Der neue Kurs von Rudolf Lavant

Was auch der Mann im Sachsenwald mag sagen –
Es geht doch vorwärts in der neuen Zeit.
Die jetzt regieren – nennt ihr sie geschlagen
Etwa mit Trägheit, mit Unfruchtbarkeit?
Ist nicht der größte Theil von ihren Tagen
Gesetzentwürfen jeder Art geweiht?
Und eine Lüge ist’s, – bei meiner Seele! –
Daß der „verbindende Gedanke“ fehle.
 
Ob sie nun ein Patentgesetz verlangen
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Zu Schutz und Schirm für jegliches Genie,
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Ob sie auf andre Branntweinsteuer drangen,
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Im Hinblick auf die Schnaps-Epidemie,
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Ob man durch Paragraphen sucht zu fangen
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Die Kellerkünstler in der Wein-Chemie –
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Das Handwerk sucht auf allen diesen Wegen
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Doch nur den – Volksverführern man zu legen.
 
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Ob man die Zuckersteuer reformire,
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Wenn schon die Meute der Agrarier bellt,
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Ob jedem der Herrn Unteroffiziere
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Man mild in Aussicht eine Prämie stellt –
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Zweck ist, daß sich das Volk emanzipire
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Und sich zu den Verführten nicht gesellt.
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Es schirmt sogar die Schlacht- und Ausfallsflotte
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In letzter Linie uns – vor Bebel’s Rotte.
 
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Ob jeden Zwist mit England klug man schlichtet
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Durch den Erwerb der Insel Helgoland,
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Ob eine deutsche Truppe man errichtet
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Aus schwarzem Volk am afrikan’schen Strand,
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Ob man durch Pump sich finanziell verpflichtet
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Für Kamerun und ob als Unterpfand
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Man den Ertrag der Zölle angeboten –
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Der Abwehr gilt es wider unsre Rothen.
 
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Daß international fortan geregelt
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Der Frachtverkehr auf allen Bahnen sei;
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Daß ungestört der biedre Deutsche segelt
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Und dampft in jeden Hafen der Türkei,
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Und daß der Türke mit dem Deutschen kegelt
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Und einen Anlauf nimmt zur Kneiperei –
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Man spielt, wenn die Verträge abgeschlossen,
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Dem Wilhelm Liebknecht einen bösen Possen.
 
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Gewiß, die Herren sind profunde Denker
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Von freiem, klarem, unbeirrtem Geist.
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Das ist es ja, wofür den Staatenlenker
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Am höchsten man in unsern Tagen preist,
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Wenn er des Volksgemüths frivolem Henker
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Das Handwerk legt und ihm die Zähne weist.
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Hier macht der Staatsmann seine großen Treffer,
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Hier liegt der Hase eigentlich im Pfeffer.
 
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Der Staatsmann braucht des weiten Blickes Gabe,
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Wenn nieder er Gesetzentwürfe schreibt,
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Damit er ab den Volksbethörern grabe
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Das Wasser all, das ihre Mühlen treibt;
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Damit man einst an seinem stillen Grabe
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Mit Fug und Recht bei diesem Lobe bleibt:
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„Bei seinem Tod war Jedermann zufrieden
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Und froh des Looses, das ihm Gott beschieden.“
 
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Ist es erlaubt vielleicht, daß man bescheiden
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In dieser Hinsicht einen Vorschlag macht?
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Man weiß, es wird nur an des Volkes Leiden
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Und ihre Lindrung in Berlin gedacht –
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Hier könnte man den Lebensnerv durchschneiden
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Der Hetzerei, die so viel Haß entfacht.
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In dem Gesetz – der Kornzoll ist sein Titel –
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Liegt das patenteste der Abwehrmittel!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.6 KB)

Details zum Gedicht „Der neue Kurs“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
419
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Rudolf Lavant ist der Autor des Gedichtes „Der neue Kurs“. Lavant wurde im Jahr 1844 in Leipzig geboren. 1893 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Stuttgart. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Naturalismus oder Moderne zu. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche, prüfe bitte die Richtigkeit der Zurodnung. Die Auswahl der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das 419 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 64 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Die Gedichte „An la belle France.“, „Bekenntnis“ und „Das Jahr“ sind weitere Werke des Autors Rudolf Lavant. Zum Autor des Gedichtes „Der neue Kurs“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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