Franz Kafka

Kafkas Vater Herrmann wurde 1852 in Wossek in Südböhmen, einem winzigen Dorf von knapp hundert Einwohnern, geboren. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen. Sein Vater, Jakob Kafka, war Fleischhauer und heiratete 1849, als Fünfunddreißigjähriger, seine Nachbarin Franziska Platowski. Jakob Kafka hatte sechs Kinder, zwei Töchter und vier Söhne, die schon in jungen Jahren und frühmorgens, auch im Winter und oft barfuß, die Fleischwaren mit einem Handkarren in die umliegenden Dörfer bringen mußten. Die Lebensverhältnisse der Familie waren äußerst bescheiden, die Schulbildung scheint jedoch, den Verhältnissen entsprechend, überdurchschnittlich gewesen zu sein. In Wosek existierte damals noch eine jüdische Schule, und hier hat wohl Kafkas Vater (dessen Umgangssprache damals tschechisch war) deutsch lesen und schreiben gelernt. Als Vierzehnjähriger verließ Herrmann Kafka Wossek und versuchte als Wanderhändler sein Glück. Nach dem Militärdienst siedelte er nach Prag über und gründete dort ein paar Jahre später,
mit einigen Mitteln seiner Braut, der vermögenderen Brauerstochter Julie Löwy, ein Galanteriewarengeschäft.
Julie Löwy wurde in Bad Podêbrad geboren. Ihr Großvater war ein gebildeter Jude. Sie hatten ein ziemlich großes Geschäft, welches sehr vernachlässigt wurde, da der Großvater sich lieber mit dem Talmud beschäftigte. Julie Löwys Mutter war die einzige Tochter des frommen Talmudisten. Sie starb mit 28 Jahren an Tifus-Epedemie und hinterließ die drei Jahre alte Julie und ihre drei Brüder. Ihr Vater hatte nach einem Jahr wieder geheiratet, aus dieser Ehe stammen zwei Söhne, verkaufte das Haus und auch das Geschäft ihrer Eltern und übersiedelte nach Prag. So wuchs Julie seit ihrem vierten Lebensjahr nur unter der Obhut der Stiefmutter und des Vaters auf. Empfindlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, Unruhe 1 - so charakterisierte Kafka das Löwysche Erbteil. Einige dieser Eigenschaften waren auch in Kafka stark ausgeprägt, besonders die schüchterne, beinahe übermäßig ängstliche Bescheidenheit, die Scheu und eine gewisse Kontaktarmut. Der Kafkasche Lebens-, Geschäfts- und Eroberungswillen 2 war hingegen nicht auf Kafka übergegangen.
Hermann Kafka vergaß seine schwere Jugend nie, hielt sie beständig seinen Kindern vor Augen und akzeptierte lediglich die gesellschaftliche Anerkennung als erstrebenswertes Ziel. Die gesellschaftliche Anerkennung war in der altösterreichischen Provinzhauptstadt nur auf dem Umweg über die schmale deutsche Oberschicht zu erlangen. Der deutlichste Hinweis für die entschlossenen Anschlußversuche an die deutsche Gesellschaft ist die Schulbildung der Kinder - sämtliche Kinder der Familie Kafkas besuchte ausschließlich deutsche Schulen.

1.2 Die Kindheit

Am 3. Juli 1883 wurde Franz Kafka in einem Haus in der Altstadt Prags geboren. Während seines ganzen Lebens - mit Ausnahme der letzten Lebenszeit, als ihn die Krankheit zwang, Sanatorien aufzusuchen - hat Kafka diesen innersten Bezirk der Prager Altstadt nur selten verlassen. Der Kleine Ring und die Gassen, die vom Wohnhaus Kafkas ausgingen, die „Durchhäuser„ mit ihren engen Innenhöfen, an denen sich offene Balkons, „Pawlatschen„, entlangzogen - sie waren der Spielplatz des Kindes Kafka. Vom Haus Minutà aus führte auch, im Herbst 1889, der erste Schulweg in die Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt. Die Kindheitseindrücke waren dreißig Jahre später noch so stark, das er sie niederschrieb:
Unsere Köchin, eine kleine trockene, magere, .... führte mich jeden Morgen in die Schule. Da ging es also zuerst über den Ring, dann in die Teingasse, dann durch eine Art Torwölbung in die Fleischmarktgasse hinunter. Und nun wiederholte sich jeden Morgen das Gleiche wohl ein Jahr lang. Beim Aus-dem-Haus-treten sagte die Köchin, sie werde dem Lehrer erzählen, wie unartig ich zu hause gewesen bin. Nun war ich wahrscheinlich nicht sehr unartig, aber doch trotzig, nichtsnutzig, traurig, böse und es hätte sich daraus wahrscheinlich immer etwas Hübsches für den Lehrer zusammenstellen lassen..... Nun war ja die Schule schon an und für sich ein Schrecken und jetzt wollte es mir die Köchin noch so erschweren. Ich fing an zu bitten, sie schüttelte den Kopf, je mehr ich bat, desto wertvoller erschien mit das, um was ich bat, desto größer die Gefahr, ich blieb stehn und bat um Verzeihung, sie zog mich fort, ich drohte ihr mit der Vergeltung durch die Eltern, sie lachte, hier war sie allmächtig .... , es schlug acht von der Jakobskirche, man hörte die Schulglocken, andere Kinder fingen zu laufen an, vor dem Zuspätkommen hatte ich immer die größte Angst ... nun: sie sagte es nicht, niemals, aber immer hatte sie die Möglichkeit und sogar eine scheinbar steigende Möglichkeit (gestern habe ich es nicht gesagt, aber heute werde ich es ganz bestimmt sagen) und die ließ sie niemals los. 3
Die Gründe für diese Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaftigkeit des Kindes lagen in der elterlichen Erziehung, soweit man davon überhaupt sprechen kann. Erziehungsskrupel hegte man damals ganz allgemein nicht und schon gar nicht in Kafkas Elternhaus. Das Kind wuchs unter der Obhut von Köchinnen, Ammen und Dienstmädchen auf. Die Eltern sah Kafka selten: Der Vater hatte in seinem ständig vergrößernden Geschäft ein polterndes Domizil aufgeschlagen, und die Mutter mußte stets um ihn sein, als Hilfe und als Ausgleich gegenüber den Angestellten, die dem Vater als Vieh, Hunde und bezahlte Feinde 4 galten. Die Erziehung beschränkte sich auf die Anwesenheit bei Tisch und Befehle, denn auch abends mußte die Mutter dem Vater stets Gesellschaft leisten beim gewöhnlichen Kartenspiel mit Ausrufen, Lachen und Streit. Pfeifen nicht zu vergessen. 5
In dieser dumpfen, giftreichen, kinderauszehrenden Luft des schön eingerichteten Familienzimmers 6 wuchs das Kind auf, die knappen Befehle des Vaters blieben ihm unbegreiflich und rätselhaft und es wurde schließlich so unsicher aller Dinge, daß ich tatsächlich nur das besaß, was ich schon in den Händen oder im Mund hielt oder was wenigstens auf dem Wege dorthin war. 7 Zu dieser Unsicherheit trug besonders die Richtung der väterlichen Erziehung bei, die Kafka im Brief an den Vater bezeichnet: Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn, und in diesem Falle schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest. 8
Aufwachsend in einem meinungslosen Elternhaus, unter rätselhaften Gesetzen und in einer unverständlichen Umwelt, blieb dem Kind nur der Abschluß nach außen: Ich blieb mit meinem Denken bei den gegenwärtigen Dingen und ihren gegenwärtigen Zuständen. 9

2 Der Bildungsweg und Berufsweg

Die Vereinsamung Kafkas, das rätselhafte Sichabschließen innerhalb einer Umgebung wie Prag, die „Anschlußmöglichkeiten„ nach allen Seiten bot, wurde primär durch die pragmatische und abstrakte Erziehung verursacht. Das kann nur bedingt als Vorwurf gegen das Elternhaus gewertet werden, dann gerade dieses Kind hätte ein Einfühlungsvermögen verlangt, für das nicht nur dem Vater Zeit und erzieherische Anlagen fehlten, sondern für das auch die damalige Gesellschaft kein Verständnis besaß.

2.1 Das K.K. Staats-Gymnasium

Ein Musterbeispiel ist dafür das altösterreichische humanistische Gymnasium, dem der Zehnjährige überantwortet wurde. Kafkas Gymnasium war im Kinsky-Palais untergebracht, einem Barockbau am Altstädter Ring, wenige Schritte von der Wohnung der Familie entfernt. Kafkas Vater hatte diesmal zielbewußt gewählt: Nicht nur wiederum eine deutsche Schule, sondern auch das humanistische Gymnasium, aus dem die Monarchie ihren Beamtenbedarf zu rekrutieren pflegte.
Die äußere Würde des Baues am Altstädter Ring war ein treffender Ausdruck des Geistes, der die Anstalt beherrschte. Jahrzehntealte k. k. Schulvorschriften machten einen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler beinahe unmöglich, forderten Respekt und förderten einen sinnlosen Paukbetrieb, dem persönliche Interessen des Schülers gleichgültig waren. Die Anstalt pflegte am Jahresende einen gedruckten „Bericht„ herauszugeben, und in einem dieser Berichte schreibt Kafkas Klassenordinarius (den damaligen Maßstäben nach eher ein liberaler Pädagoge) vom vorgeschriebenen „Arbeitskalender, der für das ganze Jahr bestimmt ist„, erläutert „Collectaneenhefte für grammatikalische Mustersätze„ und erklärt am Schluß, daß dies sich natürlich besonders gegen Schüler richte, „welche die Kunst des Fabulierens von Haus aus mitbringen„.
In der Bildungsmaschine, durch die Kafka acht Jahre getrieben wurde, widmete sich fast die Hälfte der Unterrichtsstunden den beiden klassischen Sprachen. Es hieß, man werde durch das Studium des Lateinischen und des Griechischen in den Geist der antiken Welt eingeführt. Und auch moderne Bildung sei ohne diesen Geist nicht zu erwerben. Kafka ist der antike Geist fremd geblieben. Höchst selten findet sich in seinen Tagebüchern und Briefen auch nur der Name eines antiken Autors. Das gehäkelte Geschichtsbild konnte von den Schülern nicht mit gegenwärtigen sozialen und politischen Gegebenheiten verglichen werden.
Dies wurde allerdings zu einer der Voraussetzungen der „Kritik„ Kafkas: Weil die Möglichkeit eines Vergleichs nicht bestand, hat er die Gesellschaft seiner Zeit zwar abstrakter, aber mit um so unerbitterlicherer Schärfe gesehen. Der Deutschunterricht war fast wertlos, er zielte ausschließlich auf ein zitierbares Lehrbuchwissen ab.
Der Religionsunterricht war anders aufgebaut, führte aber zu ähnlichen Ergebnissen. Das Glaubensmaterial, das Kafka überliefert wurde, war denkbar gering. Schon die Bar-Mizwah im dreizehnten Lebensjahr bedeutete Kafka nicht mehr als ein lächerliches Auswendiglernen 10, da er kaum Kenntnisse im Hebräischen hatte (erst fünfundzwanzig Jahre später begann er ein gründliches Studium).
In den letzten Gymnasialjahren wurde Kafkas Ablehnung alles Religiösen noch stärker: Ich habe in der Erinnerung, daß ich in den Gymnasialzeiten öfters .... mit Bergmann - einem Mitschüler - in einer entweder innerlich vorgefundenen oder ihm nachgeahmten talmudischen Weise über Gott und seine Möglichkeit disputierte. Ich knüpfte damals gern an das in einer christlichen Zeitschrift gefundene Thema an, in welchem eine Uhr und die Welt und er Uhrmacher und Gott einander gegenübergestellt waren und die Existenz des Uhrmachers jene Gottes beweisen sollte. Das konnte ich meiner Meinung nach sehr gut Bergmann gegenüber widerlegen .... 11
Die Unsicherheit Kafkas äußerte sich in unauffälliger Kleidung und scheuer Distanz. Ein Klassenkamerad berichtet darüber:
„Wenn ich von Kafka etwas Charakteristisches sagen soll, dann ist es das, daß an ihm nichts Auffälliges war. Er war immer rein und ordentlich, unauffällig und solid, aber niemals elegant gekleidet. Die Schule war für ihn immer etwas, was ihn im Innersten nicht sehr berührte, was aber ordentlich gemacht werden mußte. Wir hatten ihn alle sehr gern und schätzten ihn, aber niemals konnten wir mit ihm ganz intim werden, immer umgab ihn irgendwie eine gläserne Wand. Mit seinem stillen, liebens-würdigen Lächeln öffnete er sich die Welt, aber er verschloß sich vor ihr. Von meinen anderen Mitschülern könnte ich viel mehr sagen, weil sie als Freunde mitteilsam waren. Was mir im Gedächtnis haftengeblieben ist, ist das Bild eines schlanken, hochgewachsenen, jungenhaften Menschen, der so still aussah, der gut war und liebenswürdig, der freimütig jedes Andere anerkannte und doch immer irgendwie entfernt und fremd blieb. Die Entwicklung bis zur endgültigen Abkapselung beginnt hier, sie endet schon ein Dutzend Jahre später. Das letzte Lebensjahrzehnt, in dem die entscheidenden Werke entstehen, ist nur noch durch die fortwährenden vergeblichen Ausbruchsversuche aus der bereits fixierten Grundsituation gekennzeichnet. Am Beginn dieser Entwicklung, bis zu jener Tagebucheintragung (1913) vom Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit steht die Erkenntnis des Kindes, daß Schule wie Elternhaus die Eigentümlichkeit nicht dulden oder zumindest, wie es an anderer Stelle heißt, daß meine Erziehung einen anderen Menschen aus mir machen wollte als den, der ich geworden bin. Die verborgene Gemeinschaftssehnsucht des Abiturienten äußerte sich in dem Wunsch nach Freundschaft, allerdings mit einer derartigen Radikalität erhofft, daß eine Erfüllung unwahrscheinlich bleiben mußte. Die Freundschaft sollte den schon beträchtlich gestörten Kontakt nach außen vermitteln. Diese Aufgabe fiel in der letzten Gymnasialzeit und den beiden ersten Universitätsjahren Oskar Pollak zu, dem Reifsten der Klasse, von ausgesprochen entschiedenem Charakter, temperamentvoll, mit einem seinem Alter weit vorauseilenden kunsthistorischen und naturwissenschaftlichen Interesse. Pollak war in der Freundschaft zweifellos der Führende. Kafka gab ihm sogar Manuskripte zur Beurteilung - in späteren Jahren las er höchstens Eigenes vor und forderte nie ein Urteil. In der Universitätszeit, als Pollak sich schon von ihm zu lösen begann, schreibt Kafka an ihn: Unter allen den jungen Leuten habe ich eigentlich nur mit Dir gesprochen, und wenn ich schon mit andern sprach, so war es nur nebenbei oder Deinetwegen oder durch Dich oder in Beziehung auf Dich. Du warst, neben vielem anderen, auch etwas wie ein Fenster für mich, durch das ich auf die Gassen sehen konnte. Allein konnte ich das nicht .... 13
Unter dieser Konstellation hat zweifellos die Freundschaft gelitten, es wird nur irgendein Arm gesucht.

2.2 Die Universitätsjahre

Im Juli 1901 legte Kafka das Abitur ab und fährt für einige Wochen nach Norderney und Helgoland. Die Freiheit nach der Entlassung aus dem trostlosen Zwang des Gymnasiums gedachte er immerhin zu nutzen. Er beginnt vorerst, mit Oskar Pollak (und sicher unter seinem Einfluß) Chemie zu studieren, tritt aber bereits nach vierzehn Tagen in die „erwünschte“ juristische Fakultät über. Die ledernen Vorlesungen über das „Institut des römischen Rechts“, an denen er teilzunehmen hatte, konnte sein Interesse allerdings nicht wecken, und so wechselte Kafka im Sommer wiederum die Studienrichtung und hört Kunstgeschichte und besonders Germanistik bei August Sauer. August Sauer spielte damals eine führende Rolle im Nationalitätenhader. Er war der Initiator der Literaturgeschichte seines Schülers Josef Nadler und schon damals ein strikter Verfechter der Theorie von der Stammes- und Landschaftsgebundenheit der Literatur. Diese Ansichten waren Kafka fremd, und dementsprechend finden sich in den Briefen jener Zeit an Oskar Pollak auch scharfe Angriffe gegen August Sauer. Jedenfalls wollte Kafka Germanistik nicht mehr in Prag weiterstudieren. Der Vater weigerte sich aber ein Studium in München zu finanzieren und so nahm er im Wintersemester wiederum das juristische Studium auf. Es erlaubte Gleichgültigkeit und verlangte lediglich, wie Kafka schreibt, daß ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war. 14
Mit dem Jusstudium schien die Schuld gegenüber dem Elternhaus abgetragen. Kafka hörte lediglich die vorgeschriebenen Vorlesungen und promovierte nach der geforderten Mindestzahl von acht Semestern. Durch seinen Schulfreund Pribam (dessen Vater der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ angehörte, deren Beamter Kafka später wurde) wird er auch in jene führende Klasse von Industriemagnaten, Professoren und Hochadel eingeführt, die ihm sonst verschlossen geblieben wäre. In den Semesterferien fährt Kafka regelmäßig in die Provinz (häufig zu Verwandten), nach Liboch oder Strakonitz, meistens aber nach Triesch, einem kleinen Ort in Mähren, wo sein Onkel Siegfried (den er bis an sein Lebensende verehrte und dessen Meinungen und Welt er in der Erzählung Ein Landarzt andeutet) als Landarzt lebte.
Während des Semesters besucht er regelmäßig die Aufführungen des Tschechischen oder Deutschen Theaters, ebenso die von der „Lese- und Redehalle deutscher Studenten“ veranstalteten Vorträge und Dichterlesungen. Hier lernt Kafka Max Brod kennen, der im Oktober 1902 über Schopenhauer sprach und dabei Nietzsche als „Schwindler“ bezeichnete. „Nach diesem Vortrag“, berichtet Brod, „begleitete mich Kafka, der um ein Jahr Ältere, nach Hause. Er pflegte an allen Sitzungen teilzunehmen, doch hatten wir einander bis dahin kaum beachtet. Es wäre auch schwer gewesen, ihn zu bemerken, der so selten das Wort ergriff und dessen äußeres Wesen überhaupt eine tiefe Unauffälligkeit war.... Damals aber war er aufgeschlossener als sonst, ....“ 15
Kafkas Neigung für Nietzsche und seine Nietzsche-Lektüre gehen auf Oskar Pollak und besonders den „Kunstwart“ zurück. Diese von Nietzsche mitbegründete Halbmonatsschrift, die Kafka bereits im letzten Gymnasialjahr abonnierte, hatte besonders auf die Jugend einen außerordentlichen Einfluß. Das „Kunstwart“-Erlebnis machte Kafka gegenüber allen von außen angebotenen „Lösungen“ nach vorsichtiger, die Umwelt wird noch sorgfältiger geprüft. Als knapp Zwanzigjähriger spricht er mit erschütternder Selbstverständlichkeit von einem gefrorenen Meer in uns , wenn auch gleichzeitig von der Axt, die es spalten soll. Es ist der Wunsch nach einem empfindlicheren Gewissen und größerer Klarheit, der jetzt nach dem „Kunstwart“-Dunst um so entschiedener durchdringt. Die Situation, in der zwischen den Dingen willkürlich Bezüge gesetzt werden, ist der des Traumes ähnlich, und die einzige Tagebuchnotiz, in der Kafka von dieser Entscheidung in seiner Jugend spricht, beschreibt sie:
Ich saß einmal vor vielen Jahren, gewiß traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges. Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen, in der das Leben zwar sein natürliches schweres Steigen und Fallen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde. Vielleicht ein schöner Wunsch, wenn ich ihn richtig gewünscht hätte. Etwa als Wunsch, einen Tisch mit peinlich ordent-licher Handwerksmäßigkeit zusammenzu-hämmern und dabei gleichzeitig nichts zu tun, und zwar nicht so, daß man sagen könnte: „Ihm ist das Hämmern ein Nichts“, sondern „Ihm ist das Hämmern ein wirkliches Hämmern und gleichzeitig auch ein Nichts“, wodurch ja das Hämmern noch kühner, noch entschlossener, noch wirklicher und, wenn du willst, noch irrsinniger geworden wäre. Aber er konnte gar nicht so wünschen, denn sein Wunsch war kein Wunsch, es war nur eine Verteidigung, eine Verbürgerlichung des Nichts, ein Hauch von Munterkeit, den er dem Nichts geben wollte, in das er zwar damals kaum die ersten bewußten Schritte tat, das er aber schon als sein Element fühlte. Es war damals eine Art Abschied, den er von der Scheinwelt der Jugend nahm, sie hatte ihn übrigens niemals unmittelbar getäuscht, sondern nur durch die Reden aller Autoritäten ringsherum täuschen lassen. So hatte sich die Notwendigkeit des „Wunsches“ ergeben. 16
Der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen, die es gleichzeitig als ein Traum, als ein Schweben erscheinen lasse, ist in der Tat der Abschied von der Scheinwelt der Jugend. Wie schon die Lösung vom „Kunstwart“ zeigt, entwickelte sich in diesen Jahren bei Kafka die Schärfe und Unerbittlichkeit des Urteils, die von nun an bestehen bleibt.
Unsicherheit und Selbstanalyse, Urteilsmagie und Fremdheit der Dinge, Staunen, scheue Distanz und Sehnsucht nach Freundschaft - dies war die Welt des jungen Jurastudenten, und die Umwelt, wenn sie auch nur als Negativ erscheint, war entschieden daran beteiligt.
Das Studium der Rechte, das Kafka auf sich genommen hatte, bedeutete besonders in den letzten Semestern eine Qual. Den Anstrengungen dieses Paukbetriebes war er kaum gewachsen: Anfang Juli 1905 fährt Kafka in ein Sanatorium in Zuckmantel, einem kleinen, von Wäldern und Seen umgebenen Ort. Genau zehn Jahre später schreibt er an Max Brod: Im Grunde war ich noch niemals mit einer Frau vertraut, wenn ich zwei Fälle ausnehme, jenen in Zuckmantel (aber dort war sie eine Frau und ich ein Junge) und jenen in Riva. 17
Beide Begegnungen ereigneten sich fern von Prag, über beide hat Kafka strenges Stillschweigen bewahrt.
Nach der Rückkehr nach Prag begannen jene schrecklichen Monate vor der mündlichen Prüfung zur Erlangung des Doktorgrades, in denen Kafka sich unter reichlicher Mitnahme der Nerven förmlich von Holzmehl nährte. Das Protokoll der Prüfung vermerkt ein knappes, „mit drei von fünf Stimmen für genügend erklärtes“ Bestanden, und auch der Prüfling gab zu, daß es sehr lustig, wenn auch nicht kenntnisreich gewesen sei. 18 Am 18. Juni 1906 wurde Kafka zum Doktor der Rechte promoviert.

2.3 Die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt

Im Oktober 1907, ein Jahr nach der Promotion und wenige Tage nach der endgültigen Berufsentscheidung, schreibt der vierundzwanzigjährige Franz Kafka:
Mein Leben ist jetzt ganz ungeordnet. Ich habe allerdings einen Posten mit winzigen 80 Kronen Gehalt und unermeßlichen 8-9 Arbeitsstunden, aber die Stunden außerhalb des Bureaus fresse ich wie ein wildes Tier. ....Über die Arbeit klage ich nicht so, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit. Die Bureauzeit nämlich läßt sich nicht zerteilen, noch in der letzten halben Stunde spürt man den Druck der 8 Stunden wie in der ersten. Es ist oft wie bei einer Eisenbahnfahrt durch Nacht und Tag, wenn man schließlich, ganz furchtsam geworden, weder an die Arbeit der Maschine des Zugführers, noch an das hügelige oder flache Land mehr denkt, sondern alle Wirkung nur de Uhr zuschreibt, die man immer vor sich in der Handfläche hält .... Alle Menschen, die einen ähnlichen Beruf haben, sind so. Das Sprungbrett ihrer Lustigkeit ist die letzte Arbeitsminute. ....Aber es ist nicht nur Faulheit, auch Furcht, allgemeine Furcht vor dem Schreiben, dieser entsetzlichen Beschäftigung, die jetzt entbehren zu müssen mein ganzes Unglück ist. 19
Kafka arbeitete bei der „Assicurazioni-Generali“, einer privaten Versicherungsgesellschaft mit besonders strengen Arbeitsvorschriften. Nach dem Scheitern der Freundschaft mit Oskar Pollak, übernahm in den ersten Berufsjahren in immer stärkerem Maße Max Brod die Aufgabe des Fensters der Freundschaft. Durch ihn lernte Kafka die nähere Umgebung Prags kennen, die Ferienreisen nach Oberitalien, Weimar, Paris oder in die Schweiz unternahmen sie gemeinsam. Brod führte Kafka in das Prager Literatenleben ein. Er machte ihn mit dem Philosophen und Zionisten Felix Weltsch und dem blinden Schriftsteller Oskar Baum bekannt, welche bis zu seinem Lebensende Kafkas Freunde blieben.
Während des anstrengenden Dienstes in der „Assicurazioni Generali“ setzte das Schreiben vollständig aus. Dies war auch der Grund für Kafkas Bemühungen um eine andere Stellung, die bereits wenige Monate nach dem Eintritt beginnen. Nach einem Dreivierteljahr verläßt Kafka die „Generali“ und tritt zwei Wochen später, im August 1908, in die „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ ein , in der er bis zu seiner Pensionierung (1922) arbeitet. Die Arbeitsbedingungen waren hier wesentlich günstiger, vor allem dauerten die Bürostunden nur bis zwei Uhr nachmittags. Vorerst wurde Kafka als „Aushilfsbeamter“ angestellt, ab 1910 als „Concipist“ im Beamtenverhältnis. Kafkas „Dienst-Tabelle“ vermerkt dann, daß er 1913 zum „Vizesekretär“, 1920 zum „Anstaltssekretär“ und 1922 zum „Obersekretär“ ernannt wurde. Kurz darauf, am 1. Juli 1922, folgte die vorzeitige Pensionierung. Bei den Beamten der Anstalt, überwiegend Tschechen, war Kafka - das „Amtskind“ - sehr beliebt, „er hatte überhaupt keinen Feind“.
Kafka besuchte um 1918 regelmäßig die Vorträge und Abende im Hause Fanta, die die betreibsame Apothekersgattin Berta Fanta veranstaltete und zu denen sie die führenden Intellektuellen Prags einlud: den Mathematiker Kowalewski, den Physiker Frank, den Philosophen Ehrenfels und den jungen Albert Einstein. Kafka hörte hier Referate über die Relativitätstheorie, die Plancksche Quantentheorie und die Grundlagen der Psychoanalyse. Er lernte also, kurz vor der Niederschrift seiner Hauptwerke, die bedeutendsten Fragestellungen des neuen Zeitalters kennen.
Kafka beschäftigte sich neuerlich mit den religiösen Problemen. Kafka fand seine Neigung für die „lebendigere“ Religion der Ostjuden, mit der er zum erstenmal in den Jahren 1910 und 1911 durch Gastspiele einer jidischen Schauspieltruppe aus Lemberg in Berührung kommt, die das offiziöse Prager Judentum selbstverständlich nicht zur Kenntnis nahm. Die Schauspieler wurden als Hungerleider, Herumfahrende, Mitjuden verachtet 20 , die jidischen Theaterstücke galten als Schmiere, das Lokal als zweifelhaft. Kafka besuchte regelmäßig die Aufführungen und befreundete sich, sehr zum Ärger seines Vaters, mit einem der Schauspieler, Jizchak Löwy, und korrespondierte in den nächsten Jahren mit ihm.

3 Die Entstehung seiner wichtigsten Werke

1912 ist die Vereinsamung, Versteinerung, abgeschlossen und kaum mehr von außen beeinflußbar. In einer Rezension der Zeitschrift „Hyperion“, die ihr Erscheinen eingestellt hatte (in ihr waren auch die ersten Arbeiten Kafkas erschienen), schreibt Kafka:
Diejenigen, welche ihre Natur von der Gemeinschaft fernhält .... brauchen auch keine Verteidigung, denn das Unverständnis kann sie nicht treffen, weil sie dunkel sind, und die Liebe findet sie überall; sie brauchen auch keine Kräftigung, denn, wenn sie wahrhaftig bleiben wollen, können sie nur von sich selbst zehren, so daß man ihnen nicht helfen kann, ohne ihnen vorher zu schaden. 21




Durch die Kräftekonzentration entstehen im Herbst dieses Jahres die ersten Hauptwerke: der größte Teil des Romans Der Verschollene (Amerika) und die beiden „Geschichten“ Das Urteil und Die Verwandlung. Zuerst wurde in der Nacht vom 22. auf den 23. September, Das Urteil niedergeschrieben. Unmittelbar darauf trägt Kafka ins Tagebuch ein: Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken..... 22 Der Verschollene wird nur noch langsam fortgeführt und einen Monat später - bis Herbst 1914 - liegen gelassen. Auch die beiden späteren Versuche in der großen epischen Form, Der Prozeß und Das Schloß, blieben Fragment. F., Felice Bauer (seine spätere Verlobte), lernte Kafka am 13. August 1912 bei Max Brod kennen. Ende Oktober beginnt eine über Jahre (bis 1917) dauernde Korrespondenz. Kafka löst jedoch die drei Verlobungen (1914, 1917, 1919) wieder auf, ebenso die Verbindungen mit G.W. (1913), Grete Bloch (ab 1914) und Milena (ab 1920), nur die letzte mit Dora Diamant, ein halbes Jahr vor seinem Tode, war von einer gewissen Euphorie überstrahlt. Diese Heiratsversuche und Freundschaften zu Frauen standen allerdings noch unter einer zusätzlichen Belastung - den zweifelhaften Auffassungen von Sexualität., Ehe und Moral der Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg, die auch Kafkas Vater teilte. Dieselbe sexuelle Etikette, die die Bürgertöchter dem Virginitätsideal unterwarf, verpflichtete die Bürgersöhne zu Kenntnissen und Erfahrungen, die sie infolgedessen nur im Bordell erwerben konnten. So gab es in Prag auch zahlreiche Bordelle, und einige genossen unter den Rouès und Literaten hohes Ansehen. Kafkas Begegnungen mit Huren unterschieden sich von denen seiner Zeitgenossen. Auch sie waren verborgene Gemeinschaftssehnsucht. Die wenigen Be-ziehungen zu solchen Frauen hat Kafka später als unrein angesehen. Um so bezeichnender, daß fast nur dieses Bild der Frau in den großen Romanen erscheint, schon im Verschollenen als Brunelda, als aufgedunsener Fleischkoloß, besonders in den beiden späteren Romanen, unter den zweideutigen Namen Fräulein Bürstner oder den Dienstmädchen Leni und Frieda, als Waschweiber, als ausgehaltene Geliebte von Advokaten, Kastellanen und Beamten.





3.1 „Die Söhne“- Drei Geschichten

Kafka entwickelte eine editorische Idee, die er seinem Verleger am 11. April 1913 in einem Brief vortrug. „Mir liegt eben an der Einheit der drei Geschichten nicht weniger als an der Einheit einer von ihnen“, denn: „es besteht zwischen ihnen eine offenbare und noch mehr eine geheime Verbindung, auf deren Darstellung durch Zusammenfassung in einem etwa „Die Söhne“ betitelten Buch ich nicht verzichten möchte.“ Alle 1912 entstandenen Geschichten bezeichnen den vergeblichen Kampf der Söhne gegen den Väter.

3.1.1 „Das Urteil“

Es ist ein Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann. Er hat gerade einen Brief an seinen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, und sieht aus dem Fenster. Er denkt über seinen Freund nach, der sich schon vor Jahren nach Rußland förmlich geflüchtet hat. Nun betreibt er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hat, seit langem aber schon zu stocken scheint. Man sollte ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, aber das bedeutet, daß man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender, sagt, daß seine bisherigen Versuche mißlungen sind. Unter den gegebenen Umständen ist es vielleicht doch besser, er bleibt in der Fremde, so wie er ist.
Georg hat seinem Freund in allen seinen Briefen nur über belanglose Dinge geschrieben. Weder den Aufstieg des Geschäftes, das er gemeinsam mit dem Vater führt, noch seine Verlobung und baldige Heirat, hat er ihm mitgeteilt. Aus Rücksicht auf seine Gefühle. Seine Verlobte, das Fräulein Frieda Brandfeld, will den Freund in der Ferne aber gerne kennenlernen und die Hochzeit bietet sich als Anlaß an. Nach kurzem Überlegen entschließt sich Georg doch, dem Freund von der Hochzeit zu schreiben und ihn zu einem Besuch einzuladen. „So bin ich und so hat er mich hinzunehmen“, sagte er sich.
Er steckt den Brief in die Tasche und geht in das Zimmer des Vaters. Selbst an diesem sonnigen Vormittag ist es in dem Zimmer dunkel. Der Vater begrüßt ihn freundlich und
Georg erzählt von dem Brief und der Einladung an seinen Freund in Petersburg. Daraufhin stellt der Vater die Existenz des Freundes in Rußland in Frage, und bezichtigt Georg ein Spaßmacher zu sein, der sich auch ihm gegenüber nicht zurückhalten kann. Georg versucht ihn zu beruhigen und überredet ihn, sich niederzulegen. Er entkleidet den Vater und trägt ihn zu seinem Bett. Doch nachdem er den Vater zugedeckt hat, schleudert der Vater die Decke von sich und sitzt aufrecht im Bett. Er beginnt von dem Freund in Rußland als einen Sohn nach seinem Geschmack zu erzählen und beschuldigt Georg in unterkriegen zu wollen, weil er eine Frau heiraten will, mit der er nur zusammen ist, weil sie „die Röcke gehoben“ hat.
Der Freund sei nun doch nicht verraten, da er ihm über alle Neuigkeiten genauestens geschrieben hat. Die Briefe Georgs zerreiße er ungelesen in der linken Hand. Er wisse alles tausendmal besser als Georg. Der Vater verurteilt ihn als teuflischen Menschen und läßt ihn wissen, daß er ihn zum Tode des Ertrinkens verurteilt.
Georg fühlt sich aus dem Zimmer gejagt und läuft zum Fluß. Er schwingt sich über das Geländer, hält sich aber noch kurz fest und sagt: „ Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“. Dann läßt er los und fällt in den Tod.




Interpretation

In dieser Geschichte stehen sich Vater und Sohn wie zwei Duellanten gegenüber. Der Sohn scheint der Überlegene zu sein. Er hat den alten, verwitweten Vater praktisch entmachtet, er hat die Leitung des Geschäftes übernommen und Erfolg gehabt. Er hat sich verlobt, bereitet sich also darauf vor, sich auch im privaten Bereich die Rolle eines Familienoberhauptes anzueignen. Georg Mendemanns Illusionen werden zerstört. Sein Vater erweist sich als immer noch „zu stark“ für ihn, er ist „immer noch ein Riese“. Als einen solchen Riesen hat Kafka sich oft den eigenen Vater vorgestellt.
Die Geste des Hochhebens und Tragens kommt auch in Das Urteil vor. Nur ist es hier der Sohn, der sie ausführt und den anderen in das Bett hineinträgt, so wie man es mit einem kranken Kind macht. Gerade auf dem scheinbaren Höhepunkt seines Triumphes angelangt, wird der Sohn mit einigen wenigen Schlägen vernichtet. Er wird angeklagt und kann sich mit Worten nicht verteidigen. Auch hier führt ein Linie zu Kafkas Erlebnissen mit dem eigenen Vater zurück: „Die Unmöglichkeit des ruhigen Verkehrs hatte noch eine weitere eigentlich sehr natürliche Folge: ich verlernte das Reden. Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhnlich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verboten. Deine Drohung: „kein Wort der Widerrede!“ und die dazu erhobene Hand begleitete mich seit jeher.“ 22
Der leibliche Sohn wird verdammt. Georg Bendemann vollzieht das Urteil an sich selbst, er ist zu schwach, um dem Spruch des Vaters zu widerstehen. Er ist nicht wirklich schuldig, aber in ihm ist Schuldbewußtsein erzeugt worden.

3.1.2 „Der Heizer“

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt wird, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hat, in den Hafen von New York einfährt, erblickt er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin. Während Karl die Statue fasziniert betrachtet, macht in ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden ist, darauf aufmerksam, daß alle Passagiere das Schiff verlassen. Karl beobachtet die aussteigenden Leute und merkt bestürzt, daß er seinen Regenschirm unten im Schiff vergessen hat. Er bittet den jungen Mann auf seinen Koffer aufzupassen, und eilt davon.
Sein Weg führt ihn durch eine Unzahl kleiner Räume, über kurze Treppen, durch fortwährend abbiegende Korridore, bis er sich tatsächlich ganz und gar verirrt hat. In seiner Ratlosigkeit klopft er an eine kleine Tür, und es ruft von innen „Es ist ja offen“. Karl tritt vorsichtig in den kleinen Raum ein. Es ist das Zimmer des Schiffsheizers, der seine Sachen packt um von Bord zu gehen. Dieser erzählt ihm von der ungerechten Behandlung durch seinen Vorgesetzten, einem Rumänen namens Schubal, der seine Arbeit nicht zu schätzen weiß. Karl will dem Heizer helfen, und schlägt vor mit dem Kapitän des Schiffes zu reden. Dieser Vorschlag wird allerdings als eher lächerlich abgetan. Der Heizer macht sich zusammen mit Karl auf den Weg zum Kassaraum. Er klopft respektvoll an die Türe an und fordert, als man „herein“ ruft, Karl auf, ohne Furcht einzutreten. Von den drei Fenstern des Zimmers sieht man große Schiffe gegenseitig ihre Wege kreuzen.
An einem runden Tisch sitzen drei Herren, der eine ein Schiffsoffizier in blauer Schiffsuniform, die zwei anderen, Beamte der Hafenbehörde, in schwarzen, amerikanischen Uniformen. Am Fenster sitzt an einem Schreibtisch ein kleiner Herr, der mit großen Folianten hantiert. In der Nähe des dritten Fensters stehen zwei Herren in halblautem Gespräch. Einer trägt auch die Schiffsuniform, derjenige, mit dem er spricht, ist in Zivil und hat ein dünnes Bambusstöckchen.
Der Heizer bittet um ein Gespräch mit dem Herrn Oberkassier, wird aber darauf aufmerksam gemacht das seine Anwesenheit hier nicht erwünscht ist. Da läuft Karl quer durchs Zimmer bis zum Tisch des Oberkassiers und zieht so die Aufmerksamkeit aller auf sich. Er berichtet von der ungerechten Behandlung die dem Heizer durch Schubal widerfahren ist und erlangt damit das Interesse des Kapitäns, dem in Schiffsuniform gekleideten Mann in der Nähe des Fensters. Der Heizer trägt seine Klagen dem Kapitän vor, allerdings in einer so wirren und ungeordneten Weise, daß ein Zuhörer nach dem Anderen das Interesse verliert und den Heizer als lästige Störung empfindet. Karl fällt dem Heizer ins Wort um seinen Redeschwall zu unterbrechen. Inzwischen hat Schubal von dem Vorfall erfahren und betritt den Raum um sich zu verteidigen. Er wird aber davon abgehalten, da der Mann mit dem Bambusstöckchen Karl nach seinem Namen fragt. Es stellt sich heraus des es sich um Karls Onkel handelt, eine wohlhabenden, einflußreichen Senator. Er hat von dem Dienstmädchen, welches ein Kind von Karl bekam, einen Brief mit genauer Beschreibung Karls bekommen.
Karl sieht keine Möglichkeit mehr dem Heizer zu helfen, und der Onkel bewegt ihn, das Schiff zu verlassen, da sie schon viel zu lange die wertvolle Zeit des Kapitäns in Anspruch genommen haben. Karl muß sich vom Heizer verabschieden und verläßt traurig das Schiff um mit dem Onkel an Land zu gehen.

Interpretation

Karl scheint gut gerüstet zu sein, im mythischen Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein neues Leben zu beginnen. Aber „schuldlos“ bedeutet auch so viel wie naiv und unerfahren. Wegen eines vergleichsweise wertlosen Regenschirms, gibt er seinen Koffer preis, der seine ganze materielle Habe enthält. Er verirrt sich in dem riesigen Schiff, so wie sich im Märchen ein Kind im Wald verläuft. Er muß bei einem Erwachsenen Hilfe suchen. Dieser, der Heizer, ist ein „riesiger Mann“, der das Kind sofort ins Bett beordert. Aber Karl besteht die Kraftprobe gegen diese Vaterfigur, denn angesichts seiner Vorgesetzten wird der Heizer selber zum Kind, das sich nicht verteidigen kann, weil es nicht gut genug reden kann. Für einen kurzen Augenblick werden die Rollen vertauscht. Der Heizer wird zu Karls Schützling. Der Onkel ist es dann, der diesen Emanzipationsversuch zu nichte macht. Karls Rede verwirrt sich, als er den ihm noch unbekannten Mann das erste Mal sieht. Als er dann die Aner-kennung ausgesprochen hat, „Du bist mein Onkel“, wird ihm sofort alles genommen, was er besitzt: seine Freiheit und der Freund. Am Ende der Geschichte verläßt Karl weinend wie ein kleiner Junge an der Hand des Onkels das Schiff. Auch diese Geschichte endet also mit der Niederlage des Sohnes.

3.1.3 „Die Verwandlung“

Gregor ist Reisender und erhält mit seinem Lohn seine Eltern und seine Schwester. Er rechnet damit, das jeden Moment ein Beauftragter seiner Firma auftauchen könnte. Seine Eltern klopfen an seine Tür und wollen sich nach ihm erkundigen, doch Gregor bringt nur noch tierisch verzerrte Laute heraus, was er selber aber noch nicht merkt. Der Prokurist der Firma trifft ein und droht Gregor ihn zu entlassen, wenn dieser nicht Augenblicklich aus seinem Zimmer herauskäme. Gregor gelingt es durch heftiges schaukeln aus dem Bett zu fallen und auf die Tür zuzukriechen. Durch seine klebrigen Ballen gelingt es ihm, sich an der Tür aufzurichten und mit seinem Kiefer den Schlüssel umzudrehen.
Der Prokurist erblickt Gregor zuerst. Kurz aufschreiend wendet er sein Gesicht ab und flüchtet Richtung Haustür. Gregor versteht das alles nicht. Er verspricht dem Prokuristen sich sofort anzuziehen und den nächsten Zug zu nehmen. Doch der Prokurist, der die Haustür bereits erreicht hat, starrt ihn nur fassungslos an und läuft schließlich auf die Straße hinaus. Gregors Mutter weicht entsetzt in die Küche aus und der Vater versucht Gregor mit einem Stock in sein Zimmer zu treiben. Doch Gregor hat noch keine Übung im Rückwärtsgehen, also versucht er sich umzudrehen. Der Vater dirigiert Gregors Drehbewegung mit seinem Stock und als Gregor endlich bei seiner Zimmertür angelangt ist, gibt ihm der Vater einen Tritt, sodaß er durch die Tür in sein Zimmer fliegt.
Die Zimmertüre wird von außen verschlossen und Gregor verkriecht sich leicht verletzt unter dem Kanapee, wo er auch die Nacht verbringt. Am nächsten Morgen betritt seine Schwester als Erste sein Zimmer. Ohne Gregor anzusehen, der fast völlig von dem Kanapee verdeckt wird, bringt sie ihm verschiedene Speisen herein. Altes, halbverfaultes Gemüse, Knochen vom Nachtmahl her, ein Paar Rosinen und Mandeln, einen Käse, den Gregor vor zwei Tagen für ungenießbar erklärt hat und ein paar Brote. Als seine Schwester aus dem Zimmer ist krabbelt er sofort zu dem Käse und beginnt gierig daran zu saugen. Auch das Gemüse schmeckt ihm. Die frischen Speisen dagegen rührt er nicht an. Nach der ausgiebigen Mahlzeit liegt er faul am Boden herum, doch als er die Schritte seiner Schwester hört, krabbelt er schnell unter das Kanapee. Seine Schwester kehrt mit einem Besen alle Speisereste zusammen und wirft sie in einen Kübel. So bekommt Gregor nun jeden Tag zweimal sein Essen.
Nach einigen Tagen, das ewige liegen nicht mehr ertragend, nimmt Gregor zur Zerstreuung die Gewohnheit an, kreuz und quer über Wände und Plafond zu kriechen. Die Schwester bemerkt sofort die neue Unterhaltung, die Gregor für sich gefunden hat. Sie schlägt ihrer Mutter vor, die Möbel aus Gregors Zimmer zu schaffen, damit er mehr Platz zum Kriechen hat. Am nächsten Tag machen sie sich daran den großen Kasten aus dem Zimmer zu tragen. Gregor liegt wieder unter dem Kanapee und sieht der Umsiedlung seiner Möbel zu. Doch mehr als den Kasten will er nicht aus dem Zimmer haben. Er will nicht das alles menschliche aus seinem Zimmer getragen wird, denn er hat noch immer Hoffnung sich wieder Rückzuverwandeln.
Gregor kriecht unter dem Kanapee hervor und die Wand bis zu einem Bild hoch. Dieses umklammert er. Als seine Mutter und seine Schwester wieder das Zimmer betreten, sehen sie Gregor an der Wand hängen. Die Mutter wird auf der Stelle ohnmächtig und die Schwester beginnt mit Gregor zu schimpfen. Die Schwester bringt die Mutter in die Küche wo sie mit Riechsalz versucht die Mutter wieder aufzuwecken. Auch Gregor hat sein Zimmer verlassen um seiner Schwester zu helfen, doch er kann nur hilflos zusehen. Plötzlich kommt sein Vater bei der Haustüre herein und als er bemerkt was passiert ist beginnt er Gregor durch das Wohnzimmer zu jagen. Obst nach Gregor werfend läuft er im Zimmer herum. Einige Äpfel streifen Gregors Rücken, doch einer dringt dagegen förmlich in Gregors Rücken ein und er verliert sein Bewußtsein.
An der Verletzung leidet Gregor über einen Monat, da ihm niemand den Apfel entfernt und dieser als Andenken im Fleisch sitzenbleibt. Gregor wird immer schwächer da er keine Nahrung mehr zu sich nimmt und kann sich am Ende kaum noch auf den Beinchen halten. Für seine Familie wird Gregor zu einem immer größeren Problem, da es durch ihn nicht möglich ist Untermieter aufzunehmen. Sie überlegen sich wie sie ihn loswerden könnten. Doch eines Morgens findet die Haushälterin Gregor tot im Zimmer. Mit den Worten "Seht nur, es ist krepiert; da liegt er, ganz und gar krepiert" teilt sie der Familie Gregors Tot mit. Nachdem sie den Leichnam aus dem Haus transportiert haben machen sie einen Ausflug ins Grüne und planen ihre Zukunft neu.

Interpretation

Die Verwandlung ist das Resultat einer Krise, die Arbeit an dem mit großen Hoffnungen begonnenen Roman schritt nicht mehr voran, der Konflikt mit der Familie hatte sich zugespitzt. Auch dieser Text ist ein Versuch, sich zur Wehr zu setzen, ein Versuch, der wesentlich aggressiver ausfällt als alle vorangegangenen. Wenige Tage bevor er mit der Arbeit an der Geschichte begann, berichtete Kafka Felice über sein Verhältnis zu seiner Familie: er nennt seine jüngste Schwester, Ottla, seine „beste Prager Freundin“, erwähnt auch die beiden anderen Schwestern als „teilnehmend und gut“, um dann mit der Bemerkung zu schließen: „Nur der Vater und ich, wir hassen uns tapfer“. 23
Etwas von diesem „Haß“ ist in der Erzählung spürbar. Die Andersartigkeit des Sohnes ist über Nacht deutlich zu tage getreten: er hat sich in ein ungeheures Ungeziefer, in einen Parasiten verwandelt. Gregor Samsa liegt zur Untätigkeit verdammt in seinem Zimmer. Seine Rolle ist die eines Beobachters. Er prüft die Familie, prüft, ob sie es dazu bringen, ihn in seiner Andersartigkeit zu tolerieren und zu akzeptieren.
Kafka hat für die Niederschrift dieser Geschichte ein eigenes Heft benutzt, in das er auch später keine anderen Texte mehr eintrug. Die Erzählung hat den Charakter einer Anklageschrift. Der schreibende Sohn, den der Vater in die Rolle eines erfolgreichen Geschäftsmanns drängen will, bekennt sich dazu, daß er einen anderen Sinn im Leben sieht.
Die Familie ist nicht dazu bereit, den Parasiten Gregor zu dulden. Der Vater benimmt sich von allem Anfang an feindselig, fügt dem Sohn schließlich sogar eine lebensgefährliche Verletzung zu. Die Mutter setzt Gregor immer wieder den Angriffen des Vaters aus. Die Schwester, auf die Gregor die größten Hoffnungen setzt, versucht ihm zunächst zu helfen, läßt ihn aber im Stich, als ihre eigene Existenz durch ihn bedroht wird. Sie ist es sogar, die am Ende die Initiative ergreift und beschließt, daß jenes ekelhafte „es“ endlich „weg muß“, sie spricht also den Urteilsspruch aus.

3.2 „Der Proceß“

Josef K. wacht eines Morgens auf und wartet darauf, daß ihm die Köchin der Frau Grubach sein Frühstück ans Bett bringt. Doch anstatt des Mädchens tritt ein fremder Mann ein, der alle Fragen Ks über seinen Erscheinungsgrund übergeht. K betritt das Nebenzimmer, wo drei weitere Herren auf ihn warten. Sie erklären K. für verhaftet. Über den Grund der Verhaftung können sie keine Auskunft geben und drängen K. darauf, wieder zurück in sein Zimmer zu gehen, sich ordentlich anzuziehen und auf ihren Vorgesetzten zu warten. K. muß nachgeben und zieht sich in sein Zimmer zurück bis die Ankunft des Vorgesetzten gemeldet wird.
Er wird von zwei Wächtern aus seinem Zimmer in ein für ein Verhör vorbereitetes Zimmer gebracht, wo er sich zu einem kleinen Tisch setzt. Auch der Vorgesetzte kann K. über den Grund der Verhaftung keine Auskunft geben, teilt ihm aber mit das ein Proceß gegen ihn läuft. Die Herren verabschieden sich und verlassen die Wohnung. K. kann darf sich frei bewegen obwohl er verhaftet wurde, er muß sich aber um seinen Proceß kümmern.
Den Proceß nicht sehr ernst nehmend, führt K. sein Leben als Angestellter einer Bank fort bis er einen Anruf erhält, das er sich beim Gericht einzufinden hat. Die Adresse des Gerichts führt ihn in ein verwahrlostes Viertel. Mit Mühe findet er den Gerichtssaal in einem heruntergekommenen Haus, in einer für den Proceß hergerichteten Wohnung. K. erscheint das Auftreten des Gerichts als lächerlich und fühlt sich überlegen, was er auch in einer Rede an den Richter und die vielen anderen Beamten des Gerichts ausdrückt. Dir Türe des Gerichtszimmers zuschlagend verläßt er die Verhandlung, ihn der er auch nicht den Anklagepunkte seines Processes erfahren hat.
Nach einer Woche begibt sich K. wieder zu dem Gerichtszimmer, findet es aber leer vor. Er trifft einen Gerichtsdiener, der ihm anbietet, ihn durch die Verwaltungsräume des Gerichts zu führen. K. folgt ihm eine Treppe hinauf zum Dachboden des Hauses, in dem sich die Zimmer der Gerichtsbeamten befinden. Entlang der Gänge sitzen andere Angeklagte, die auf die Erledigung eines ihrer Anträge warten. Eingeschüchtert, starr und ruhig warten sie. Manche kommen schon seit vielen Jahren hierher. K. beginnt sich ernste Sorgen um seinen Proceß zu machen.
Ks Onkel kommt zu Besuch. Er hat von seinem Proceß erfahren und bringt ihn zu einem alten Freund der Familie, dem Advokaten Dr. Huld. Dieser verspricht, sich für K. einzusetzen und seine Beziehungen zu den Beamten des Gerichts spielen zu lassen, denn nur damit sei ein Proceß zu gewinnen. Monate vergehen und K. wird es leid die ewigen Vertröstungen und Selbstverherlichungen des Advokaten anzuhören. Nach Ks Meinung bringt der Advokat den Proceß nicht in Gang, es geschieht nichts. So beschließt er, seinen Advokaten zu entlassen und selbst für den Fortgang seines Processes zu sorgen. Der Advokat teilt K. aber noch mit, das es um seinen Proceß nicht gut steht.
Aufgrund eines Kundentreffens begibt sich K. in den Dom, wo ihn ein Geistlicher in ein Gespräch verwickelt. Er erzählt ihm die Geschichte des Torhüters, der das Tor des Gesetzes bewacht und niemandem Eintritt gewähren darf.
Eines Tages, es ist K. Geburtstag, kommen zwei dicke, schwarz gekleidete Männer in Ks Zimmer und nehmen ihn mit. Sie gehen gemeinsam aus der Stadt zu einem alten Steinbruch. Dort erfährt K. den Ausgang seines Processes. Er wird hingerichtet.

Interpretation

Der Roman ist als eine Art Strafphantasie zu sehen: Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages wird Josef K. umgebracht, am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages entschließt sich Kafka, nach Berlin zu fahren, um das Verlöbnis mit Felice zu lösen. Der Prozeß ist sehr deutlich auf die Erzählung vom Torhüter hin gearbeitet. Es ist nicht nur eine der berühmtesten Erzählungen Kafkas, sondern sie war dem Autor auch eine der liebsten.
Alles das Gericht betreffende ist von den üblichen Normen abweichend, scheint keinen Sinn zu ergeben und verworren zu sein. Die überfallsartige Verhaftung ohne K. jedoch in Gewahrsam zu nehmen, die Verhandlung in einer umgebauten Wohnung an einem Sonntag Morgen. Allem diesen versucht sich K. entgegenzustellen und mit seiner Redekunst und Handlungsweise das Gericht zu entmächtigen, ins Lächerliche zu ziehen. Doch der komplizierte Apparat ist mächtiger und toleriert Ks Verhalten nur in eingeschränktem Maß. Schließlich muß K einsehen, daß es keinen Sinn hat sich zu wehren, doch es ist zu spät für ihn. Wehrlos und den Tod schon faßt erflehend wird er von den Dienern des Gerichts getötet.

4 Der Tod Franz Kafkas

Die letzte Phase verbrachte Kafka zusammen mit Dora Diamant. Sie mieteten eine Wohnung in Steglitz, und in den ersten Monaten ist Kafka sehr glücklich. Er hatte endlich, gegen alle Widerstände, den Wegzug von Prag durchgesetzt, unvermutet besitzt er einen eigenen „Hausstand“. Seinem Freund Felix Weltsch beschreibt er die neue Umgebung: ....meine Gasse ist etwa die letzte halb städtische, hinter ihr löst sich das Land in Gärten und Villen auf, alle üppige Gärten. An lauen Abenden ist ein so starker Duft, wie ich ihn von anderswoher kaum kenne. Dann ist da noch der große Botanische Garten, eine Viertelstunde von mir, und der Wald, wo ich allerdings noch nicht war, keine volle halbe Stunde. Die Einfassung des kleinen Auswanderers ist also schön. 24
Nach sechs Wochen hatte er umziehen müssen, in der ersten Wohnung gefiel der Wirtin der etwas zweifelhafte „Hausstand“ wohl nicht. Hatte Kafka Brod bei einem seiner ersten Besuche noch gesagt: Ich bin den Dämonen entwischt, diese Übersiedlung nach Berlin war großartig, jetzt suchen sie mich, finden mich aber nicht, wenigstens vorläufig nicht. 25
Wenige Wochen nach dem Umzug schreibt Kafka in seinem letzten Brief an Milena.... die alten Leiden haben mich auch hier aufgefunden, angefallen und ein wenig niedergeworfen 26 Die Tuberkulose schritt in den folgenden Monaten rasch fort, besonders durch die schlechte Ernährung. Im Januar 1924 heißt es in einem Brief an Max Brod:
Wäre das Wesen nur nicht so hinfällig, man könnte ja die Erscheinung fast aufzeichnen: links stützt ihn etwa Dora; rechts etwa jener Mann; den Nacken könnte ihm z.B. irgendein „Gekritzel“ steifen, wenn jetzt nur noch der Boden unter ihm gefestigt wäre, der Abgrund vor ihm zugeschüttet, die Geier um seinen Kopf verjagt, der Sturm über ihm besänftigt, wenn das alles geschehen würde, nun, dann ginge es ja ein wenig. 27
Anfang März 1924 verschlimmert sich der Zustand so stark, daß Onkel Siegfried und Max Brod nach Berlin kommen und Kafka nach Prag bringen; die Tuberkulose hatte auch seinen Kehlkopf ergriffen, eine Heilung war ausgeschlossen. Anfang April wird Kafka in das Sanatorium Wiener Wald gebracht, von dort in die Universitätsklinik in Wien, Ende April in das Sanatorium Dr. Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg. Dora Diamant ist Tag und Nacht bei Kafka. Der lebenslange Freund Max Brod besucht ihn noch einmal. Am 3. Juni 1924, einen Monat vor seinem einundvierzigsten Geburtstag, stirbt Franz Kafka und wird in Prag beigesetzt, in der Stadt, die er haßte und liebte, die er immer verlassen wollte aber die ihn doch festhielt.


6 Literaturverzeichnis

Franz Kafka, „Der Proceß“, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, November 1994, Textgrundlage: Kritische Ausgabe von Malcom Pasley, S. Fischer Verlag, 1990
Franz Kafka, „Die Söhne“, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, August 1989,
Originalausgabe, 13. - 14. Tausend: November 1993

Sekundärliteratur:

Klaus Wagenbach, „Kafka“, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Oktober 1964, 25. Auflage, 276. - 283. Tausend: Januar 1994
Erläuterungen und Dokumente, „Franz Kafka - Die Verwandlung“, Reclam

7 Anmerkungen

1

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S.192
2

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S.164
3

Briefe an Milena S.64 f
4

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S.172, S.186
5

Briefe an Felice S. 509
6

Briefe 1902-1924 S. 347
7

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S. 191
8

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S. 166
9

Tagebücher 1910-1923 S. 224
10

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S. 198
11

Tagebücher 1910-1923 S. 222
12

Klaus Wagenbach, Franz Kafka. Eine Biographie seiner Jugend. 1883-1912. Bern 1958. S. 268f
13

Briefe 1902-1924 S. 20
14

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S. 207
15

Max Brod, Franz Kafka. Eine Biograpghie. Dritte, erweiterte Auflage. Frankfurt am Main 1954 S. 57

16


Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß S.293 f
17

Briefe 1902-1924 S.139
18

Briefe 1902-1924 S.33
19

Briefe 1902-1924 S.48 f
20

Tagebücher 1910-1923 S.127
21

Erzählungen S.317
22

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß S.175
23

Briefe an Felice S.87
24

Briefe 1902-1924 S.451
25

Max Brod, Franz Kafka. Eine Biograpghie. Dritte, erweiterte Auflage. Frankfurt am Main 1954 S.241
26

Briefe an Milena S.270
27

Briefe 1902-1924 S.472 f

Die Verweise bei Kafka-Zitaten beziehen sich auf die bei Schocken und S. Fischer erschienene Ausgabe (Gesammelte Werke, Frankfurt am Main 1950f). Bei Zitaten aus nicht publizierten Briefen werden Adressat und Datum angegeben.

8 Erstausgaben der Einzelwerke

Betrachtung. Leipzig (Ernst Rowohlt) 1913 [ersch. 1912]
Der Heizer. Leipzig (Kurt Wolff) 1913
Die Verwandlung. Leipzig (Kurt Wolff) 1915
Das Urteil. Leipzig (Kurt Wolff) 1916
In der Strafkolonie. Leipzig (Kurt Wolff) 1919
Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. München, Leipzig (Kurt Wolff) 1919
Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten. Berlin (Verlag Die Schmiede) 1924
Der Prozeß. Roman. Hg. von Max Brod. Berlin (Verlag Die Schmiede) 1925
Das Schloß. Roman. Hg. von Max Brod. München (Kurt Wolff) 1926
Amerika. Roman. Hg. von Max Brod. München (Kurt Wolff) 1927
Beim Bau der chinesischen Mauer. Ungedruckte Erzählungen und Prosa aus dem Nachlaß. Hg. von Max Brod. Potsdam (Gustav Kiepenheuer) 1931
Vor dem Gesetz. Zusammengestellt von Heinz Politzer. Berlin (Schocken) 1935