Die Proselitin des Pythagoras an Ramler von Susanne von Bandemer

Ich, die ich zwar nicht Pyrrho’s Schülerinn,
Doch auch nicht übermäßig gläubig bin,
Ich glaube jetzt, ο Freund! (was soll ich es verhehlen?
Du selbst bist Schuld daran) die Wanderung der Seelen.
Denn nun begreif’ ich ohne Müh’
Warum in deiner Poesie
Sich Hoheit, Feinheit, Harmonie,
Mit Kühnheit, Stärke, Kürze, paaren,
Die sonst vor achtzehnhundert Jahren
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Dem Flaccus eigenthümlich waren.
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Auch lehrt Pythagoras dieß Wunder mich verstehn,
 
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Warum du deines Lieblings Schönheit uns so schön
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Erklärst, und die für uns jetzt dunkle Stellen
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So meisterhaft weißt aufzuhellen.
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Es ist nur Rückerinnerung, mehr nicht;
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Denn du erklärst dein eigenes Gedicht.
 
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Dasselbe Selbst, das einst dem Römer angehörte,
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Das Dichtkunst übte, Dichtkunst lehrte,
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Das, allezeit der Wahrheit treu,
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Nur Thaten lobte, nicht aus Schmeicheley
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Den Rang erhob: dieß ist in meines Ramlers Hülle
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Vorhanden; hier lebt jener Weise noch,
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Der bald am Bach, bald in der Wälder Stille
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Auf Lieder sann; der nie der Ehre goldnem Joch
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Den Nacken bot; der, was er lehrte übte;
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Der, wen er liebte, feurig liebte;
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Der frey von Prunk und Eitelkeit,
 
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Sich höher aufzuschwingen nie begehrte;
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Der ohne Habsucht, ohne Neid,
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Ein Freund der Großen seiner Zeit,
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Reichthümer haben konnte, doch sie gern entbehrte.
 
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Sprich, Flaccus unsrer Zeit, mich gründlich zu belehren;
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Wo weilete dein Geist? zog er in andern Sphären
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Mit heissem Forschungsdurst umher?
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Doch ist vielleicht die Wiederkehr
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Auf unsre Mutterwelt nach vorgeschriebenen Jahren
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Ein ewiges Gesetz, so bist du sicherlich
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(Denn Legionstribun war ja dein erstes Ich)
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In eines Helden Stirn gefahren,
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Und hast ihn Menschlichkeit gelehrt.
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Vielleicht nahmst du wohl gar von eines Bonzen Hirne
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Besitz, und lehrtest ihn, daß man mit Unrecht zürne,
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Wenn jeder seinen Gott, wie seine Väter, ehrt.
 
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Gewiß war Menschenglück dein emsiges Bestreben,
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Und Wahrheit und Bescheidenheit
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Veredelten einst dort, so wie bey uns dein Leben.
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Durch Schweigen straftest du den Neid
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Der Chörilusse deiner Zeit,
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Und ließest sie sich wechselweis’ erheben.
 
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Verzeihung, bester Freund! der kranken Dichterinn!
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Vielleicht, wenn ich nicht mehr in dieser Hülle bin,
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Dann wird mein beßres Ich in andre Wesen dringen,
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Um dir als Nachtigall ein süßes Lied zu singen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.1 KB)

Details zum Gedicht „Die Proselitin des Pythagoras an Ramler“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
53
Anzahl Wörter
349
Entstehungsjahr
1802
Epoche
Klassik,
Romantik

Gedicht-Analyse

Susanne von Bandemer ist die Autorin des Gedichtes „Die Proselitin des Pythagoras an Ramler“. Bandemer wurde im Jahr 1751 in Berlin geboren. Im Jahr 1802 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Berlin. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Klassik oder Romantik kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten der Autorin vorgenommen werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das Gedicht besteht aus 53 Versen mit insgesamt 7 Strophen und umfasst dabei 349 Worte. Weitere Werke der Dichterin Susanne von Bandemer sind „Am Sarkophage der Frau Anne Luise Karschinn, geborne Dürbach“, „An * * * bey der Übersendung einer Haarlocke“ und „An Elise Reichsgräfin zu S * * * L * * *“. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Die Proselitin des Pythagoras an Ramler“ weitere 86 Gedichte vor.

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