Der Gekrönte von Otto Ernst

Von eines kunstgeweihten Tempels Stufen
Stieg er herab: der Sieger im Gesang.
Im abendlichen Dunkel dicht gedrängt,
In langen Reihen harrte sein die Menge.
Wohin er lächelnd schritt, da brandete,
Brausend im Anprall, die Begeisterung;
Der Fackeln Glut umflog die hohe Stirn
Ganz wie das düst’re Flackerlicht des Ruhms.
Und mit ihm ging die Woge ihres Zurufs
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Und trug ihn wie auf holdbewegter Flut.
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Erstiegen war der Gipfel – und vergessen
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War das verschwiegene Elend langer Jahre,
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Sein nie belohntes Ringen um den Preis,
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Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn.
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Des Volkes Gunst erhob ihn über alle
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Und trug ihn nun gewiß zum sich’ren Hafen.
 
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Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin,
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Hört’ er Gelächter neben sich – Gelächter ...
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Hört’ er dergleichen nicht in frühern Tagen?
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Und einen Mann erblickt’ er bald, bedrängt
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Von einer Schar von Spöttern. Und sie riefen:
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„He, Freundchen, schau: so sieht ein Dichter aus!
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Betracht ihn recht! Allein, wie ist mir denn?
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Du bist ja auch ein ‚Dichter‘! Wenigstens
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Glaubst du es selbst! Ja willst du denn dem Sieger
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Nicht deinen Gruß entbieten? Nicht die Hand
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Ihm reichen als – Kollege? Hahahaaa!“
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Und lauter scholl das Lachen.
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Der Geschmähte
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Sah fern ins Dunkel, bleich bis in die Lippen;
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Die Seele war noch jung genug zum Schmerz.
 
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Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten,
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Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte
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Vortrefflich Stimm’ und Antlitz jener Edlen.
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Das waren ganz dieselben breiten Fratzen,
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Die in den Morgen seines jungen Glaubens
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Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren's,
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Die ihm das reine, adlerfrohe Herz
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Mit Geifer überströmt. Der Pöbel war es,
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Der ungeheure, der nicht Götter hat,
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Nein Götzen nur, Idole, selbstgemachte,
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Und der nach vornen nicht kann beten, ohne
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Mit Eselshufen hinten auszuschlagen.
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Der Seele Gleichgewicht verlangt es so.
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Und sah es überall nicht gleiche Züge?
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Auch hier – und hier? Und solch Gesindel pries ihn
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Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor –
 
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Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh
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Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen,
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Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten,
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Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß;
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Heimweh nach seines Glaubens Morgenröten,
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Nach hohen Festen seiner Einsamkeit,
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Nach jener Jünglingsträne, die nicht fließt,
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Weil sie des Auges Glut zu rasch verzehrt,
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Heimweh nach bitt’rem Jubel, trotziger Lust,
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Nach reicher Not und königlicher Schmach.
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Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern,
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Die er verlassen, die in Staub und Hunger,
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Verhöhnt, verfolgt, in dunkler Tiefe keuchten,
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Indessen er auf freier Höhe stand ...
 
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Ausstreckt’ er weit die Hand, daß der Verhöhnte
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Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast. – –
 
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Wem hohe Kraft die Schöpferseele füllt
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– Trägt auch der Menge Gunst ihn bis ans Ende –
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An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz;
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Bei den Verschmähten ist sein Heimatland.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.8 KB)

Details zum Gedicht „Der Gekrönte“

Autor
Otto Ernst
Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
67
Anzahl Wörter
444
Entstehungsjahr
1907
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Der Gekrönte“ des Autors Otto Ernst. Der Autor Otto Ernst wurde 1862 in Ottensen bei Hamburg geboren. 1907 ist das Gedicht entstanden. In Leipzig ist der Text erschienen. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Moderne zu. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche, prüfe bitte die Richtigkeit der Zurodnung. Die Auswahl der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das Gedicht besteht aus 67 Versen mit insgesamt 6 Strophen und umfasst dabei 444 Worte. Otto Ernst ist auch der Autor für Gedichte wie „Auf dem Morgengange“, „Auflösung“ und „Aus einer Nacht“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Der Gekrönte“ weitere 63 Gedichte vor.

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