An Denselben von Johann Gottfried Herder

Kann Euch in Jamben ungereimt und prächtig
Denn heut sogar antworten nicht; ohnmächtig
Mög'n Knittelverse zur Antwort sein
Und dem Heldensänger wohl gedeihn!
Zuerst kam Dein prosaisch Brieflein an.
Verzeih, wenn Dir mein letzter Wetterhahn
Hat etwas zu Leid gethan!
War nicht mein's Herzens Grund,
War nur ein' böse Stund.
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Ich lieb' Dein' Seele, rein als Gold,
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Und dau'rt mich, daß Du Dich mit Briefen quälen sollt,
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Die immer aufschnappen nach Himmelsluft
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Und riechen nicht des Freundes Duft.
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Woll'n uns einander helf'n und tragen
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Und nicht die Seel' aus'm Leibe jagen.
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Darinnen lag von Mägdleins Hand
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Ein Brieflein hold und unbekannt,
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Kam mir wie Manna an zur Stund
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Aus der Aurora goldnem Mund.
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Ich streckt' meine Hände hin zu ihr,
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Wußt' nicht, zu wem, und war bei Dir.
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Und leg' ein'n Gruß in Deine Hand,
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So heilig, wie ins Engelsland
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Einer lieben Verklärten zu tragen,
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Ihr Dank und Dank und Dank zu sagen,
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Daß sie in holder Unschuldtracht
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Mich so - beschämt gemacht.
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Konnt' nie für solchen Engel schreiben
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Und werd's auch lang' noch lassen bleiben,
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Ob denken an sie in sel'ger Stund
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An der Aurora Rosenmund,
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Wenn ich sie noch einmal kann ansehn,
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Und Gottes Gedanken in mir aufgehn,
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Wie er sie schaffend - doch genung!
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Ich schreib' ja Lästerung.
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Dein Versebrief ist gar nicht wahr;
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Drum ist er auch Dichtung sonnenklar
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Und kam auf großen Stelzen schwer
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Zum großen, starken Herder her,
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Der eben hinterm Kirchenthurm
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Sich fühlt' und wand, ein armer Wurm,
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Ging nicht an Goethens Heldenarm
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Die Ilm hinan! lag, Gott erbarm'!
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Zehn Klafter tief im Erdenschooß
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Und fühlt' keinen Quell, der von ihm floß,
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Fühlt' keinen Tropfen Labung, wie
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Ihn 's Herz und nicht die Phantasie
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Begehrt und doch nur im Wahntraum kennt,
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Wenn es nicht Christus' Name nennt.
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Den wir denn freilich Alle nennen
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Und sing'n und jubeln und doch nicht kennen,
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Woll'n Teufel austreiben und Wunder thun
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Und können noch in ihm nicht - ruhn.
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Ja, ruhn, mein Freund, als wie ein Kind,
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Und warten, ob nicht, wohlgesinnt,
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Ueber aller Erdenväter Schaar
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Uns unser Vater ganz und gar
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Was gebe, was wir nicht - verstehn,
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Weder mit Tichten noch Trachten sehn,
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Nicht erfliegen und nicht erzwingen,
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Nicht erschnappen und nicht erringen
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Durch aller Wörter Kuppeltand,
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Der uns itzt ist statt Bruderband.
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Gebe Dir und mir Gott den Frieden,
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Von ew'ger Ewigkeit beschieden,
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So wird ihn Dir mitsammt dem Glauben
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Weder Breitinger noch Hottinger rauben.
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Amen!
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Nutzt Dir's nicht, und ist's ohn' Beschwer,
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So schick mir meinen armen Christus her!
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Er ist besser als all', die Herr Junker
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Dahingeschwärmt hat auf Deinem Speer.
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Leb wohl und bet Dich zu mir her!
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Und zerreiß dies Blättlein kreuz und quer!

Details zum Gedicht „An Denselben“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
74
Anzahl Wörter
444
Entstehungsjahr
1776
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „An Denselben“ des Autoren Johann Gottfried Herder. Herder wurde im Jahr 1744 in Mohrungen (Ostpreußen) geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1776 entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her kann der Text den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zugeordnet werden. Der Schriftsteller Herder ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 444 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 74 Versen. Die Gedichte „Bilder und Träume“, „Das Flüchtigste“ und „Das Gesetz der Welten im Menschen“ sind weitere Werke des Autoren Johann Gottfried Herder. Zum Autoren des Gedichtes „An Denselben“ haben wir auf abi-pur.de weitere 412 Gedichte veröffentlicht.

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