Der alte Müller von Adelbert von Chamisso

Es wütet der Sturm mit entsetzlicher Macht,
Die Windmühl schwankt, das Gebälk erkracht.
Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
Der Meister ist nicht, der alte, zur Hand,
Er steht an der Felswand schwindlichem Rand.
Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
Da steht er allein, mit dem Winde vertraut,
Und spricht mit den Lüften vernehmlich und laut.
Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
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Er schüttelt im Sturme sein weißes Haar,
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Und was er da spricht, klingt sonderbar.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
13 
Willkommen, willkommen, großmächtiger Wind!
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Was bringst du mir Neues, verkünd es geschwind.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
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Du hast mich gewiegt, du hast mich genährt,
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Du hast mich geliebt, du hast mich gelehrt.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
19 
Du hast mir die Worte wohl hinterbracht,
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Die Worte der Weisheit, von Toren verlacht.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
22 
Ihr Toren, ihr Toren, die faßtet ihr nicht,
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Die faßte der Wind auf, der gab mir Bericht.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
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Das Wort wird Tat, das Kind wird Mann,
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Der Wind wird Sturm, wer zweifelt daran?
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
28 
Willkommen, willkommen, großmächtiger Wind!
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Und was du auch bringest, vollend es geschwind.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
31 
Das Maß ist voll, die Zeit ist aus;
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Jetzt kommt das Gericht in Zerstörung und Graus.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
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Ein Wirbelwind faßt den Alten zumal
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Und schleudert zerschmettert ihn tief in das Tal.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
 
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Zerschellt ist der Mühle zerbrechlicher Bau,
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Und Wogen von Sand bedecken die Au.
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Hilf, Himmel, erbarme dich unser!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.6 KB)

Details zum Gedicht „Der alte Müller“

Anzahl Strophen
13
Anzahl Verse
39
Anzahl Wörter
252
Entstehungsjahr
1781 - 1838
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Der alte Müller“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Adelbert von Chamisso. 1781 wurde Chamisso geboren. Im Zeitraum zwischen 1797 und 1838 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Chamisso handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein dauerte und sich insbesondere auf den Gebieten der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik äußerte. Aber auch die Gebiete Geschichte, Philosophie und Theologie sowie Naturwissenschaften und Medizin waren von ihren Auswirkungen betroffen. Die Romantik kann in drei Phasen aufgegliedert werden: Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848). Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts galt im Allgemeinen als wissenschaftlich und aufstrebend, was hier vor allem durch die einsetzende Industrialisierung deutlich wird. Die damalige Gesellschaft wurde zunehmend technischer, fortschrittlicher und wissenschaftlicher. Diese Entwicklung war den Schriftstellern der Romantik zuwider. Sie stellten sich in ihren Schriften gegen das Streben nach immer mehr Gewinn, Fortschritt und das Nützlichkeitsdenken, das versuchte, alles zu verwerten. Als Merkmale der Romantik sind die Weltflucht, die Verklärung des Mittelalters, die Hinwendung zur Natur, die Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, der Rückzug in Fantasie- und Traumwelten oder die Faszination des Unheimlichen zu benennen. Bedeutende Symbole der Romantik sind die Blaue Blume oder das Spiegel- und Nachtmotiv. Strebte die Klassik nach harmonischer Vollendung und Klarheit der Gedanken, so ist die Romantik von einer an den Barock erinnernden Maß- und Regellosigkeit geprägt. Die Romantik begreift die schöpferische Phantasie des Künstlers als unendlich. Dabei baut sie zwar auf die Errungenschaften der Klassik auf. Deren Ziele und Regeln möchte sie aber hinter sich lassen.

Das Gedicht besteht aus 39 Versen mit insgesamt 13 Strophen und umfasst dabei 252 Worte. Die Gedichte „Die Löwenbraut“, „Zweites Lied von der alten Waschfrau“ und „Die alte Waschfrau“ sind weitere Werke des Autors Adelbert von Chamisso. Zum Autor des Gedichtes „Der alte Müller“ haben wir auf abi-pur.de weitere 143 Gedichte veröffentlicht.

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