Die Madü-Maränen von Carl Streckfuß

Bei Stargardt, im treuen Pommerland,
Da liegt ein See, Madü genannt,
Drin leben für reicher Leute Tische
Gar leckerhafte feine Fische,
Die man Madü-Maränen heißt.
Sie sind nur diesem Wasser eigen,
Und hingebracht vom bösen Geist,
Wie? das soll bald sich deutlich zeigen.
 
Ein Bischof lebt’ in jener Stadt
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Fromm, heilig gar, alt, lebenssatt,
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So pflegt’ er von sich selbst zu sagen.
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Doch wer, wenn er bei Tische saß,
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Dem Heiligen zusah, wie er aß,
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Mit überschwenglichem Behagen,
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Wie, wenn er die Kiefern in gieriger Hast
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Bewegte, des Angesichts Muskeln strotzten,
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Wie ganz verzückt, unbeweglich fast,
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Gradaus die schwimmenden Augen glotzten,
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Der fürchtete vom Gottseybeiuns
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Für diesen Herrn noch böse Streiche,
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Und sprach bei sich: Du armer Duns,
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Du bist noch fern vom Himmelreiche.
 
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In Wahrheit, er dacht’ am Hochaltar
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So wie bei Tische – und im Talar,
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So wie im Schlafrock – beim Sacramente,
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So wie zu Roß – an Schnepf’ und Ente
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Weit öfter als an Gottes Wort:
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Ja, selbst im Traume noch aß er fort.
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Und nicht als Esser nur – nicht minder
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Hatt’ er als trefflicher Speisen Erfinder
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Sich schon mit großem Ruhme bewährt.
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Oft stand er drum in der Küchenschürze,
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Mit Messer und Zang’ und Löffel bewehrt,
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Sehr ämsig beschäftigt am Feuerheerd
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Und mischte Trüffeln, Zitronen und Würze.
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Doch wie’s dem trefflichsten Künstler geht,
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Dem ein Ideal vor der Seele steht –
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Was er durch Musengunst erreiche,
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Stets scheint es, als ob es weiter entweiche –
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So unserm Bischof. – Er fühlt am Gaum,
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Denn die Seele saß ihm an diesem Flecke,
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Die Ahnung, noch geb’ es höh’re Geschmäcke,
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Und was er geschmeckt, sey Vorschmack kaum
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Der wahren Gaumes-Seligkeiten.
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Drum sann er im Wachen, wie im Traum,
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Sich solche Wonnen zu bereiten.
 
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Ein Mönch war dort zur selben Zeit,
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Begabt mit großer Gelehrsamkeit,
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Der mit geübter zierlicher Feder
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Auf Esels- oder Schweine-Leder
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Der alten Klassiker Weisheit schrieb,
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Und sich damit die Zeit vertrieb;
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Der saß einmal beim Bischof zu Tische,
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Und gab bei einem großen Fische,
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Der eben auf der Tafel erschien,
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– Ein Zander war es aus Berlin –
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Ein Zeichen von leckerhaftem Erstaunen.
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Doch wie man den Fisch auf die Tafel gestellt,
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Da ward auf einmal von übeln Launen
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Dem Bischof die ganze Lust vergällt.
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Er sprach mit schmerzlich quälendem Sehnen:
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„Noch feinere Fische giebt’s in der Welt,
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Und ich“ – hier fühlt’ er im Auge die Thränen –
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„Weiß nicht, wie sie heißen, wo man sie erhält?“
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Hier begann der Mönch sich zu rücken, zu dehnen,
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Von gährender Wissenschaft angeschwellt,
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Und platzte heraus: „Das sind die Muränen,
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Denn diesen gaben die Römer den Preis!“
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Da wird dem Bischof kalt und heiß,
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Und er bestürmt den Mönch mit Fragen,
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Und dieser eilt, ihm Alles zu sagen,
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Was er weiß, und was er nicht weiß.
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Allein was kann das Alles frommen?
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Er hört, wie trefflich sie einst geschmeckt,
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Doch wo sie jetzo zu bekommen,
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Das wird vom Mönch ihm nicht entdeckt.
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Drum entweicht der Schlaf von des Bischofs Lager,
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Er irrt bei Tage wie träumend umher,
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Und wird im Kurzen blaß und mager,
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Denn nichts reizt seine Eßlust mehr.
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Stets quält ihn ein tiefes peinliches Sehnen,
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Stets klingt’s ihm im Herzen: Muränen! Muränen!
 
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Und einst – es war eine Frühlingsnacht,
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Bei welcher in sehnenden Gemüthern
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Der Drang nach überschwenglichen Gütern
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Mit doppelter Gewalt erwacht,
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Die zu hohen Liedern den Dichter begeistert,
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Wo die Liebe sich jedes Herzens bemeistert.
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Der Vollmond schwamm in silberner Pracht
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Durchs Meer der reinen himmlischen Bläue.
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Es schien, als ob er der Erde sich freue,
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Als saug’ er der Blüthen balsamischen Duft,
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Als kühl’ er das Anlitz in schmeichelnder Luft,
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Als lausch’ er dem Liede der Nachtigallen,
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Das aus des Laubdachs schaurigen Hallen
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In Jubel und Klage wechselnd erscholl –
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Da fühlte der Bischof das Herz sich so voll;
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Ihm ging all sein vergangnes Schmecken
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Am Munde vorüber, wie ein Traum,
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Doch Wild und Fisch von den besten Geschmäcken
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Erschienen als wesenloser Schaum.
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Nur weiten, nie auszufüllenden Raum
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Glaubt’ er im Munde zu entdecken.
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So rief er, seiner noch mächtig kaum,
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Wie ein schwärmender Dichter mit tiefem Grame
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Nach einer niegesehenen Dame:
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„Muränen! Muränen! o theurer Name
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Voll bitterer Wonnen und süßer Qual,
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O könnt’ ich nur ein einziges Mal
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Durch euer liebliches Fleisch mich trösten!
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Selbst sieden wollt’ ich euch oder rösten;
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Ich wollte mit eifrigstem Bemühn
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Euch ehren durch die trefflichsten Brühn.
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Oft ist mirs, als hätt’ ich euch zwischen den Zähnen,
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Als quöll’ im Mund mir der liebliche Saft,
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Doch beiß’ ich zu, o Muränen, Muränen!
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Dann seid ihr plötzlich dem feurigen Sehnen,
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Der Umarmung der Zung’ und des Gaumens entrafft.
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O würde gestillt mein unendliches Streben,
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Fürwahr, ich wollte mich gern dafür
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Mit Leib und Seele dem Teufel ergeben!“
 
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Da öffnet sogleich sich leise die Thür,
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Ein stattlicher Herr tritt höflich ins Zimmer,
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Umstrahlt von mattem, bläulichem Schimmer,
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Doch sonst gefällig, zierlich und nett.
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Er trug auf dem Haupt ein rothes Barett,
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Wie heut noch unsere Domherrn tragen,
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Mit einer Hahnenfeder darauf.
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Der Mantel, über die Schultern geschlagen,
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War schwarz und that am Busen sich auf,
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Und wies ein Koller von gelber Seide,
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Sonst aber zeigt’ er nichts vom Kleide,
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Indem er in Falten zum Boden ging
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Und als ein Schleier die Füß’ umhing.
 
135 
Er sprach – und seine Töne waren
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So fromm und süß, so lind und fad,
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Als käm’ er auf allernächstem Pfad
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Vom allermodernsten Zion gefahren –
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„Hochwürdiger Herr, Sie riefen – ich bin
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Schon da, und Ihres Winks gewärtig,
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Denn immer bin ich zu dienen fertig,
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Und fliege hier und dorten hin,
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Wo redliche Leute mein bedürfen
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Zur Hülfe bei löblichen Entwürfen;
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Und Sie auch sollen zum Mittagsmahl
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Die saftigsten schönsten Muränen schlürfen.“
 
147 
Der Bischof starrt – zum ersten Mal
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Seit langer Zeit hat er das Essen
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Und Trinken ganz und gar vergessen,
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Und denkt voll Schrecken der Höllenqual.
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Er fühlt sich die Brust wie von Schrauben pressen
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Und all sein Blut geronnen zu Eis.
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Drum stocken die Pulse – ein kalter Schweiß
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Fließt von der Stirn und dem ganzen Gesichte,
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Und seine Füße sind Klumpen Blei’s.
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Kurz, völlig macht’ ihn der Teufel zu nichte,
157 
Und mächtig ist er nicht eines Schrei’s.
 
158 
Und jener Herr im bläulichen Lichte
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Hob seine Rede wieder an,
160 
Und zwar so fromm, so sanft und gütlich,
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Und so herzinnig und gemüthlich
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Als irgend nur ein Teufel kann:
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„Warum, Hochwürdiger, so erschrecken?
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Oft war ich Ihnen unsichtbar nah,
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Und mit dem größten Vergnügen sah
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Ich Ihnen die Speisen vortrefflich schmecken,
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Denn mich erfreut, was Andre vergnügt.
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Um nun zu stillen Ihr feuriges Sehnen
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Nach klassischen leckerhaften Muränen,
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Hab’ ich mich schleunigst herverfügt.
171 
Und wenn an Ihres Kirchthurms Seiger
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Zur nächsten Mittagszeit der Zeiger
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Genau und pünktlich auf zwölfe steht,
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Nicht eine Minute zu früh noch zu spät,
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Werd’ ich in Ihre Küche schreiten
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Mit zwei Muränen, lebendig und frisch,
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Und mich beehren, Sie anzuleiten,
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Den trefflichen königlichen Fisch
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Mit einer Brühe zu bereiten,
180 
Mit einer Brühe – auf Ihren Tisch
181 
Ist solch ein wundervolles Gemisch,
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Bei meiner Ehre, noch nie gekommen,
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Von einem Geschmacke, von einem Duft –
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Nie haben Sie von dergleichen vernommen.
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Nichts weiter sag’ ich – doch wenn die Luft
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Mit solchen Gerüchen ein Todter röche,
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Bei meiner Treu’ und Ehr’, er kröche
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Gleich neu belebt aus seiner Gruft.
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Auch stärkt die Brühe den schwächsten Magen,
190 
Die allergrößte Portion
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Des trefflichen Fisches zu vertragen.
192 
Frei will ich nun die Bedingung sagen.
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Sie waren für eine Muräne schon,
194 
So wie ich hörte, bereit und willig
195 
Mir Leib und Seele zugleich zu weihn;
196 
Ich aber bin ausnehmend billig,
197 
Bediene, Hochwürdiger, Sie mit Zwei’n,
198 
Und fordere Dero Seel’ allein.
199 
Ihr Leib soll sich vortrefflich befinden,
200 
Denn ich will außerdem mich verbinden,
201 
Auch künftighin Ihr Diener zu seyn.“
 
202 
Wohl mußte die Rede den Bischof kirren,
203 
Ihm Appetit, drum Muth verleihn,
204 
Doch fühlt’ er sich wieder beim Schluß verwirren,
205 
Und angstvoll ruft er: „Nein, nein, nein!
206 
Ich lasse mich nicht vom Teufel irren.
207 
Für zwei Muränen mein Seelenheil!
208 
Bleibt doch die Seele mein bestes Theil!“
 
209 
„Die Seele,“ spricht der Satan ironisch,
210 
„Ihr bestes Theil? Das ist kanonisch,
211 
Doch praktisch, Hochwürdiger, ist es nicht.
212 
Was ist sie, von der man so Vieles spricht?
213 
Kann sie die Mahlzeit riechen und schmecken?
214 
Kann sie nach Tische spazieren gehn?
215 
Kann sie nach schönen Weibern sehn?
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Kann sie behaglich im Bette sich strecken?
217 
Also was ist sie? – ein Unding, ein Nichts,
218 
Schatte des Schattens, des Schemens Schemen,
219 
Nur aus Billigkeit anzunehmen
220 
Als der Preis des Muränen-Gerichts.
221 
Welches Gerichts? Gott soll mich verdammen,
222 
Denk’ ich an dieser Muränen Saft,
223 
An des Geschmackes bezaubernde Kraft,
224 
Läuft mir das Wasser im Munde zusammen.
225 
Ja, beim Geknister der höllischen Flammen,
226 
Schmeckt ein Muränen-Gericht noch gut,
227 
Macht uns gelind und behaglich die Gluth.“
 
228 
Da sieht man den Bischof das Haupt erheben.
229 
Er spricht: „So wird in der Hölle gespeist?“
230 
„Versteht sich!“ versetzte der böse Geist,
231 
„Wie sollten ohn’ Essen die Leute leben?
232 
In unserer Höll’ ist’s überhaupt
233 
Bei weitem so schlimm nicht, als man glaubt,
234 
Es kommt nur drauf an, sich zu gewöhnen.
235 
Man richtet ganz allmählig sich ein,
236 
Und meint am End’, es müsse so seyn.“
 
237 
Der Bischof wird dreister bei diesen Tönen,
238 
Und wagt es, den Teufel anzuschaun,
239 
Doch da befällt ihn ein neues Graun;
240 
Scheint’s doch, ihn wolle Satan verhöhnen,
241 
Und fort ist wieder alles Vertraun.
242 
Er schreit: „Nein, nein! das Höllenfeuer
243 
Für zwei Muränen – das ist zu theuer!“
 
244 
Da sagt nur dieses der Teufel noch:
245 
„Sie schätzen hoch die verehrte Seele,
246 
Ich schätze meine Muränen hoch,
247 
Und wer in der Berechnung fehle,
248 
Das, Herr, ist unentschieden noch.
249 
Indeß, Hochwürdiger,“ also flüstert
250 
Er sehr verbindlich und beuget sich,
251 
„Wie Sie nach meinen Muränen lüstert,
252 
So lüstert nach Ihrer Seele mich,
253 
Drum rechn’ ich nicht zu wucherlich,
254 
Und bitte, gefälligst einzuschlagen,
255 
Wo nicht, den Kauf mir aufzusagen,
256 
Denn andre Geschäfte rufen mich.“
 
257 
Und als er diese Worte gesprochen,
258 
Da macht er Anstalt davon zu gehn,
259 
Doch läßt er nun einen Duft entstehn,
260 
Wie ihn der Bischof noch nie gerochen.
261 
Er ist aufs wundervollste gemischt
262 
Von Wein, von Gewürz, von Austern und Trüffeln,
263 
So daß er Leib und Seel’ erfrischt –
264 
Der alte Herr fängt an zu schnüffeln,
265 
Und fühlt sich lüstern die Lippen genäßt.
266 
Da spricht der Teufel: „So riecht meine Brühe.
267 
Ade, Herr Bischof!“ – Doch dieser läßt
268 
Ihn nicht davon, hält am Mantel ihn fest,
269 
Und ruft: „Ja, wenn ich ewig glühe –
270 
Wer hier sich nicht verführen läßt,
271 
Der ist kein Mensch – ich unterschreibe.“
 
272 
Da hat nun der Teufel die Seele beim Leibe
273 
Und hält sie fest. Er zieht ein Papier
274 
Aus seinem Mantel und sagt nun: „Hier,
275 
Weil ich mich dessen wohl gewärtigt,
276 
Ist der Pakt in duplo ausgefertigt.
277 
Ich les’ ihn vor, dann vollziehen wir.“
278 
Und nun beginnt das höllische Wesen
279 
Ihn folgender Maßen laut zu lesen:
 
280 
„Wir, ich, der Bischof Anastas,
281 
Und ich, Beelzebub Satanas,
282 
Thun kund und fügen hiermit zu wissen
283 
Für Alle, die’s zu erfahren beflissen,
284 
Das wir heut frei und wohlbedacht
285 
Nachfolgenden Vertrag gemacht:
286 
Ich, Satan, verbinde mich, wenn am Seiger
287 
Des hiesigen Thurms heut Mittag der Zeiger
288 
Gerad und pünktlich auf Zwölfe steht,
289 
Nicht eine Minute zu früh noch zu spät,
290 
Zu bringen zwei Muränenfische,
291 
Zwei fette, feine, lebendige, frische,
292 
In die Küche des Bischofs, und ihn dabei
293 
Nach bestem Vermögen anzuleiten,
294 
Die trefflichste Brühe zu bereiten,
295 
Die so wohlschmeckend und stärkend sey,
296 
Wie ich, der Bischof, sie eben gerochen;
297 
Auch wird von mir, dem Satan, versprochen,
298 
Daß ihm, dem Bischof, auf Lebenszeit
299 
Mein unterthänigster Dienst geweiht.
300 
Ich aber, der Bischof, stelle dagegen
301 
Nach meinem, Gott gebe, seligen Tod
302 
Die Seele zu des Satans Gebot.
303 
Und da uns nach reiflichem Ueberlegen
304 
Dies also gefallen hat und behagt,
305 
So haben wir jeglicher Ausflucht entsagt,
306 
Zum Beispiel der der enormen Verletzung,
307 
Des Zwangs und der listigen Beschwätzung
308 
Und allen anderen. Dies geschah“ –
309 
Dann Ort und Tag et cetera.
 
310 
Als diese Zeilen verlesen waren,
311 
Da ruft der Teufel: „Nun, gutes Muths!
312 
Es kostet noch einen Tropfen Bluts,
313 
Der reicht zu beiden Exemplaren.“
314 
Schnell wird nun dem Bischof der Finger geritzt,
315 
Woraus ein Tröpflein Blutes spritzt;
316 
Dies wird mit der Feder aufgefangen.
317 
Der Teufel kritzelt den Pferdefuß,
318 
Und da er von Neuem bemerken muß,
319 
Der Bischof kämpfe mit Angst und Bangen,
320 
Da läßt er schnell einen neuen Stoß
321 
Von jenem gewürzigen Dufte los,
322 
Und gleich ist Jenem die Sorge vergangen,
323 
Denn jeden andern Gedanken vertreibt
324 
Die Lüsternheit – er unterschreibt.
 
325 
Das eine Blatt bleibt dorten liegen,
326 
Das andre faßt der Teufel geschwind,
327 
Um, brausend wie ein Novemberwind,
328 
Durchs offne Fenster davonzufliegen.
329 
Mit Höllengelächter stürzt er hinaus,
330 
Im tiefsten Grund erzittert das Haus,
331 
Und statt der süßen gewürzigen Düfte
332 
Füllt gräulicher Schwefelgestank die Lüfte.
 
333 
Dort steht nun der Bischof mit Schrecken und Graus,
334 
Ihm fällt’s von den Augen wie Schuppen – die Wahrheit
335 
Tritt ihm entgegen in schrecklicher Klarheit.
336 
„Des Teufels Beute für einen Schmaus!
337 
Für zwei Muränen auf ewig verloren!
338 
Entsetzliche Blindheit!“ So dacht’ er; es klang
339 
Das Höllengelächter ihm in die Ohren.
340 
Wild lief er im Zimmer umher und rang
341 
Verzweifelnd und stöhnend sich wund die Hände,
342 
Und Schrecken erzeugten ihm alle Wände.
343 
Denn ein gehörnter Teufel sprang
344 
Jetzt hier heraus mit grinsender Fratze,
345 
Und streckte nach ihm die bekrallte Tatze.
346 
Schnell floh er zur andern Seite, da spie’n
347 
Zwei mächtige Fische – ihm schienen’s Muränen –
348 
Mit grimmigen Augen, mit drohenden Zähnen,
349 
Aus offenen Rachen Flammen auf ihn.
350 
Wohin er sich wendet – aus allen Ecken
351 
Springt Ungeheures zu neuem Schrecken –
352 
So fühlt er, gehetzt, daß jeglicher Sinn
353 
Sich in der Verzweiflung des Wahnsinns verliere.
354 
Am Ende wirft er zu Boden sich hin,
355 
Und brüllt, gleich einem verwundeten Stiere.
 
356 
Der Morgen begann itzt wonnevoll
357 
Ringsum die Gegend zu enthüllen,
358 
Als dies verzweiflungsvolle Brüllen
359 
Durchs bischöfliche Haus erscholl,
360 
Drob alle Diener zusammenliefen,
361 
Und da der Bischof mit keinem Wort
362 
Bescheid gab, nur brüllte, voll Angst sofort
363 
Das ganze Kapitul zusammenriefen.
364 
Es kommt sogleich der Präpositus,
365 
Der Dechant, der Scholasticus,
366 
Der Custos und jeder Canonicus,
367 
Und alle sind rings um ihn versammelt,
368 
Und reden geistlichen Trost ihm ein.
369 
Doch Er hört lange nicht auf zu schrein.
370 
Erst als die Lunge matt wird, stammelt
371 
Er Worte, die Niemand zu fassen vermag,
372 
Von Teufel, von Seele, von Fisch und Vertrag,
373 
Darob die weisen hochwürdigen Herren
374 
Weit auf vor Erstaunen die Mäuler sperren
375 
Und sehen vor Schrecken stumm und dumm
376 
Mit zweifelnden Blicken im Zimmer sich um.
377 
Doch endlich erscheint die ganze Geschichte
378 
Im sichern, klaren, unseligen Lichte.
379 
Denn Einer beim Umherschaun trifft
380 
Das Blatt mit der blutigen Unterschrift.
381 
Der lies’t mit lauter, doch zitternder Stimme
382 
Den Pakt, den der Bischof geschlossen hat,
383 
Dann, gleich als ob es wie Kohlen glimme,
384 
Wirft er zu Boden hin das Blatt.
385 
Und alle jene Kirchen-Säulen
386 
Beginnen nun im verworrenen Chor
387 
Ein banges Aechzen, ein lautes Heulen
388 
Mit miserere – confiteor.
389 
Nur Einer wußte sich zu fassen,
390 
Und blieb besonnen und gelassen.
 
391 
Dies war ein magerer, kleiner Mann,
392 
Von mittleren Jahren, mit spähenden Augen,
393 
Als wollt’ er damit aus dem Herzen saugen,
394 
Was Jeder darinnen fühlt’ und sann;
395 
Von hoher Stirn und feinem Munde,
396 
Von spitzer Nas’ und spitzem Kinn –
397 
So gab sein Aeußres vom Innern Kunde,
398 
Von Kälte, Schlauheit und herrschendem Sinn.
 
399 
Vergebens sucht’ er lang, zu sprechen,
400 
Denn allzumächtig braus’te der Chor,
401 
Doch endlich trat er gebietend hervor,
402 
Und rief mit schallendem hohem Tenor,
403 
Um dies Geheul zu unterbrechen:
404 
„Hochwürdige Herren, ich bitt’ ums Wort!“
 
405 
Und stille ward’s im Zimmer sofort,
406 
Und also wurde von Jenem begonnen:
407 
„Verehrte Confratres, mit Heulen und Schrein
408 
Wird hier auf Erden nichts gewonnen.
409 
Je ärger die Noth, je größer die Pein,
410 
Je mehr gilt’s kalt seyn und besonnen;
411 
Und weil ich kalt bin, so hoff’ ich, daß List
412 
Des Teufels zu überlisten ist.
413 
Denn ist Er Satan, der Widersacher,
414 
So bin Ich ein Canonicus,
415 
Und sehe nicht ein, warum Er die Lacher
416 
Auf seiner Seite haben muß.
417 
Erlaubt uns nun zu löblichen Zwecken
418 
Die Mutter Kirche das Mittel des Trugs,
419 
So ist’s wohl billig, den Vater des Lugs
420 
Mit einem feinen Betruge zu necken
421 
Zu eines Kirchenfürsten Heil.
422 
Ich schlage drum vor zu meinem Theil:
423 
Wir stellen an unserer Kirche Seiger
424 
Aus Vorsicht jetzt gleich auf Eins den Zeiger
425 
Und lassen die Uhr dann gänzlich stehn;
426 
Dann ist unerfüllbar, was ausbedungen.
427 
Kommt nun der Satan, so wird er sehn,
428 
Ihm sey das wichtige Werk mißlungen.
429 
Er glaubt sich verspätet, und fliegt mit Hohn
430 
Und Aerger und langer Nase davon.
 
431 
Selbst wenn in Berlin die Sonntag gesungen,
432 
Ist nie solch wüthender Beifall erklungen,
433 
Als jetzt im ganzen Kapitul erklang.
434 
Der Bischof selber, voll Jubel, schwang
435 
Die Mitra, die dort lag, im weiten Kreise,
436 
Denn gewälzt sind Zentner von seiner Brust.
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Zwar schmerzt ihn noch der Muränen Verlust,
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Doch faßt er drum sich löblicher Weise.
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Jetzt machen All’ in so schnellem Lauf,
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Als nur die Bäuche gestatten, sich auf,
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Und nach dem Kirchthurm geht die Reise.
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Dem Thürmer befiehlt man – doch was es bezweckt,
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Das wird dem Staunenden nicht entdeckt,
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Denn Solches schadete dem Respekt –
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Daß er aushebe der Uhr Gewichte
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Und gleich auf Eins den Zeiger richte.
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So geschieht’s, und mit gutem Muthe kann,
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Man zur Messe gehn und zum Frühstück dann.
 
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Der Mittag naht und über die Wogen
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Des See’s Madü kommt der Teufel geflogen.
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Und als er von Weitem den Thurm erblickt,
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Erkennt er den Zeiger und sieht sich betrogen,
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Und die List von größerer List bestrickt,
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Worüber er durch und durch erschrickt;
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Und er läßt, überrascht, aus seinen Krallen
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Ins Wasser hinab die Fische fallen.
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Die finden sogleich, in der klaren Fluth
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Da zapple, leb’ und liebe sich’s gut,
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Beginnen sich lustig zu streichen, zu laichen
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Und reichlich zu zeugen Ihres-Gleichen.
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Bald wird die neue Gattung entdeckt,
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Die dem Bischof, nachdem er dem Teufel entrissen,
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Obwohl die Erinnerung sein Gewissen
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Noch immer etwas ärgert und neckt,
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Mit eigener Brühe vortrefflich schmeckt.
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Doch waren den Fischen viel spitze Gräten
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Durch Satans Zorn in den Leib getreten.
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Auch dies ist bewirkt vom bösen Geist,
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Daß jetzt die Muräne – Maräne heißt,
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Da durch ihn die Zeit so schändlich handelt,
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Und was da besteht verhunzt und verwandelt.
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Ja, sie ist’s, die Jugend und Schönheit verpfuscht,
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Aus lustigen Mädchen macht heilige Schwestern,
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Die Schilder und Bilder übertuscht,
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Nur macht sie nimmer das Heute zu Gestern.
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Doch zu des U Restauration
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Wirkt jetzt eine Association,
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Die wird das A, das klare, bezwingen,
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Und zurück das U, das dunkle, bringen.
 
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Der Eine von den Lesern lacht,
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Den Andern, mit Worten, spitz wie Nadeln,
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Hör’ ich den Bischof und Dichter tadeln,
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Weil’s beide gar zu dumm gemacht.
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„Für zwei Muränen das Heil der Seele!
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Wer ist, der so schwer um so Kleines fehle?“
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Ihr, die ihr tadelt, ihr, die ihr lacht,
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Für euch ist eben das Mährchen erdacht,
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Damit’s euch klar euch selber mache.
490 
Der Teufel ist eure Leidenschaft,
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Der Geiz, die Wollust, der Stolz, die Rache,
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Die mit unwiderstehlicher Kraft
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Euch auf den Weg des Verderbens rafft,
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Und oft durch eine schlechtere Sache,
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Als einer würzigen Brühe Geruch.
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Kaum wagt ihr, euch wie der Bischof zu sträuben,
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Laßt euch durch Schmeicheln und Lügen betäuben,
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Gewahrt nicht den gröbsten Widerspruch,
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In den mit sich selbst der Teufel gerathen;
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Und so zertretet ihr toll und blind
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Des eignen, des fremden Glückes Saaten.
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So wüthen die Völker, so stürzen die Staaten,
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Weil diese Teufel drin herrschend sind,
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Denn sie machen die Herrn von der Linken und Rechten
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In gleicher Weise zu ihren Knechten.
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Die Geschicht’ auch lehrt, wie um manchen Thron
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Sie schon gewußt, ihr Netz zu flechten
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Und ihn zertrümmert mit Schmach und Hohn –
509 
Wird endlich im Mährchen der Teufel betrogen,
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So ist auch dies gar wohl erwogen,
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Obgleich ihr’s tadelt – denn, Freunde, wißt,
512 
Daß jeder solcher Teufel am Ende,
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Wie schlau er sich auch dreh’ und wende,
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Doch nur ein dummer Teufel ist.
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Denn klug ist nie, wer von Gott verstoßen,
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Und vergeblich, drum thöricht, sein Kampf und Strauß,
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Und trotz der Hölle List und Erboßen
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Führt Gott, was er will, gar herrlich aus –
519 
Ihr aber, ist’s euch einmal gelungen,
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Daß ihr dem Teufel euch entrungen,
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Nicht jubelt in blindem Selbstvertraun,
522 
Versäumt es nie, euch vorzuschaun
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Denn sonst, bevor ihr euch versehen,
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Hat wieder Satan euch in den Klaun,
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Und endlich ist’s um euch geschehen.
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Drum haltet fest an Recht und Pflicht,
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An Herzens-Wahrheit, reinen Sitten,
528 
Und hört nicht auf, den Herrn zu bitten:
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Herr, in Versuchung führ’ uns nicht!

Details zum Gedicht „Die Madü-Maränen“

Anzahl Strophen
28
Anzahl Verse
529
Anzahl Wörter
3360
Entstehungsjahr
1831
Epoche
Klassik,
Romantik,
Biedermeier

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Die Madü-Maränen“ ist Carl Streckfuß. Streckfuß wurde im Jahr 1778 in Gera geboren. 1831 ist das Gedicht entstanden. Halle ist der Erscheinungsort des Textes. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autoren lassen eine Zuordnung zu den Epochen Klassik, Romantik, Biedermeier oder Junges Deutschland & Vormärz zu. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das 3360 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 529 Versen mit insgesamt 28 Strophen. Die Gedichte „Actäon“, „An Maria del Caro“ und „An Nadine“ sind weitere Werke des Autoren Carl Streckfuß. Zum Autoren des Gedichtes „Die Madü-Maränen“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 50 Gedichte vor.

Weitere Gedichte des Autoren Carl Streckfuß (Infos zum Autor)

Zum Autoren Carl Streckfuß sind auf abi-pur.de 50 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autoren.