Ich hab hier ein wenig von dem zusammengestellt, was ich im Web über das Buch „Der Vorleser“ gefunden habe.

Der Roman Der Vorleser von Bernhard Schlink handelt von vielen Themen, aber eines der wichtigsten ist das Thema der Übernahme der Verantwortung für Handlungen, die man begangen hat. Überall in dem Roman treffen die Leute Entscheidungen, die ernste Konsequenzen haben. Die Leute möchten nicht immer diese Konsequenzen, aber hierin liegt die Verantwortung, eine moralische Verantwortung, recht zu handeln. Wenn man es nicht tut, schadet man sich selbst. Hanna und die KZ-Frauen müssen die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen.
Hanna Schmitz ist eine sechsunddreißigjährige Frau. Sie hat Erfahrung mit Männern und mit dem Leben. Warum würde sie mit einem so jungen Knaben eine sexuelle Beziehung haben? Warum nicht mit einem älteren Mann? Ich denke nicht, daß sie diese Beziehung nur aus Liebe anfängt. Ist es, weil Hanna einsam ist und etwas in Michael sieht, das ihr gefällt? Sie fängt die Beziehung sehr schnell an, nach sehr kurzer Zeit, und Sex, nichts anderes ist die Grundlage dieser beziehung. Es ist sofort physisch. Wohl verliebt Michael sich in Hanna, aber verliebt sie sich in ihn oder verliebt sie sich nur in die Idee Michaels? Vielleicht wollte Hanna jemand, um nicht allein zu sein. Und vielleicht verliebte sie sich in Michael, aber ihre Angst über die Entdeckung ihres Analphabetentums war zu stark. Und so bleibt die Frage: Ist es hier eine ausgewogene, auf Gleichheit beruhende Beziehung? Hanna geht ohne Erklärung weg, ohne ein Wort zu Michael zu sagen. Ist das Liebe? Denkt sie an Michaels Gefühle? Sie denkt nicht an die Konsequenzen ihrer Handlung und die Wirkung auf Michael. Wenn sie an ihn gedachten hätte, wäre sie vielleicht gütig gewesen. Hanna ging, weil sie nicht wollte, daß ihre Chef herausfand, daß sie unwissend war. Ihr Stolz und ihre Angst zwangen sie zu fliehen und deshalb verletzte sie Michael dauernd.
Am Ende schadete Hanna sich selbst, weil sie Michael verstoßen hat und wenn sie einen Freund brauchte, als sie aus dem Gefängnis kam, erinnerte er sich an den Schmerz und verrät Hanna und seine Beziehung zu ihr ist nicht mehr die gleiche. Das Ergebnis ihrer Handlungen ist, daß sie Schuld fühlte und deshalb Selbstmord beging.
In der Verhandlung in dem zweiten Teil des Buchs sehen wir, daß Hanna eine KZ-Wächterin in dem Zweiten Weltkrieg war. Sie ist (zusammen mit anderen KZ-Wächterinnen) angeklagt, daß sie eine Gruppe Juden in einem Feuer sterben ließ, obwohl sie die Schlüssel der Kirche hatte und hätte ihnen helfen, sie retten können. Hanna hatte eine große Schuld, weil sie die Schlüssel hatte und nicht die Gefangenen gerettet hatte. Die Leute betrachten sie wie eine unmenschliche Mörderin. Sie denken, daß Hanna für ihre Handlungen ins Gefängnis gehen soll. Dadurch würde Hanna Verantwortung übernehmen und für ihr Verbrechen gegen die Humanität bezahlen.
Aber sie sieht es anders. Sie sieht ihre Handlungen nicht auf diese Weise. Sie sieht sich nicht für den Tod der Judn verantwortlich, sondern sie glaubt, daß sie nur ihre Pflicht erfüllt hat. Sie glaube, daß sie keine Wahl hatte, die Juden freizulassen. Sie mußte die Gefangenen in der Kirche eingesperrt lassen, da sie sonst nicht ihre Pflicht getan hätte. Hanna sah es nur auf diese Weise, weil sie so zu denken gelernt hatte. Sie sah nicht moralisch gegen unmoralisch, sondern Pflichterfüllung gegen Pflichtverletzung. Für sie waren die Juden nicht Menschen, sondern Gefangene ohne Namen und ohne Gesichter. Ist das richtig? Sollte sie mehr Mitleid gehabt haben? Aber eine andere Frage ist das: Hat Mitleid einen Platz im Krieg? Kann das Mitleid einen Platz im Krieg haben? Wenn ein Soldat zu viel Mitleid hätte, könnte er sterben, könnte er getötet werden. Viele Leute würden sagen, daß Hanna nicht schuldig war, wegen dieser Begründung.
Andererseits kann man sagen, daß die Menschen Menschen und wenn wir nicht Mitleid haben, dann was bleibt uns? Wo bleibt die Humanität? Hier ist die Ironie, daß wir Krieg führen, um Frieden zu schaffen. Manche Leute sagten, daß Hanna immer eine Wahl hatte und sie wählte, den Juden nicht zu helfen. Hanna weiß, daß sie schuldig ist und nimmt die Konsequenzen auf sich. Sie geht ins Gefängnis und deshalb nimmt sie die Verantwortung für ihre Aktionen.


Gewicht der Wahrheit

Ein Roman des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink macht weltweit Furore ­ die Filmrechte wurden nach Hollywood verkauft.
Vor vier Jahren hatte der Jurist Bernhard Schlink eine sonderbare Idee: Er wollte, daß sein gerade abgeschlossener Roman "Der Vorleser" zuerst in den USA erscheint, und zu diesem Zweck ließ er sogar auf eigene Kosten eine englische Übersetzung anfertigen. So, glaubte er, wäre auch die Aufmerksamkeit der amerikanischen Filmstudios am leichtesten zu erregen.
Der Schweizer Verleger Daniel Keel, bei dem Schlink, heute 54, zuvor schon drei erfolgreiche Kriminalromane (zuletzt "Selbs Betrug") publiziert hatte, konnte ihm die Idee ausreden: Das Literaturwerk des in der Nähe von Bielefeld geborenen und in Heidelberg aufgewachsenen Autors erschien 1995 ganz gewöhnlich in der Sprache, in der es geschrieben war, nämlich auf deutsch. Und der Diogenes-Verlag rang dem zögerlichen Schlink auch die Filmrechte ab ­ mit dem Versprechen, einen Hollywood-Produzenten bei eventueller Nachfrage zu bevorzugen.
Daran glaubte damals im Ernst niemand. Als Autor war Schlink lediglich Krimifreunden ein Begriff, und sein Roman "Der Vorleser" war alles andere als leichte Kost (SPIEGEL 47/1995): Das heikle Thema Auschwitz wird darin mit einer gewagten Liebesgeschichte gekoppelt und zudem aus ungewohnter Perspektive erzählt.
Auch das war im übrigen ein Grund, warum der vielbeschäftigte Jurist, den es zur Literatur zog ("Es fehlte einfach noch etwas in meinem Leben"), sein Buch lieber zunächst im Ausland publiziert hätte. Schlink fürchtete, in Deutschland falsch verstanden zu werden.
Sein Held Michael Berg, Jurist wie der Autor, ist als Schüler von einer älteren Frau in die Liebe eingeführt worden: "Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen ­ das wurde das Ritual unserer Treffen." Das war Mitte der fünfziger Jahre in einer deutschen Kleinstadt. Viel später, zur Zeit der Auschwitz-Prozesse, trifft er seine Hanna im Gerichtssaal wieder: als Angeklagte und schwerer Verbrechen Beschuldigte.
Der Clou des Romans besteht nicht nur in der konsequent eingehaltenen Erzählperspektive des Nachgeborenen, sondern auch in ihrer Gebrochenheit: Der Student Berg hat sich zeitgemäß mit den Kommilitonen der "Aufarbeitung der Vergangenheit" verschrieben und kann doch die einstige KZ-Aufseherin und frühere Geliebte nicht ohne Mitgefühl betrachten ­ die Anklagerituale der eigenen Gruppe und Generation kommen ihm plötzlich schal vor: Das blendend erzählte Buch ist Liebesgeschichte und Traktat über den Holocaust und seine moralischen Folgen gleichermaßen. "Wir müssen unsere Biographien immer wieder neu schreiben", sagte Schlink nach Erscheinen des Romans, "um uns dessen zu vergewissern, wer und wo wir sind. Das heißt, wir müssen durch die Vergangenheit immer wieder durch."
Als "political incorrect" stufte der Autor sein Werk selbst ein. Doch es kam weder zu Protesten noch zu dem vom Autor weit mehr befürchteten Zuspruch von falscher Seite. Die Reaktionen waren im Gegenteil einhellig positiv: Die deutsche Literaturkritik zeigte sich für ihre Verhältnisse von dem flüssigen Erzählwerk äußerst angetan, das Buch wurde von begeisterten Lesern weiterempfohlen ­ inzwischen ist es sogar Schullektüre.
Auch international hat "Der Vorleser" eine beachtliche Karriere gemacht, zu vergleichen mit jener der deutschen Romane "Die Blechtrommel" (1959) von Grass und "Das Parfum" (1985) von Patrick Süskind. Der Schweizer Verlag verkaufte bisher rund eine halbe Million Exemplare des Schlink-Werks, das Buch wurde in 25 Sprachen übersetzt und war in Frankreich (200 000 verkaufte Exemplare) und Großbritannien (100 000) Bestseller.
Nun ist auch Amerika im "Vorleser"-Fieber: "The Reader" (so der angelsächsische Titel) führt derzeit die Bestsellerliste der "New York Times" an. Schon im Herbst 1997, als der Roman ­ mit bescheidener Startauflage ­ in Amerika herauskam, hatte ihn das US-Blatt mit hymnischen Kritiken begrüßt. "Gerade in dem Moment, wo alles über Deutschland und den Krieg gesagt zu sein scheint, kommt dieses fesselnde, philosophisch elegante und moralisch komplexe Buch von Bernhard Schlink", schrieb die "New York Times". Am Ende sei der Leser bewegt und verstört, erschüttert und irritiert ­ und vor allem "mächtig angesprochen von einer Erzählung, die das Gewicht der Wahrheit auf ihren Schultern trägt".
Andere amerikanische Zeitungen waren ebenso begeistert, das anspruchsvolle Magazin "New York Review of Books" begann seine umfangreiche Rezension des 200-Seiten-Werks mit den Worten: "Nur selten vermag ein Roman von diesem bescheidenen Umfang solche Anforderungen an seine Leser zu stellen."
Auch Hollywood hat sich gemeldet ­ und, wie versprochen, den Zuschlag erhalten. Schon vor knapp einem Jahr wurden die Verträge mit dem Erfolgsstudio Miramax ("Shakespeare in Love") unterschrieben. Die Verhandlungen hatte der Verlegersohn und Filmstudent Philipp Keel, 30, in aller Ruhe führen können ­ dem Verlag lagen jede Menge Angebote auf dem Tisch: 34 Anfragen allein aus den USA, außerdem 21 aus Deutschland und noch einmal rund 30 aus dem übrigen Europa. Als Regisseur ist derweil Oscar-Preisträger Anthony Minghella ("Der englische Patient") im Gespräch, doch hält Daniel Keel, 68, auch eine andere Lösung, etwa mit europäischer Beteiligung, für möglich.
Als hätte sich der kühne Traum des Autors Schlink damit nicht schon mehr als erfüllt, wurde Ende Februar im amerikanischen Fernsehen noch der triumphale I-Punkt auf die Erfolgsstory gesetzt: In der Kultsendung "Oprah's Book Club" wurde "The Reader" als Tip des Monats vorgestellt ­ als erstes europäisches Werk überhaupt. Eine TV-Empfehlung von Talkmasterin Oprah Winfrey stellt selbst den begeistertsten "Quartett"-Tip von Marcel Reich-Ranicki weit in den Schatten: Der US-Verlag legte sofort 600 000 Paperbacks vom "Reader" auf und erhöhte die amerikanische Gesamtauflage des Romans damit auf rund eine dreiviertel Million. Am Dienstag dieser Woche wird Schlink zudem in Winfreys Talkshow zu Gast sein.
Derweil wartet der Schweizer Verlag ungeduldig auf das seit längerem angekündigte neue Buchmanuskript mit Liebesgeschichten von Schlink ­ der Band sollte ursprünglich im kommenden Herbst erscheinen. Doch der Autor, der im Hauptberuf als Juraprofessor an der Berliner Humboldt-Universität arbeitet und nebenbei auch noch als Verfassungsrichter in Nordrhein-Westfalen tätig ist, zögert die Abgabe immer wieder hinaus.
So einfach wie im Sommer 1986, als Schlinks literarische Laufbahn mit einem Brief an den Diogenes-Verlag ("Sehr geehrte Damen und Herren") begann, ist die Sache nicht mehr. Damals schickte der völlig unbekannte Autor einen Krimi mit dem Privatdetektiv Gerhard Selb als Helden nach Zürich ­ und Verleger Keel freut sich immer noch darüber, die Qualität des Manuskripts sofort erkannt zu haben. Der erste Satz darin lautete: "Am Anfang habe ich ihn beneidet." Jetzt besteht erst recht Anlaß dazu.
VOLKER HAGE


In Bernhard Schlinks 1995 erschienenem, vielschichtigen Roman (der sich, um nur einige Aspekte zu nennen, als Pubertäts- oder Entwicklungsroman, als Doppelbiographie oder Essay über die Schwierigkeiten der Nachgeborenen mit dem Verstehen und Beurteilen der NS-Verbrechen lesen läßt) steht die Beziehung des Ich-Erzählers zu einer Frau im Mittelpunkt - zu einer Hanna Schmitz, die im Verlauf der Handlung für ihre Taten in der NS-Zeit vor Gericht gestellt wird.
Die vorliegenden Kapitel lassen sich auch ohne die Kenntnis der komplexen Handlung verstehen. Der Ich-Erzähler berichtet von zwei Versuchen, sich auf den Weg zu machen, um durch den Besuch authentischer Stätten, genauer gesagt, des ehemaligen KZ Struthof-Natzweiler im Elsaß, Hannas Verbrechen verstehen und schließlich be- und verurteilen zu können. Er möchte die "Klischees mit der Wirklichkeit austreiben". Seine Bemühungen mißlingen allerdings gründlich, sie münden in die Erfahrung einer "großen Leere". Kurze Episoden im Umfeld der beiden KZ-Besuche thematisieren die Entschuldigungsversuche der Täter-Generation bzw. die anschließende emotionale Krise des Erzählers.
Der Textausschnitt fordert dazu heraus, eigene Erfahrungen mit denen des Ich-Erzählers zu vergleichen und zu den angesprochenen Problemen Position zu beziehen. Dies könnte ein sicherlich anstrengender und irritierender Impuls dafür sein, eigene Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der NS-Zeit anzusprechen bzw. ansatzweise zu klären. Eigene Erlebnisse, z.B. ein KZ-Besuch, müssen also bei den Schülern bereits vorliegen, um sich mit Schlinks Text auseinandersetzen zu können.
Mögliche Arbeitsaufgaben/Impulse für den Unterricht/Schreibaufträge (Essay, Erörterung)
Stellen Sie die thesenhaft vorgebrachten Selbstbeschreibungen, Absichten und Erfahrungen des Ich-Erzählers aus dem Text zusammen und nehmen Sie aus eigener Sicht dazu Stellung!
(Alternative: Wählen Sie aus den thesenhaft vorgebrachten Selbstbeschreibungen, Absichten und Erfahrungen des Ich-Erzählers die Aussage aus, die Ihnen besonders zusagt, und nehmen Sie aus eigener Sicht dazu Stellung!)
Erläutern Sie die Position des Autofahrers zur Frage "Warum Menschen so furchtbare Sachen machen können"! Kennzeichnen Sie kurz die Reaktion des Ich-Erzählers und nehmen Sie aus eigener Sicht dazu Stellung!
Arbeiten Sie die Absichten und Erfahrungen des Ich-Erzählers heraus! Achten Sie dabei auf die sprachliche Gestaltung!

Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er ... und sie wird seine erste Leidenschaft. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder - als Angeklagte im Gerichtssaal. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängenden Vergangenheit.
»Dieses Buch sollte man sich nicht entgehen lassen, weil es in der deutschen Literatur unserer Tage hohen Seltenheitswert besitzt.« Tilman Krause, der Tagesspiegel, Berlin
»Der beklemmende Roman einer grausamen Liebe. Ein Roman von solcher Sogkraft, daß man ihn, einmal begonnen, nicht aus der Hand legen wird.« Hannes Hintermeier, Abendzeitung, München
»Ein Roman von bestechender Aufrichtigkeit. Was für ein Glück, daß dieses Buch geschrieben wurde!« Raz'nerMoritz1DieWeltwoche,Zürt'ch
»Ein literarisches Ereignis.« Der Spiegel, Hamburg
»Ein wunderbares Buch.« Le Monde, Paris
Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser wurde in I3 Sprachen übersetzt und avancierte zum internationalen Bestseller.


Dies ist ein ungewöhnliches Buch aus dem Umfeld der Schrecken des Dritten Reiches. Erzählt wird auf kaum mehr als 200 Seiten die Geschichte einer Täterin, einer Frau, die als Aufseherin in einem KZ tief in das Verbrechen der Nationalsozialisten verwickelt war. Dennoch wird nicht aus dem Leben einer Bestie erzählt, sondern - und das ist die Zumutung dieses Buches - aus dem Leben eines Menschen.
Das Buch berichtet davon, daß jemand seine eigene Schuld akzeptiert und versucht, ihr in seinem Leben Rechnung zu tragen. Es ist genau der Fall, nach dem man in den realen Täterbiographien von NS-Tätern bislang immer vergebens gesucht hat, die Geschichte eines einsichtigen, seine Schuld erfahrenden Nazis.
Damit ist aber allenfalls der thematische Rahmen abgesteckt, in dem sich das kleine, sehr präzise und kühl geschriebene Buch bewegt. Es beginnt ganz anders. Nichts deutet auf die tragische Dimension der erzählten Geschichte hin. Über 80 Seiten erzählt das Buch einfühlsam die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einem 16jährigen Jungen und einer gut 12 Jahre älteren Frau. Diese Geschichte, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit um 1950 spielt, wird als ein Balanceakt geschildert, ein gewagtes, ein waghalsiges Glück, über dem von Anfang an der Zauber eines Rätsels liegt. Voller Unschuld wird hier gekonnt und ohne Voyeurismus das sexuelle Erwachen eines Jungen geschildert, der einer vollkommen unverklemmten, seltsamerweise allein lebenden Frau begegnet, die seine Liebe ebenfalls als großes Glück erlebt. Doch die Geschichte der Liebe bricht nach 70 Seiten genau so unverhofft ab, wie sie begann. Die Hauptheldin verschwindet, ohne daß man erkennen könnte, warum.
Ein zweiter Teil des Buches erzählt chronologisch den weiteren Fortgang der Lebensgeschichte des Jungen. Er studiert Jura bei einem Professor, der die NS-Prozesse der 60er Jahre juristisch beobachtet, und findet als junger Referendar und Prozeßbeobachter die Frau, die so unverhofft aus seinem Leben verschwand, plötzlich als NS-Täterin auf der Anklagebank wieder. Sie wird angeklagt, auf bestialische Weise noch in den letzten Kriegsmonaten an der Ermordung von KZ-Gefangenen beteiligt gewesen zu sein. Die Begegnung ist ein tiefer Schock für den jungen Juristen, der die Frau wiedersieht, die er geliebt hat und die er angesichts der Anklage nicht mehr lieben will. Anders als die anderen auf der Anklagebank sucht die Angeklagte ihr Heil jedoch nicht in Lügen und Beteuerungen der eigenen Unschuld. Sie stellt sich den Fakten, die sie belasten, erwähnt aber auch, was für sie spricht.
Ein ergreifender Teil der Liebesgeschichte des Beginns war auch das Glück des Vorlesens, denn diese Frau war, was sowohl ihrem Freund als auch dem Leser nur langsam dämmert, Analphabetin. Nach und nach enthüllt sich eine unglaubliche in der ersten Geschichte versteckte zweite Geschichte, die den tragischen Lebenslauf der Angeklagten plötzlich in einem anderen Licht sehen läßt. Der juristische Beobachter und mit ihm der Leser weiß, daß die Angeklagte ein wichtiges Dokument, das zu ihrer Verurteilung zu lebenslanger Haft führt, nicht gelesen und erst recht nicht geschrieben haben kann, wie ihre Mitangeklagten behaupten. Dennoch akzeptiert sie wortlos ihr Urteil - und damit moralisch die Schuld, die juristisch gar nicht zu sühnen ist. Im dritten Teil des Buches wird erzählt, wie der Erzähler nach Jahren wieder mit der Frau, nun Gefängnisinsassin, Kontakt aufnimmt. Über Jahre hinweg sendet er ihr Tonbandmitschnitte ins Gefängnis, auf denen er ihr - so wie er es in der glücklichen Periode tat - Bücher vorliest. Er knüpft ein Band wieder an, das zerrissen war. Nach vielen Jahren endlich erhält er eine handgeschriebene Karte, in der die Frau sich bedankt und erstaunlich einfühlsame Kommentare zum Gelesenen abgibt. Es wird sichtbar, daß sie im Gefängnis lesen gelernt hat.
Das Buch ist weder in seiner Tragik noch in seiner berührenden Tiefe beschreibbar. Die Täterin wird als Opfer geschildert. Das macht die außergewöhnliche Zumutung des Buches aus. Anders, als es hier vielleicht erscheinen mag, wirkt das Buch beim Lesen überhaupt nicht erfunden, im Gegenteil, es weckt mit jeder Zeile die Frage nach der Authentizität der erzählten Geschichte, ohne sie allerdings zu beantworten. Das Buch wirkt wie eine Dokumentation, wie die um äußerste Präzision bemühte Rekonstruktion einer Lebensgeschichte. Nirgends zielt es auf sentimentale Rührung. Es ist fast nicht zu glauben, wie dieses Buch es versteht, seine Geschichte über 50 Jahre nach dem wirklichen Geschehen in dieser Dringlichkeit zu erzählen. (tp)


Eine befremdliche Liebesgeschichte
Die Handlung des Romans beginnt Ende der 50er Jahre in einer süddeutschen Stadt: Ein fünfzehnjähriger Junge verliebt sich in eine Frau von 36, sie haben eine 'Affäre', verleben - trotz gelegentlicher Irritationen - eine glückliche Zeit miteinander, bis die Frau, Hanna Schmitz, auf einmal spurlos verschwindet. Der Junge namens Michael Berg reagiert, wie es naheliegt, etwas verstört, setzt aber nach außen hin seinen Lebensweg 'normal' fort, bis er als Jurastudent Hanna wiedersieht - als Angeklagte in einem KZ-Prozeß. Michael nimmt an jedem Tag der Verhandlung teil und muß erfahren, dass Hanna bei der SS war, Aufseherin in Auschwitz und (mit-) verantwortlich dafür, dass mehrere hundert ihr anvertrauter Frauen nach Auflösung des Lagers in einer verschlossenen Kirche verbrannten. Er beginnt aber auch ein zweites Geheimnis von Hanna zu erahnen: Was am Anfang der Liebesgeschichte des ungleichen Paares als zärtliche Szene verstanden werden kann - nämlich, dass Hanna sich von dem Jungen gerne vorlesen läßt - erweist sich jetzt als ein Indiz für ein Hannas Leben prägendes Defizit: Sie ist Analphabetin. Hanna gibt das aber im Prozeß nicht zu (sie streitet nicht ab, belastende Dokumente unterschrieben zu haben) und ermöglicht es dadurch Mitangeklagten, ihr die größte Schuld anzulasten. Auch Michael schweigt im Prozeß, und Hanna wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Michael schickt ihr von ihm mit literarischen Werken besprochene Kassetten ins Gefängnis, besucht sie aber nicht. Hanna lernt im Gefängnis lesen und schreiben, liest Bücher über die Konzentrationslager, erhängt sich aber nach langjähriger Haft kurz vor ihrer durch Begnadigung möglichen Entlassung.
Erzählt wird dies alles aus der Ich-Perspektive des etwa fünfzigjährigen Michael Berg, immer wieder unterbrochen von Reflexionen des Erzählers über sein damaliges Verhalten und die Schwierigkeiten des Erinnerns.
Auschwitz im Deutschunterricht - nein danke?
In einer Rezension zu dem Buch heißt es: "Das Schreiben über Auschwitz gehört zu den schwierigsten Themen. " Dieser Satz läßt sich nach meiner Erfahrung mit großer Berechtigung auch dahingehend abwandeln, dass man sagen kann: Die Behandlung von Literatur über Auschwitz gehört zu den schwierigsten Themen des Deutschunterrichts. Schüler und auch Studierende des Abendgymnasiums äußern sich nicht selten ablehnend zur Besprechung einer solchen Thematik, oft mit dem Hinweis, man kenne das alles, habe schon so oft in der Schule und andernorts darüber gesprochen und man solle doch bitte etwas anderes machen.
Um diese Haltung aufzubrechen, habe ich zuerst einmal bei der Vorstellung des Buches als nächsten Unterrichtsgegenstand nicht erwähnt daß es um die Thematik des Holocaust geht, sondern habe nur gesagt, dass es sich um eine Neuerscheinung handele, die eine ungewöhnliche Liebesgeschichte darstelle. Die Studierenden sind so vielleicht etwas überrumpelt worden, haben aber selber etwas von dem Schock nachvollziehen können, den der Ich-Erzähler im Gerichtssaal bei der Konfrontation mit der angeklagten Hanna erfahren hat, und haben das Buch nicht direkt unter ablehnendem Vorzeichen gelesen.
Ein Roman, der berührt und polarisiert
Die anfängliche Diskussion über die Lektüreerfahrung verlief recht lebhaft. Viele hatten den Text fast 'hintereinander weg' gelesen und schon mit Angehörigen oder Freunden darüber gesprochen. Eine Studierende hatte direkt nach der Lektüre eine sehr impulsive Stellungnahme niedergeschrieben. Schlinks Roman hatte offensichtlich die meisten Studierenden in - für eine Schullektüre - ungewöhnlichem Maße emotional berührt - und auch polarisiert. Auf dem einen Pol, dem die Mehrzahl der Kursteilnehmer anhing, war ein für mich in dieser Intensität erstaunliches Bemühen festzustellen, Hanna Schmitz zu verstehen, ihre Handlungen aus den damaligen Umständen und speziell aus ihrem Analphabetismus zu erklären und Schuldvorwürfe ihr gegenüber zu relativieren bzw. abzuwehren. Ein kleinerer Teil der Studierenden, der den anderen Pol bildete, hob dagegen entschieden die individuelle Verantwortung Hannas als erwachsener Mensch hervor, die sie auch in ihrer damaligen Lage hätte zeigen müssen. Das Dilemma des Erzählers zwischen Verstehen und Verurteilen (s.o.) spiegelte sich so auch im Kurs wider.
Produktionsorientierter Literaturunterricht
Um nicht ausschließlich anstrengende, bald sich im Kreise drehende konfrontative Diskussionen in der Großgruppe zu führen, habe ich Formen eines eher produktionsorientierten Literaturunterrichts vorgeschlagen, bei dem die Studierenden zwischen vielfältigen Formen der Annäherung an bzw. Auseinandersetzung mit dem Roman wählen konnten: z.B. Schreiben einer Rezension, aber auch im engeren Sinne 'literarische' Beiträge wie z.B. Entwickeln einer anderen Antwort des Richters auf die Frage Hannas, wie er sich denn in ihrer Situation damals verhalten hätte, oder Schreiben eines inneren Monologs Hannas bei der Urteilsverkündung. Wir haben auch die szenische Darstellung zentraler Textpassagen (oder alternativer Handlungsmöglichkeiten) mit verteilten Rollen versucht. Diese Versuche und das Sprechen darüber im Unterricht haben sicherlich nicht die verschiedenen Grundpositionen verschwinden lassen, sie haben aber eventuell ermöglicht, dass sie nicht ganz so abstrakt und rigoros stehen geblieben sind.
Keine fertigen Antworten
Die Anlage des Romans als Liebesgeschichte, seine fehlende Dämonisierung der Täterin (ohne ihre Verbrechen zu beschönigen) wie auch die fehlende Selbstgerechtigkeit des nachgeborenen retrospektiven Erzählers, für den am Ende des Buches gerade nicht alles geklärt und entschieden ist - diese Merkmale von Schlinks 'Vorleser' sprechen für seine Eignung als Gegenstand des Deutschunterrichts.
Den Studierenden wurden durch den Text gerade nicht fertige Antworten geboten - auch von mir nicht als Lehrer. Ich hoffe jedoch, daß sie gerade bei den produktionsorientierten Formen der Beschäftigung mit dem Text und dem dabei auftretenden Spannungsfeld von Identifikation und Distanz gelernt haben, sich neue Fragen zu stellen, und eventuell auch einige Einsichten gewonnen haben im Hinblick auf grundlegende ethische Fragen wie denen nach Verantwortung und Schuld von Menschen - nicht nur zu Zeiten eines faschistischen Regimes.


Wir befinden uns in einer süddeutschen Kleinstadt währende der fünfziger Jahre. Mit gerade mal fünfzehn Jahren macht der junge Michael Berg, der in diesem Buch als Ich-Erzähler auftritt ,die Bekanntschaft der um viele Jahre älteren Hanna Schmitz.
Magisch fühlt sich der Junge von der erfahrenen und ein wenig rätselhaften Frau angezogen, die ihn in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweiht. Im Laufe der Zeit erfährt Michael zwar, womit seine Geliebte ihr Geld verdient - sie ist Busschaffnerin- aber ansonsten bleibt ihr Leben für ihn ein Geheimnis. Er weiß nicht woher sie kommt, was sie früher gemacht hat, wie ihre Kindheit und Jugend verliefen, ob sie je verheiratet war oder vor ihm andere Männer geliebt hat.
Als Gegenleistung für ihre Liebesdienste erwartet Hanna von dem Jungen, daß er ihr vorliest. Es ist kein billiger Schund, den Hanna bevorzugt, sondern sie liebt die Klassiker und anerkannte Literatur.
Im Zusammensein mit seiner Geliebten reift Michael heran, und als er beginnt, sich auch für gleichaltrige Mädchen zu interessieren, verschwindet Hanna ganz plötzlich von der Bildfläche. Wohin sie geht und warum so plötzlich und ohne Abschied, bleibt für den Jungen lange Zeit verborgen.
Erst Jahre später sieht er sie durch Zufall wieder. Michael, soll im Rahmen seines Studiums einen Naziprozeß beobachten - eine der Angeklagten ist seine frühere Geliebte.
Hannas Verhalten während des Prozesses ist äußerst eigenartig. Sie leugnet nichts, nervt aber alle Beteiligten durch ihre Fragereien. Niemand kann verstehen, warum sie so viel fragt, wo sie doch weiß Gott genügend Zeit gehabt hätte, dich die Anklageschrift und alle Unterlagen genau durchzulesen. Erst als sie sich im Verlaufe der Verhandlung vehement weigert, eine Schriftprobe abzugeben und stattdessen lieber schwere Anschuldigungen auf sich nimmt, entdeckt Michael ihr sorgsam gehütetes Geheimnis: Hanna ist Analphabetin!
Wohl weil er sich in der Schuld seiner früheren Geliebten sieht, beginnt Michael eines Tages ihr Kassetten zu schicken - Kassetten, die er selbst besprochen hat, auf denen er ihr aus Werken namhafter Autoren vorliest. Kein Gruß, kein persönliches Wort nur die Texte anderer Menschen. Dies geht über mehrere Jahre und eines Tages bekommt Michael einen Brief - von Hanna! Sie hat im Gefängnis schreiben gelernt!
Im Verlaufe der vielen Jahre, die Hanna im Gefängnis verbringt, ist Michael ihr einziger Kontakt zur Außenwelt und so verliert sie nach und nach jeden Bezug zur Welt außerhalb der Gefängnismauern.
Am Tag vor ihrer geplanten Entlassung erhängt sie sich.
Der Autor greift in seinem Roman gleich mehrere heiße Eisen auf und betritt Bereiche, die mit starken Tabus besetzt sind.
Da ist zum einen das Thema Pädophilie: Michael ist erst fünfzehn, als er sein erstes sexuelles Erlebnis mit Hanna hat. Nicht nur verklemmte oder spießige Tugendwächter sehen im Geschlechtsverkehr zwischen Menschen so unterschiedlicher Altersstufen heute in jedem Falle einen Mißbrauch des Jüngeren durch den Älteren. Daß der Junge durchaus Spaß bei der Sache hat, spielt keine Rolle.
Zum anderen ist da eine gewisse Sympathie, die der Autor seiner Figur "Hanna" entgegenbringt. Obwohl die Frau schreckliche Dinge getan hat, sich an der Ermordung vieler Menschen beteiligte, aus höchst eigennützigen Motiven den Tod gefangener junger Mädchen in Kauf nahm, sieht er in ihr nicht nur die Täterin sondern auch das Opfer.
Indem Schlink die Leser lange Zeit über die Vergangenheit Hannas im Unklaren läßt, sie gelegentlich geschickt auf ihre Seite zieht, zwingt er sie, sich den eigenen fest gefügten Weltanschauungen und Vorurteilen zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen.
Ich mag Autoren, die den Mut haben, die Grenzen der "Political Correctness " zu überschreiten. Nur Texte, an denen man sich reiben kann, an denen man Ecken und Kanten findet, zwingen uns zum Nachdenken, zum Hinterfragen eigener eingefahrener Denkmuster.
Trotz dieser positiven Tendenz, vermochte mich der Roman jedoch nicht immer in seinen Bann zu ziehen. Dabei war es weniger die Figur der Hanna, die mir Probleme bereitete, sondern eher die des Jungen, der mir gelegentlich trotz des Aufruhrs, der in seinem Inneren tobte, seltsam blutleer erschien. Vielleicht liegt das jedoch nicht an dem Autor, sondern an mir selber, denn mir fällt es relativ schwer, mich in die Seelenlage fünfzehnjähriger Jungen zu versetzen - erstens ist schon eine geraume Zeit vergangen, seitdem ich selber in diesem Alter war und zweitens war ich nun mal ein Mädchen!
Insgesamt halte ich den "Vorleser" für ein sehr lesenswertes Buch und ein wichtiges Stück neuerer deutschsprachiger Literatur.