum Gedicht „Die Schlittenfahrt“

Anzahl Strophen
11
Anzahl Verse
88
Anzahl Wörter
409
Entstehungsjahr
1839
Epoche
Biedermeier,
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Die Schlittenfahrt“ ist Johann Karl Wilhelm Geisheim. 1784 wurde Geisheim in Breslau geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1839. Breslau ist der Erscheinungsort des Textes. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Biedermeier oder Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das Gedicht besteht aus 88 Versen mit insgesamt 11 Strophen und umfasst dabei 409 Worte. Der Dichter Johann Karl Wilhelm Geisheim ist auch der Autor für Gedichte wie „Der armen Kinder Dank“, „Der letzte Tag im Jahre“ und „Die Geisterstunde“. Zum Autor des Gedichtes „Die Schlittenfahrt“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 29 Gedichte vor.

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