Die Keuschheit von Frank Wedekind

Schimmernd fülle sich der Teller,
Schimmernd bis zum Rand hinan;
Jeder spende seinen Heller
Gern dem alten Leiermann.
Manch ein Lied hab’ ich gesungen,
Das euch tief ins Herz gedrungen;
Doch ein Lied wie dieses hier
Hörtet ihr noch nicht von mir.
 
Eines Abends in der Messe
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Lauscht’ er hinter ihrem Pult,
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Mit erzwungner Totenblässe
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Bat er sie um ihre Huld.
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Von Madrid bis Kopenhagen
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Hat er sich herumgeschlagen,
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Tausend Mädchen schon verführt,
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Kujoniert und angeschmiert.
 
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Und sie bat, daß Gott ihr helfe,
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Doch sein Odem war so warm,
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Und dieselbe Nacht um elfe
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Lag sie schon in seinem Arm.
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Weidlich hat er sie belogen,
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Hat das Hemd ihr ausgezogen;
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Sie ward rot für ihr Geschlecht,
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Doch das war ihm grade recht.
 
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Als sie nun die Schmach erlitten,
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Ward dem Ungeheuer klar,
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Daß sie engelrein von Sitten
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Und ihm zu gefühlvoll war.
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Freilich konnt’ es ihn beglücken,
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Eine frische Blume pflücken;
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Für sein weiteres Pläsier
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Fehlte die Verderbnis ihr.
 
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Und er war wie umgewandelt,
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Als ihr nun die Liebe kam;
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Hat sie so infam behandelt,
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Daß sie schier verging vor Scham;
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Stieß sie aus den warmen Kissen,
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Hat sie nackt hinausgeschmissen,
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Warf ihr ihre Kleider nach,
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Schloß die Tür mit einem Krach.
 
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Auf dem Vorplatz unter Tränen
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Zog sie sich die Strümpfe an,
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Fluchte ihres Herzens Sehnen
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Und verzieh dem rohen Mann;
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Drauf ging sie in ihre Kammer,
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Dort sank sie aufs Bett vor Jammer,
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Schlug mit beiden Fäusten sich
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Wund und weinte bitterlich.
 
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Ist’s nicht wirklich ein Entsetzen,
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Daß es solche Männer gibt,
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Die sich nicht mal mehr ergötzen,
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Wo ein Andrer kindlich liebt.
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Weil sie ihre Liebe suchten
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Bei den H-, den verfluchten,
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Ist der Seele Klang verdumpft,
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Ihr Empfinden abgestumpft.
 
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In dem nächtlich stillen Garten
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Sitzt die keusche Maid voll Gram,
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Liebelechzend zu erwarten
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Den Geliebten, der nicht kam.
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Ach, sie meint, er müsse kommen,
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Doch die Sterne sind verglommen
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Und der sanfte Mond verblich,
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Ohne daß ihr Kummer wich.
 
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Und nun ward ihr immer schlimmer,
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Immer toller jeden Tag,
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Und sie lief ihm auf das Zimmer,
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Als er noch zu Bette lag;
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Sagt ihm gleich, wozu sie käme,
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Daß er sie zur Dienstmagd nehme,
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Wenn sie seiner Lust zu schlecht,
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Alles, alles sei ihr recht.
 
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Aber dieser Fürchterliche
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Hatte keinen Trost für sie
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Als verdrehte Sittensprüche
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Voll gesalzner Ironie;
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Sich an ihrer Scham zu weiden
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Zwang er sie, ihn anzukleiden,
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Macht sie dabei, ohne Not,
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Immer wieder purpurrot.
 
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Als den Schlips sie ihm gebunden,
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Gab der Mensch ihr einen Tritt
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Und ein Schimpfwort ihrer wunden
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Seele auf den Heimweg mit.
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Doch als sie den Hut genommen,
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Spielt er plötzlich dann den Frommen,
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Sah sie an und sagte: Du,
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Heute abend Rendez-vous!
 
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Und sie trat am selben Abend
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Wieder in die Wohnung ein,
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Einen Strauß am Busen habend,
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Denn sie wollte lieblich sein.
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Gleich riß er ihn ihr vom Kleide,
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Überreicht’ ihn voller Freude
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Einer Dirne, rotgelockt,
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Die geschminkt im Lehnstuhl hockt.
 
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Drauf tät er sie zärtlich bitten,
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Aufzulösen sich ihr Haar;
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Jene hat’s ihr abgeschnitten,
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Daß sie wie ein Knabe war.
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Dann mußt’ sie das Kleid ablegen,
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Ging einher, zum Herzbewegen:
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Schuhe, Strümpfe, Höschen, Hemd,
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Und der Scheitel links gekämmt.
 
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Nun erhob sich die geschminkte,
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Dekolletierte Schandperson,
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Schlecht verbergend, daß sie hinkte,
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Denn sie trieb es lange schon:
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Komm, mein Page, und enthülle
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Meiner Reize Zauberfülle
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Diesem schönen jungen Herrn;
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Ach, er hat mich gar zu gern!
 
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Und sie tat es ohne Zucken,
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Zog ihr selbst die Strümpfe ab,
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Mußte all die Dünste schlucken,
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Die das Scheusal von sich gab;
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Mehrmals, bis das Werk vollendet,
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Hat sie stumm den Kopf gewendet,
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Hustete aus tiefster Brust,
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Wurde beinah unbewußt.
 
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Alsdann kam an ihn die Reihe,
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Was ihr nicht so gräßlich war;
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Leise wimmernd macht das treue
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Kind ihn aller Kleidung bar;
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Wollt’ ihm noch die Füße küssen,
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Doch er hat sich losgerissen.
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Und nun gab der edle Wicht
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Ihr in jede Hand ein Licht.
 
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So mußt’ sie sich aufrecht stellen,
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Wo der Vorhang offen hing,
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Um das Schauspiel zu erhellen,
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Das vor ihr in Szene ging.
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Durch die Bosheit angefeuert,
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Hat er mehrmals es erneuert,
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Immer tiefern Höllenschmerz
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Bohrend in des Kindes Herz.
 
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Treulich tät sich ihm vereinen
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Das entmenschte Schauerweib,
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Fand am Jammerblick der Kleinen
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Teuflisch süßen Zeitvertreib,
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Heuchelt, ihr ins Herz zu schneiden,
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Außerordentliche Freuden,
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Fraß mit Schluchzen und Geschrei
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Einen Apfel auch dabei.
 
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Als die Roheit sondergleichen
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Keinen neuen Reiz mehr bot,
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Ließ man sich die Kleider reichen,
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Stellte sich dabei halb tot.
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Nichts als Püffe, nichts als Tritte
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Spürt das Kind bei jedem Schritte;
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Drauf löscht er die Lichter aus,
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Führt die Schandperson nach Haus.
 
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Kommt zurück nach langer Pause,
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Und das Mädchen ist noch da,
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Denn sie wagt sich nicht nach Hause,
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Weil sie so verändert sah;
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Bat ihn, daß sie bleiben könnte,
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Was er ihr denn auch vergönnte;
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Ach, sie dachte nicht daran,
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Was der Schreckensmensch ersann.
 
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Nachdem er zu Bett gegangen,
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Winkt er sie vom Diwan her,
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Überreicht ihr einen langen
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Scharfgeladenen Revolver,
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Bittet kühl um den Gefallen,
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Ihn sich vor den Kopf zu knallen,
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Denn die Wirkung sei famos,
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Und er sei sie endlich los.
 
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Ohne etwas zu entgegnen,
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Hob sie sich ihn an die Stirn,
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Tät noch ihren Mörder segnen
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Und durchschoß sich das Gehirn.
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Lächelnd schmaucht er die Zigarre
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Zum Entstehn der Totenstarre,
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Geht dann, seiner Schandtat froh,
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Nach dem Polizeibureau!
 
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Und nun hat sie ausgelitten,
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Diese Maid, die treu geliebt,
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Dabei engelrein von Sitten,
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Wie es keine zweite gibt.
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Alle möge Gott verfluchen,
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Wenn sie seine Gnade suchen,
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Denn sie liebten nur das Fleisch;
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Diese starb im Herzen keusch.

Details zum Gedicht „Die Keuschheit“

Anzahl Strophen
23
Anzahl Verse
184
Anzahl Wörter
925
Entstehungsjahr
1905
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Die Keuschheit“ des Autors Frank Wedekind. Der Autor Frank Wedekind wurde 1864 in Hannover geboren. Im Jahr 1905 ist das Gedicht entstanden. München ist der Erscheinungsort des Textes. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Moderne zu. Wedekind ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 925 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 184 Versen mit insgesamt 23 Strophen. Die Gedichte „An Elka“, „An Francisca de Warens“ und „An Madame de Warens“ sind weitere Werke des Autors Frank Wedekind. Zum Autor des Gedichtes „Die Keuschheit“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 114 Gedichte vor.

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