Abend von Otto Stoessl

»Nieder tauchte die Sonn’ und schattiger wurden die Pfade«,
Dies las ich heut, am Abend eines Sommertags
Und ließ das alte Buch Homer auf meine Kniee
Hinsinken, also sinnend: Allen Erdenkindern
Mißt diese heitre Sonn’ ihr holdes Maß von Licht,
Ein Schicksal reifend nach verschwiegenem Gesetze
Vom Aufgang bis zum Schatten eines Menschenpfads.
Ich wuchs in Zeiten, trüber als die Nacht,
Ein Jüngling, feind mir selbst und im Gemüt bedrängt,
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Nun endlich ruft auch mir die liebe Sonne:
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Gibst du, erhellt, dein eignes Licht dem Lichte wieder? —
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Doch hinter jedem Strauch im Garten wachsen Schatten,
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Was war mein Maß an Tag gering! Ihr Götter wägts
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Den Menschen, wollt mir diesen späten Strahl nicht neiden,
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Laßt mir den Abend, dem der Morgen war geweigert,
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Gönnt mir den Blick der herbstlich tiefen, klaren Stunden,
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Den letzten Glanz, den ich mit fleh’nden Augen halte,
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Laßt mir den Abend, seht, die Pfade dunkeln schon.

Details zum Gedicht „Abend“

Autor
Otto Stoessl
Anzahl Verse
1
Anzahl Zeilen
18
Anzahl Wörter
151
Entstehungsjahr
1909
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Abend“ des Autoren Otto Stoessl. Stoessl wurde im Jahr 1875 in Wien geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1909. Wien ist der Erscheinungsort des Textes. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her lässt sich das Gedicht der Epoche Moderne zuordnen. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche, prüfe bitte die Richtigkeit der Zurodnung. Die Auswahl der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das 151 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 18 Zeilen mit nur einem Vers. Auf abi-pur.de liegen zum Autoren des Gedichtes „Abend“ keine weiteren Gedichte vor.