Der Müllerinn Verrath von Johann Wolfgang von Goethe

Woher der Freund so früh und schnelle
Da kaum der Tag im Osten graut?
Hat er sich in der Waldkapelle,
So kalt und frisch es ist, erbaut?
Es starret ihm der Bach entgegen,
Mag er mit Willen barfuß gehn?
Was flucht er seinen Morgensegen
Durch die beschneyten wilden Höhn?
 
Ach! wohl, er kommt vom warmen Bette,
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Wo er sich andern Spas versprach,
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Und wenn er nicht den Mantel hätte,
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Wie schrecklich wäre seine Schmach.
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Es hat ihn jener Schalk betrogen
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Und ihm den Bündel abgepackt,
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Der arme Freund ist ausgezogen
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Und fast wie Adam blos und nackt.
 
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Warum auch schlich er diese Wege
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Nach einem frischen Aepfel Paar,
 
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Das freylich schön im Mühlgehege
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So wie im Paradiese war,
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Er wird den Scherz nicht leicht erneuen,
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Er druckte schnell sich aus dem Haus,
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Und bricht auf einmal nun, im freyen,
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In bittre laute Klagen aus.
 
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Ich las in ihren Feuerblicken
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Nicht eine Silbe von Verrath,
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Sie schien mit mir sich zu entzücken,
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Und sann auf solche schwarze That!
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Konnt ich in ihren Armen träumen
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Wie meuchlerisch der Busen schlug?
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Sie hieß den holden Amor säumen
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Und günstig war er uns genug.
 
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Sich meiner Liebe zu erfreuen!
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Der Nacht die nie ein Ende nahm!
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Und erst die Mutter anzuschreyen
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Nun eben als der Morgen kam!
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Da drang ein Dutzend Anverwandten
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Herein, ein wahrer Menschenstrom,
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Da kamen Vettern, kuckten Tanten,
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Da kam ein Bruder und ein Ohm.
 
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Das war ein Toben, war ein Wüthen!
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Ein jeder schien ein andres Thier.
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Sie forderten des Mädchens Blüthen,
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Mit schrecklichem Geschrey von mir. –
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Was dringt ihr alle, wie von Sinnen,
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Auf den unschuld’gen Jüngling ein?
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Denn solche Schätze zu gewinnen,
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Da muß man viel behender seyn.
 
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Weiß Amor seinem schönen Spiele
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Doch immer zeitig nachzugehn!
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Er läßt fürwahr nicht in der Mühle
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Die Blumen sechzehn Jahre stehn. –
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Sie raubten nun das Kleiderbündel
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Und wollten auch den Mantel noch.
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Wie nur so viel verflucht Gesindel
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Im engen Hause sich verkroch!
 
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Nun sprang ich auf und tobt und fluchte,
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Gewiß durch alle durchzugehn,
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Ich sah noch einmal die Verruchte
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Und ach! sie war noch immer schön,
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Sie alle wichen meinem Grimme,
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Da flog noch manches wilde Wort,
 
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Da macht’ ich mich, mit Donnerstimme,
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Noch endlich aus der Höhle fort.
 
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Man soll euch Mädchen auf dem Lande
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Wie Mädchen aus den Städten fliehn,
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So lasset doch den Fraun von Stande
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Die Lust die Diener auszuziehn!
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Doch seyd ihr auch von den Geübten,
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Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
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So ändert immer die Geliebten,
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Doch sie verrathen müßt ihr nicht.
 
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So singt er in der Winterstunde
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Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.
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Ich lache seiner tiefen Wunde,
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Denn wirklich ist sie wohlverdient.
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So geh es jedem der am Tage
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Sein edles Liebchen frech betrügt,
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Und Nachts, mit allzukühner Wage,
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Zu Amors falscher Mühle kriecht.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.3 KB)

Details zum Gedicht „Der Müllerinn Verrath“

Anzahl Strophen
12
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
465
Entstehungsjahr
1799
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Johann Wolfgang von Goethe ist der Autor des Gedichtes „Der Müllerinn Verrath“. Goethe wurde im Jahr 1749 in Frankfurt am Main geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1799. Der Erscheinungsort ist Tübingen. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Goethe ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 465 Wörter. Es baut sich aus 12 Strophen auf und besteht aus 80 Versen. Weitere Werke des Dichters Johann Wolfgang von Goethe sind „An Lida“, „An den Mond“ und „An den Schlaf“. Zum Autor des Gedichtes „Der Müllerinn Verrath“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 1610 Gedichte vor.

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