Die Aebtissin von Lindau von Louise Otto-Peters

Im Heidenturm zu Lindau ein Ritter schmachtet lang,
Er ist verurteilt worden „zum Tode durch den Strang“
Dieweil er stürmend, raubend, frech durch das Land gezogen,
Wild, wie sich oftmals heben des Bodans grüne Wogen.
 
Jetzt blickt er durch das Gitter, das ihm den Weg versperrt,
Dem stolzen edlen Ritter, dem wilden Kunibert.
Und wie zu seinen Füßen des Seees Fluten branden,
So denkt er an die Stürme, die er einst selbst bestanden.
 
Er liebte eine Jungfrau, Mechthild ward sie genannt,
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Doch ihres Vaters Strenge versagt’ ihm ihre Hand –
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Da wollte sie der Ritter sich mit Gewalt erringen,
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Den Widerstand des Vaters im eignen Schloß bezwingen.
 
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Er zog vor seine Veste und nahm mit Sturm sie ein,
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Warf gier’ge Feuerbrände mit eigner Hand hinein,
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Den Vater der Geliebten erstach der wilde Freier, –
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Doch sie entfloh ins Kloster und nahm den Nonnenschleier.
 
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Und nun im wilden Grimme, verzweifelnd sonder Rast,
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Erliegend seiner Thaten und seines Jammers Last,
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Sucht Kunibert Betäubung im Kämpfen, Rauben, Morden –
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Nun ist in Kerkermauern ihm dafür Lohn geworden.
 
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Jetzt führt man ihn zum Richtplatz – der Henker steht bereit –
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Da naht Lindaus Aebtissin im weißen Feierkleid.
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Die Menge sieht es staunend – „Das ist der Gnade Zeichen!“
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Ein donnernd „Hoch!“ dann wieder, ein ehrfurchtsvolles Schweigen.
 
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Der Ritter sieht es staunend – der Henker hält den Strang –
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Als ihren Dolch, den blanken, die hohe Nonne schwang.
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Sie spricht: „Das Recht der Gnade, das einmal mir gegeben,
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Ich darf es jetzt auch üben, ich weihe dich dem Leben!“ –
 
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„O wißt Ihr, hohe Fraue, wie Schweres er verbrach?“
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Der Henker zur Aebtissin mit grimmen Blicken sprach.
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Sie lächelt stolz und ruhig und hat den Strang zerschnitten:
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„Ich hab für ihn gebüßet, ich hab für ihn gelitten!“
 
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„Ein Zeichen, daß der Himmel dir Deine Schuld vergiebt,
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Daß ich Dir darf vergeben, was Böses Du verübt“ –
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Und Kunibert erzittert vor ihre Blicke Leuchten,
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Zum ersten mal im Leben sich seine Wangen feuchten.
 
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„Mechthilde!“ ruft er bebend und hat die Maid erkannt,
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Zu der in Liebesflammen er glühend einst entbrannt.
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Und ihre Hand ruht segnend auf des Verbrechers Stirne –
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So ruht die Sonne freudig auf hoher Alpen Firne.
 
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„Ich bin es!“ spricht sie milde und schaut ihn ruhig an,
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So wie das Mondlicht scheinet, auf wüste Felsenbahn.
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Er ruft zu ihren Füßen: „Jetzt fühl ich meine Sünden,
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Da eine Heil’ge nahte, mir Gnade zu verkünden.“ –
 
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Ein neues Kloster steiget am Bodan bald empor,
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Das Kunibert erbaute und sich zur Wohnung kor. –
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Die Liebe, die ihn einstens den Pfad der Schuld getrieben
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Die hat ihn auch erlöset, durch eines Weibes Lieben.

Details zum Gedicht „Die Aebtissin von Lindau“

Anzahl Strophen
12
Anzahl Verse
48
Anzahl Wörter
426
Entstehungsjahr
1860-1870
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Die Aebtissin von Lindau“ stammt aus der Feder der Autorin bzw. Lyrikerin Louise Otto-Peters. Geboren wurde Otto-Peters im Jahr 1819 in Meißen. Im Jahr 1870 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Leipzig. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten der Autorin lassen eine Zuordnung zur Epoche Realismus zu. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das Gedicht besteht aus 48 Versen mit insgesamt 12 Strophen und umfasst dabei 426 Worte. Louise Otto-Peters ist auch die Autorin für das Gedicht „Am längsten Tage“, „An Alfred Meißner“ und „An August Peters“. Zur Autorin des Gedichtes „Die Aebtissin von Lindau“ haben wir auf abi-pur.de weitere 106 Gedichte veröffentlicht.

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