Winter von Gustav Falke

Ein morscher Kahn. Vereist. Zwei Raben hüpfen
Auf seinem Rand umher und krächzen heiser
Das Lied des Todes in das weiße Land.
Fern, aus verschneiten Wäldern, Wolfsgebell.
Im Nebel über starrem Meere schwimmt
Die strahlenlose Sonne, gelb und schaurig.
Landher, aus schneeverwehten Hügeln, naht
Barhäuptig, schnellen Schritts, mit glühenden Wangen
Ein Mann, der trägt, vom Wege aufgerafft,
10 
Vom Felde, einen plumpen Stein in Händen,
11 
Schmutzig, umkrustet von gefrornem Schnee,
12 
Und singt ein Lied, ein wirres, wildes Lied:
 
13 
Wollt ihr mein Herz, mein heißes Herz nicht haben?
14 
Ich will es euch ja schenken.
15 
Müßt ihr vor solchen heiligen Liebesgaben
16 
Euch noch bedenken?
 
17 
Ist niemand denn an allen weiten Wegen,
18 
Im Sommerland, am Winterstrand,
19 
Dem ich's in seine treue Hand kann legen,
20 
In seine weiche Freundeshand?
 
21 
Was soll ich denn allein mit meinem Herzen,
22 
Mit meinem heißen Herzen gehn?
23 
Weh! es erlischt. Und könnten tausend Herzen
24 
Sich dran entzünden und in Flammen stehn.
 
25 
Und wie er singt und schreitet, singt und schreitet,
26 
Scheucht er vom Boot die schwarzen Vögel auf,
27 
Ihr Flug umklatscht ihn, ihr Geschrei umkreischt ihn.
28 
Er achtet's nicht und schreitet grade aus,
29 
Immer den kalten, plumpen Stein in Händen.
 
30 
Ein Klingen läuft durchs Eis. Im Flugschnee pfeift
31 
Der Fost um seinen Fuß. Und lauter wird
32 
Sein wildes Lied und ringt sich durch den Nebel,
33 
Der ihn umhüllt, verschlingt. Nur dann und wann
34 
Schrillt heiser über seinem Lied der Schrei der Raben.
 
35 
Und einsam liegt der Strand. Die Sonne sinkt
36 
Erblassend unter in den kalten Dunst,
37 
Und waldher giert das hungrige Geheul
38 
Der Winterwölfe.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.8 KB)

Details zum Gedicht „Winter“

Autor
Gustav Falke
Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
38
Anzahl Wörter
254
Entstehungsjahr
1853 - 1916
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Gustav Falke ist der Autor des Gedichtes „Winter“. Im Jahr 1853 wurde Falke in Lübeck geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt zwischen den Jahren 1869 und 1916. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Realismus, Naturalismus, Moderne, Expressionismus oder Avantgarde / Dadaismus zuordnen. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das 254 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 38 Versen mit insgesamt 7 Strophen. Weitere Werke des Dichters Gustav Falke sind „Die Schnitterin“, „Närrische Träume“ und „Zwei“. Zum Autor des Gedichtes „Winter“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 191 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Gustav Falke

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Gustav Falke und seinem Gedicht „Winter“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Gustav Falke (Infos zum Autor)

Zum Autor Gustav Falke sind auf abi-pur.de 191 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.