Abendlied von Johann Gottfried Herder

Und wenn sich einst die Seele schließt
Wie diese Abendblume;
Wenn Alles um sie Dämmrung ist
Von Lebens Licht und Ruhme,
Und ihre letzten Blick' umher
Ihr kalte Schatten scheinen:
O Jüngling, wirst Du auch so schwer
Wie diese Blume weinen?
 
War Deiner holden Jugend Saft
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In öde Luft verhauchet,
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Verblüht die Blüthe, Lebenskraft
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Auf immer mißgebrauchet,
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Und Deine letzten Blick' umher
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Dich alle reuentfärben:
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O Jüngling, bleibt Dir etwas mehr,
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Als trostverschmachtet sterben?
 
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Macht Seine große Allmacht je
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Geschehnes ungeschehen?
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Und stillt sie auch das tiefe Weh,
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Sich selbst beschämt zu sehen?
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Und wächst und wächst nicht jeder That
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Der Keim so tief verborgen?
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Wer giebt, wer schafft mir neuen Rath,
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Noch einen Jugendmorgen?
 
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Und, holder Schlaf, den schaffest Du,
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Giebst neuen Jugendmorgen,
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Bist Labetrunk und Schattenruh,
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Bist Labsal aller Sorgen,
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Bist Todesbruder! O wie schön
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Sich Sein und Nichtsein grenzen!
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Wie frisch wird meine Abendthrän'
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Am frühen Morgen glänzen!
 
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Und nach dem Tod - es wird uns sein
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Als nach des Rausches Schlummer:
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Verrauscht, verschlummert Lebenspein
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Und Schmerz und Reu und Kummer.
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O Tod, o Schlaf, der Dich erfand,
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Erfand der Menschheit Segen;
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Breit' aus auf mich Dein Schlafgewand,
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Zur Ruhe mich zu legen!
 
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Denn was wär' unsre Lebenszeit,
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Auch unsre Zeit der Freuden?
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Ein Strudel von Mühseligkeit,
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Ein Wirbel süßer Leiden,
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Ein ew'ger Taumel! Holder Schlaf,
46 
Zu neuem Freudenmahle
47 
Für Alles, was auch heut mich traf,
48 
Gieb mir die Labeschale!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27 KB)

Details zum Gedicht „Abendlied“

Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
48
Anzahl Wörter
233
Entstehungsjahr
1768
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Abendlied“ ist Johann Gottfried Herder. Geboren wurde Herder im Jahr 1744 in Mohrungen (Ostpreußen). Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1768. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Sturm & Drang oder Klassik kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Herder ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Der Sturm und Drang (häufig auch Geniezeit oder Genieperiode genannt) ist eine literarische Epoche, welche zwischen 1765 und 1790 existierte und an die Empfindsamkeit anknüpfte. Später ging sie in die Klassik über. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das literarische und philosophische Denken im deutschen Sprachraum. Der Sturm und Drang „stürmte“ und „drängte“ als Protest- und Jugendbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale. Ein wesentliches Merkmal des Sturm und Drang ist somit ein Auflehnen gegen die Epoche der Aufklärung. Die Schriftsteller der Epoche des Sturm und Drangs waren häufig unter 30 Jahre alt. Um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen, wurde insbesondere darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden und in den Gedichten einzusetzen. Die Nachahmung und Idealisierung von Künstlern aus vergangenen Epochen wie dem Barock wurde abgelehnt. Die alten Werke wurden dennoch geschätzt und dienten als Inspiration. Es wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Die Epoche des Sturm und Drang endete mit der Hinwendung Schillers und Goethes zur Weimarer Klassik.

Johann Wolfgang von Goethe (geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main; verstorben am 22. März 1832 in Weimar) ist einer der populärsten Dichter der Weimarer Klassik. Im Jahr 1786 unternahm Goethe eine Italienreise, diese wird als Beginn der Weimarer Klassik angesehen. Das Ende der Literaturepoche ist im Jahr 1832 auszumachen. Das Zentrum der Literatur der Weimarer Klassik lag in Weimar. Oft wird die Epoche auch nur als Klassik bezeichnet. Statt auf Widerspruch und Konfrontation wie noch in der Aufklärung oder im Sturm und Drang strebte die Klassik nach Harmonie. Die wichtigsten Werte sind Toleranz und Menschlichkeit. Die Klassik orientierte sich an klassischen Vorbildern aus der Antike. Ziel der Klassik war es die ästhetische Erziehung des Menschen zu einer „charakterschönen“ Persönlichkeit zu forcieren. Ein hohes Sprachniveau ist für die Werke der Klassik typisch. Während man in der Epoche des Sturm und Drangs die natürliche Sprache wiedergeben wollte, stößt man in der Klassik auf eine reglementierte Sprache. Goethe, Schiller, Wieland und Herder bildeten das „Viergestirn“ der Klassik. Es gab natürlich auch noch weitere Autoren, die typische Werke veröffentlichten, doch niemand übertraf die Fülle und die Popularität dieser vier Autoren.

Das Gedicht besteht aus 48 Versen mit insgesamt 6 Strophen und umfasst dabei 233 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Johann Gottfried Herder sind „Das Glück“, „Das Kind der Sorge“ und „Das Orakel“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Abendlied“ weitere 412 Gedichte vor.

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