Die Mutter und das Kind von Adelbert von Chamisso

Wie ward zu solchem Jammer
Der stolzen Mutter Lust?
Sie weint in öder Kammer,
Kein Kind an ihrer Brust;
Das Kind gebettet haben
Sie in den schwarzen Schrein,
Und tief den Schrein vergraben,
Als müßt es also sein.
 
Wie da die Erde fallend
10 
Auf den versenkten Sarg
11 
Ihn dumpf und schaurig schallend
12 
Vor ihren Augen barg,
13 
Hat Tränen sie gefunden,
14 
Die nicht zu hemmen sind,
15 
Sie weint zu allen Stunden
16 
Um ihr geliebtes Kind.
 
17 
Wann andrer Lust und Sorgen
18 
Der laute Tag bescheint,
19 
Weilt schweigsam sie verborgen
20 
In finstrer Klaus und weint;
21 
Wann andrer Schmerzen lindert
22 
Die Nacht, und alles ruht,
23 
Vergießt sie ungehindert
24 
Der Tränen bittre Flut.
 
25 
Wie einst sie unter Tränen
26 
Die stumme Mitternacht
27 
In hoffnungslosem Sehnen
28 
Verstört herangewacht,
29 
Sieht wunderbarer Weise
30 
Das Kindlein sie sich nahn,
31 
Es tritt so leise, leise,
32 
Es sieht sie trauernd an.
 
33 
O Mutter, in der Erden
34 
Gewinn ich keine Rast,
35 
Wie sollt ich ruhig werden,
36 
Wenn du geweinet hast?
37 
Die Tränen fühl ich rinnen
38 
Zu mir ohn Unterlaß,
39 
Mein Hemdlein und das Linnen,
40 
Sie sind davon so naß.
 
41 
O Mutter, laß dein Lächeln
42 
Hinab ins feuchte Haus
43 
Mir laue Lüfte fächeln,
44 
Dann trocknet's wieder aus,
45 
Und scheinet deinem Kinde
46 
Dein Auge wieder klar,
47 
Umblühn es Ros und Winde,
48 
Wie sonst es oben war.
 
49 
O weine nicht! sei munter!
50 
Was helfen Tränen dir?
51 
Komm lieber doch hinunter
52 
Und lege dich zu mir;
53 
Da magst du leise kosen
54 
Mit deinem Kindelein,
55 
Du liegst auf weichen Rosen
56 
Und schläfst so ruhig ein.
 
57 
Sie hat aus süßem Munde
58 
Die Warnung wohl gehört,
59 
Sie hat von dieser Stunde
60 
Zu weinen aufgehört.
61 
Wohl bleichten ihre Wangen,
62 
Doch blieb ihr Auge klar;
63 
Sie ist hinab gegangen,
64 
Wo schon ihr Liebling war.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.9 KB)

Details zum Gedicht „Die Mutter und das Kind“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
282
Entstehungsjahr
1781 - 1838
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Adelbert von Chamisso ist der Autor des Gedichtes „Die Mutter und das Kind“. Der Autor Adelbert von Chamisso wurde 1781 geboren. In der Zeit von 1797 bis 1838 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Der Schriftsteller Chamisso ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein andauerte. Insbesondere in den Bereichen der Literatur, Musik oder der bildenden Kunst hatte diese Epoche umfangreiche Auswirkungen. Die Romantik kann in drei Phasen unterteilt werden: Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848). Die Zeit der Romantik war für die Menschen in Europa von Umbrüchen geprägt. Die Französische Revolution (1789 - 1799) zog weitreichende Folgen für ganz Europa nach sich. Auch der Fortschritt in Wissenschaft und Technik, der den Beginn des industriellen Zeitalters einläutete, verunsicherte die Menschen und prägte die Gesellschaft. In der Romantik finden sich verschiedene charakteristische Motivkreise. Sehnsucht und Liebe (Blaue Blume) oder das Unheimliche (Spiegelmotiv) sind wichtige zu benennende Motive. Aber auch politische Motive wie Weltflucht, Nationalismus und Gesellschaftskritik lassen sich aufzeigen. Das Mittelalter gilt bei den Romantikern als Ideal und wird verherrlicht. Übel und Missstände des Mittelalters bleiben unbeachtet. Die äußere Form von romantischer Literatur ist dabei völlig offen. Kein festgesetztes Schema grenzt die Literatur ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu den strengen Normen der Klassik. In der Romantik entstehen erstmals Sammlungen so genannter Volkspoesie. Bekannte Beispiele dafür sind Grimms Märchen und die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Doch bereits direkt nach Erscheinen wurde die literarische Bearbeitung (Schönung) durch die Autoren kritisiert, die damit ihre Rolle als Chronisten weit hinter sich ließen.

Das Gedicht besteht aus 64 Versen mit insgesamt 8 Strophen und umfasst dabei 282 Worte. Weitere Werke des Dichters Adelbert von Chamisso sind „Die alte Waschfrau“, „Der alte Müller“ und „Die Sonne bringt es an den Tag“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Die Mutter und das Kind“ weitere 143 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Adelbert von Chamisso

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Adelbert von Chamisso und seinem Gedicht „Die Mutter und das Kind“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Adelbert von Chamisso (Infos zum Autor)

Zum Autor Adelbert von Chamisso sind auf abi-pur.de 143 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.