Der neue Frühling von Ludwig Tieck

Käme doch der Frühling! seufzt’ ich oftmals,
Daß der süße Blumenduft, das Flüstern
Holder Birken und das Lied der Lerchen
Meine heißen Thränen trocknen möchten! –
Und in jedem Jahre kam der Frühling,
Und in jedem Jahre weint’ ich Thränen:
Töne, Blumen, holdes Baumgeflüster,
Alles ging wie scheu mir aus dem Wege,
Nichts, das meinen heißen Busen kühlte:
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Und ich flehte nicht mehr um den Frühling.
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Kläglich kam er, kaum daß ich’s bemerkte,
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Düster blickt’ ich in sein grün Gewebe,
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Dachte: bist nicht besser als die andern! –
 
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Hinter mir hört’ ich ein leises Rieseln,
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Wie wenn Bächlein über Kiesel jauchzen,
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Hinter mir lief Wind durch das Gebüsche,
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Seitwärts nickten alle Blumen freundlich,
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Und in sanften röthern Strahlen spielte
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Sonnenschein zum grünen Boden nieder.
 
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Sinnend stand ich jetzt, ein Weilchen zweifelnd
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Was die holde Täuschung um mich zaubre.
 
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Als ich wieder auf vom Boden blickte
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Stand ein holder Knabe mir zur Seiten,
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Goldne Locken hingen um die Schläfe,
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Um die Lippen spielte schalkisch Lächeln,
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Sah mich an mit keckem blauen Auge:
 
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„Träumer du! zertritt nicht alle Freuden,
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Die so zart in deinem Wege liegen!“ –
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Rief es, hob den Zeigefinger drohend. –
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Sieh, wie sich auf mein Gebot die Waldung
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Neu begrünt, wie Glanz und süßes Leben
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Sich auf jedem Zweige schaukelt; Blumen,
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Nachtigallen, Düfte, alles ruft dich
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An mit wunderbar holdseelgen Tönen.
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Gehst du nicht in deinem eignen Schatten?
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Bist du, Thor, nicht selber dir im Wege?
 
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Stracks voll Mismuth ward mein banger Busen:
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Kinder, sagt’ ich, sollten nicht so sprechen,
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Thöricht sind sie, haben nichts erfahren,
 
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Leben ohne Sorge, unbefangen
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Wissen über Spielgeräth zu urtheln,
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Müssen aber über Kummer schweigen.
 
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Also sagt’ ich ernsthaftlich vermahnend,
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Meinte, daß er sich wohl schämen dürfte,
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Aber laut auf lachte nun der Bube
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Und die Fassung wär’ mir fast entgangen.
 
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Aber als ich herzlich zürnen wollte,
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War Besinnung so wie Zorn entschwunden,
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Und wie von dem heiligsten Entzücken
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Stand ich überwältigt und gefangen
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Mitten in dem allerschönsten Frühling
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Den mein Herz so lange hergesehnet.
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Meine Wangen fühlt’ ich roth erglühen
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Kühnes Blicks sah ich umher, als wären
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Alle Blumen, alle Freuden meine.
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Mir entgegen streckten sich Gewinde
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Ach! aus Myrthen, zauberischen Rosen,
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Kein Cypressenblatt im ganzen Kranze,
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Und die schönste Hand streckt’ ihn entgegen.
 
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Kind! bin ich zum Kinde wieder worden?
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Rief ich, wollte blöde nach dem Kranze
 
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Nicht die Hände zitternd reichen. – Wach’ ich?
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Oder fesselt Schlaf die trüben Sinne,
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Daß, um mich zu laben goldne Träume
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Wunderbar auf mich herniederspielen?
 
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Lächelnd sprach der Knabe: Nein, du wachest,
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Hast bisher im schweren Traum gelegen,
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So wie jetzt wird’s immer um dich bleiben,
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Darum weckt’ ich dich aus deinen Träumen.
 
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So viel Wonne konnt’ ich nicht ertragen,
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Wagt’ es nicht, dem Kleinen zu vertrauen,
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Sank in meine Knie, die Blumenkränze
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Rührten kühlend meine heiße Schläfe. – –
 
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Du nur kannst mir sagen (o und sag’ es)
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Darf ich wohl dem Wort des Knaben trauen?
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.3 KB)

Details zum Gedicht „Der neue Frühling“

Autor
Ludwig Tieck
Anzahl Strophen
14
Anzahl Verse
75
Anzahl Wörter
478
Entstehungsjahr
1799
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Ludwig Tieck ist der Autor des Gedichtes „Der neue Frühling“. Geboren wurde Tieck im Jahr 1773 in Berlin. Im Jahr 1799 ist das Gedicht entstanden. In Tübingen ist der Text erschienen. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Romantik kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bei Tieck handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Als Romantik wird die Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, deren Ausprägungen sich sowohl in der Literatur, Kunst und Musik als auch in der Philosophie niederschlugen. Die Epoche der Romantik lässt sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert verorten. Die literarische Romantik kann darauf aufbauend etwa auf die Jahre 1795 bis 1848 datiert werden. Die Literatur der Romantik (ca. 1795–1848) lässt sich in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) aufgliedern. Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts galt im Allgemeinen als wissenschaftlich und aufstrebend, was hier vor allem durch die einsetzende Industrialisierung deutlich wird. Die Gesellschaft wurde zunehmend technischer, fortschrittlicher und wissenschaftlicher. Diese Entwicklung war den Romantikern zuwider. Sie stellten sich in ihren Werken gegen das Streben nach immer mehr Gewinn, Fortschritt und das Nützlichkeitsdenken, das versuchte, alles zu verwerten. Weltflucht, Hinwendung zur Natur, Verklärung des Mittelalters (damalige Kunst und Architektur wurde nun wieder geschätzt), Rückzug in Fantasie- und Traumwelten, Betonung des Individuums und romantische Ironie sind typische Merkmale der Romantik. Die Themen der Romantik zeigen sich in verschiedenen Motiven und Symbolen. So gilt beispielsweise die Blaue Blume als das zentrale Motiv der Romantik. Sie symbolisiert Sehnsucht und Liebe und verbindet Natur, Mensch und Geist. Die Nacht hat ebenfalls eine besondere Bedeutung in der Literatur der Romantik. Sie ist der Schauplatz für zahlreiche weitere Motive dieser Epoche: Tod, Vergänglichkeit und nicht alltägliche, obskure Phänomene. Im ebenfalls in dieser Epoche zu findenden Spiegelmotiv zeigt sich die Hinwendung der Romantik zum Unheimlichen. Die Stilepoche kennzeichnet sich vor allem durch offene Formen in Gedichten und Texten. Phantasie ist für die Romantiker das Maß aller Dinge. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Poesie, zwischen Wirklichkeit und Traum soll durchbrochen werden. Die Romantiker streben eine Verschmelzung von Kunst und Literatur an. Ihr Ziel ist es, alle Lebensbereiche zu poetisieren.

Das 478 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 75 Versen mit insgesamt 14 Strophen. Weitere Werke des Dichters Ludwig Tieck sind „Nacht“, „Mondbeglänzte Zaubernacht“ und „Schmerz“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Der neue Frühling“ weitere 18 Gedichte vor.

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