Theodor Fontane
„Der Stechlin“

Theodor Fontane wurde 1819 in Neuruppin in der Mark Brandenburg geboren. Er entstammt einer französischen Hugenottenfamilie, die einst in Preußen Glaubensschutz gesucht hatte. Neuruppin und Swinmünde waren die ersten Stationen seiner Jugend, Berlin, Dresden und Leipzig die Stationen seiner Berufsausbildung zum Apotheker. Fontane schrieb in seiner Freizeit Gedichte und schloß sich bald in Berlin dem Dichterklub „Tunnel über der Spree“, dem auch Emanuel Geibel, Theodor Storm und Felix Dahn angehörten, an. Er wandte sich dem Journalismus zu und nutzte eine Chance, als offiziöser preußischer Berichterstatter nach England zu gehen. 15 Jahre lang von 1844 an hielt er sich immer wieder längere Zeit in England auf, bereiste das Inselreich und ahmte seine literarischen Stimmungen nach. Vor allem Schottland mit seiner Heldenerinnerung regte ihn zu etlichen Balladen an. Von 1860 bis 1870 arbeitete er als Redakteur für die „Neue Preußische Zeitung“, dem als „Kreuzzeitung“ bekannten Blatt der Konservativen, das u.a. auch Bismarck 1848 unter seinen Mitbegründern verzeichnete.

Seine „Gedichte“ enthalten lyrische Klänge der reinsten und edelsten Art, aber seine Stärke liegt in seinen Balladen und patriotischen Liedern. Das gründliche Studium seiner über alles geliebten Heimat, dessen Ergebnisse er in seinen vortrefflichen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ niedergelegt hat, führte ihn auch zu seiner ersten Liedersammlung: „Männer und Helden“, in denen er meist preußische Krieger aus Friedrichs d. Gr. Zeit in volkstümlicher Weise besang. Sein mehrjähriger Aufenthalt in England und Schottland gab seiner Muse eine zweite Richtung, die zuerst in dem Balladenzyklus: „Von der schönen Rosamunde“, und weiterhin in zahlreichen Romanzen zum Ausdruck gekommen ist. Die ruhmreichen Kriege unseres Volkes von 1864, 1866 und 1870 wiesen ihn aber mit erneuter Macht auf „Ausbildung und Betonung des patriotischen Elements“ hin. Von dem „Tage von Düppel“ bis zu dem Einzuge unseres Heeres am 16. Juni 1871 in Berlin hat er in markigen volksmäßigen Rhythmen aus treuer deutscher Brust, doch ohne jedwede ruhmsüchtige Überhebung, die großen Taten unseres Volkes gefeiert und damit der patriotischen Dichtung einen neuen Schwung und Aufschwung gegeben.
Deutsche Literaturgeschichte, Robert König

Als patriotischer Dichter und Sänger der Hohenzollern wäre Fontane im Gedächtnis der Literaturgeschichte geblieben, als Repräsentant eines konservativ-national gesinnten Bürgertums, das die preußische Einigung Deutschlands aus vollem Herzen bejahte und damit seine wesentlichen politischen Ambitionen erfüllt sah. Man hätte ihn behalten als Autor, der die preußisch-nationale Einigung Deutschlands durch „Blut und Eisen“ anschließt, wenn nicht der alte Fontane sowohl von den Inhalten seiner Werke als auch aufgrund seiner unvermindert anhaltenden Schaffenskraft das Publikum überrascht hätte. Erst am Ende der siebziger Jahre, Fontane ist nun Theaterkritiker der „Vossischen Zeitung“ - eine staatliche Stellung gab er aus Gründen der geistigen Freiheit wieder auf - erst am Ende der siebziger Jahre begann der „patriotische“ Autor, seine stattliche Zahl von historischen Romanen und Mileuromanen der Gegenwart zu veröffentlichen. Erst als sechzigjähriger fand Fontane zu jenem Ton, der Kritik und Ironie mischte, der den Mensch ehrte und nicht den Stand. Aus Fontanes Romanen sprach menschliches Verständnis, auch Wehmut und Resignation und ein Hauch Endzeitstimmung, der so gar nicht zu dem doch jungen Deutschen Reich passen wollte.
Fontane gewann die Verehrung der jungen, politisch aktiven, naturalistischen Schriftsteller. Es gab sogar Verbrüderungsszenen zwischen den jungen Autoren und dem alten Schriftsteller, obwohl dieser doch in seinem Stil die Distanz zu den Dingen pflegte und nicht die naturalistische Aufdringlichkeit der Elendsschilderung. Das einigende Band des Verständnisses bestand darin, daß sowohl Fontane als auch die Naturalisten den herrschenden adeligen Kräften des Kaiserreiches keinen zukunftsweisenden Elan mehr zumaßen.

Hauptwerke:
Vor dem Sturm. Ein Roman aus dem Winter 1812 auf 13. (1878)
Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. (1879)
L’Adultera (1880)
Schach von Wuthenow. Erzählungen aus der Zeit des Regiments Gensdarmes. (1882)
Unterm Birnbaum (1885)
Irrungen, Wirrungen (1887)
Stine (1890)
Unwiederbringlich (1891)
Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t. Roman aus der Berliner Gesellschaft. (1892)
Effi Briest (1894/95)
Der Stechlin (1897)




In der Grafschaft Ruppin liegen See und Schloß Stechlin. Sein Besitzer ist der Major a. D. Dubslav von Stechlin, 66 Jahre alt, seit langer Zeit verwitwet. Sein Sohn Woldemar, 32 Jahre alt, unverheiratet, Rittmeister, ist der Liebling seiner Tante Adelheid, Herrin des Stiftes Wutz. Ein kleiner Freundeskreis geht in Stechlin aus und ein: der Oberförster Katzler, der Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, der Dorfschullehrer Krippenstapel und die Familie von Gundermann. Zu einem Besuch des Vaters bringt Woldemar eines Tages seine beiden Freunde Assessor von Rex und Hauptmann von Czako mit. Auf dem Rückweg wird auch Tante Adelheid besucht. Kaum gibt es größere Gegensätze als diesen Bruder und diese Schwester: der Stechlin ist ein Original mit Humor und viel Selbstironie, menschenfreundlich, tüchtig und ohne jeden Dünkel; Adelheid ist überheblich, engherzig und adelsstolz. In Berlin verkehrt Woldemar in der Familie des Grafen Barby, der zwei Töchter hat: die ältere Melusine, nach kurzer Ehe mit einem italienischen Grafen geschieden, und die jüngere, unverheiratete Armgard. Um diese bewirbt sich Woldemar auf Wunsch seines Vaters, verlobt er sich mit ihr und wird mit der Schwiegertochter auf Stechlin herzlich empfangen. Auch zwischen dem alten Stechlin und Graf Barby bahnen sich freundschaftliche Beziehungen an; ihre gemeinsamen Gespräche führen zu der Erkenntnis, daß eine neue Zeit demokratischer Weltanschauung anbreche. Während der Hochzeitsreise Armgards und Woldemars stirbt mit der Ruhe eines alten Philosophen Vater Stechlin; das junge Paar bezieht das Schloß.

Im Stechlin schildert Fontane das gesellschaftliche Leben in Berlin und in der Mark Brandenburg. In vielen, den Roman durchziehenden Gesprächen steht der Konflikt zwischen Tradition und den Ideen einer neuen Zeit.

Die Stechlins sind ein vierhundert Jahre altes Adelsgeschlecht, das an der mecklenburgischen Grenze der Mark Brandenburg wohnt. Stechlin ist auch der Name für einen kleinen See im Besitz der gleichnamigen Adelsfamilie. Dem See sagt man nach, daß er zu brodeln beginnt, wenn „auf der anderen Seite der Welt“ Katastrophen, Erdbeben und Revolutionen sich ereignen. Der geheimnisvolle See gehört zu dem Gran spukhafter Umgebung, die eine Adelsfamilie der Zeit auszeichnet.
Zur Zeit der Romanhandlung leben drei „Stechline“: der alte Dubslav, inzwischen 66 Jahre, sein Sohn Woldemar und, noch zehn Jahre älter als ihr Bruder Dubslav, Adelheid von Stechlin. Sie steht einem Damenstift auf Kloster Wutz als Domina (mit Majorsrang, wie sie betont) vor. Der alte Dubslav hatte sich schon vor 30 Jahren als Major vom aktiven Militärdienst zurückgezogen. Da seine Frau früh starb, hatte er fast die gesamte Zeit allein als Privatier auf seinem Schloß gelebt. Woldemar ist Hauptmann bei den Gardedragonern in Berlin.
Eine abwechslungsreiche Handlung gibt es in dem Roman nicht. Fontane stellt Stationen und Bekanntenkreise einer Lebensweise dar, die sich durch das Ausfüllen von Freizeit auszeichnet. Als einzigen konsequenten Handlungszug kann man vielleicht die Werbung Woldemars um Armgard von Barby mit dem Erfolg der Vermählung bestimmen, denn nunmehr ist der Bestand des Stechlinschen Geschlechts nach dem Tode Dubslavs gesichert. Die Art der Werbung entbehrt allerdings jedweder aktiven Handlung. Sie erfolgt gewissermaßen im Vorbeigehen beim Erfüllen der Freizeitpflichten.
Jeder Person ist ein Zirkel anderer Personen zugeordnet. Der Hauptfigur des Romans, Dubslav von Stechlin, sind als enger Kreis der Dorfschullehrer Krippenstapel, Pastor Lorenzen, der Oberförster Katzler und der Diener Engelke zugeordnet. Entfernter stehen die sich anbiedernden, neureichen Mühlenbesitzer, die Gundermanns, der Geldverleiher Baruch Hirschfeld, Bürgermeister Kuckhohn, Katzlers pflichtversessene Gattin Ermyntrud, die darunter leidet, durch ihre Heirat ihren Adelstitel aufgegeben zu haben, der Superintendent Koseleger, der sich in der märkischen Provinz als gleichsam strafversetzt fühlt, der Landarzt Dr. Sponholz und am Schluß des Romans Agnes, die auf dem Lande aufwachsende Tochter einer sich in Berlin als Plätterin durchschlagenden Frau. Am Rande des Geschehens taucht die Galerie knorriger und selbstbewußter märkischer Adeliger und Honoratioren auf. Nur noch als schemenhafte Staffage erscheinen die Globsower Leute, die Armen der Gegend, die ihren kargen Lebensunterhalt in Glashütten verdienen.
Woldemar von Stechlin mißt sich an Hauptmann von Czako und an Assessor Rex, natürlich Offizier der Reserve. Der Hauptmann von Czako ist ein gutmütiger, unkomplizierter Bursche, der mit loser Zunge schnell einmal leicht anzügliche Reden führt. Der Assessor von Rex hat eine Stellung in einem Ministerium. Er beschreibt die Welt mit einer differenzierten Sprache. Vor allem hat er ein feines Gespür für Rangunterschiede in der Gesellschaft. In seiner Sicht ist der Adel des Hauptmanns von Czako nicht so hoch anzusetzen wie wirklich alter Adel, zudem verrät der Name eine nicht so „wertvolle“ böhmische Abstammung. Darüber hinaus dient der Hauptmann zwar schon in einem hervorgehobenen Garderegiment, aber noch lange nicht in den feineren Kavallerie-Garderegimentern.
Einen geradezu grotesken Umgang pflegt Adelheid von Stechlin als Domina des Klostergutes Wutz. Ihr Kloster findet schon seit langem keinen Zuspruch mehr, so daß sich nur noch steinalte Nonnen dort befinden. Gleichwohl wird immer, wenn sich die Gelegenheit ergibt, adelige Lebensart vorgekehrt. Das Ergebnis der Abgeschiedenheit des Kloster ist eine skurrile Mischung aus Vornehmheit und dem kindlichen Verhalten alter Jungfern. Adelheid bemerkt zu keiner Zeit die Überlebtheit ihrer Klosterwelt. Im Gegenteil: Aufgrund ihrer Führungsfunktion und der Übung auch in den Handarbeiten eines landwirtschaftlichen Betriebes wird ihr Selbstbewußtsein noch gestärkt. Sie vertritt konservative Ansichten und beachtet die Rangstufen der Gesellschaft am genauesten, wobei märkischer Adel im Mittelpunkt steht.
In den Zirkeln spielt sich das Leben in immerwiederkehrenden Ausfahrten, Gesprächen, Plaudereien, gemeinsamen Mahlzeiten ab. Stets geht man in gemessenem Ton miteinander um, ohne allerdings alles nur zu beschönigen. Gegenüber diesem Lebensstil verblassen die brennenden Probleme der Zeit, wie Arbeiterschaft, Liberalismus und Demokratie bzw. Sozialdemokratie. Zwar ignoriert man keine der Tendenzen der „modernen Zeit“, aber in der Adelseinstellung den Dingen gegenüber brechen sich die Turbulenzen der Welt wie in einer Milchglasscheibe.
Der Adel dokumentiert seine Haltung nicht in Schroffheiten oder in derben Verteidigungen gegenüber den aufsteigenden Gesellschaftsschichten. Adel beweist sich in kleinen Dingen. Dubslav ist konservativ, er fühlt sich in den bestehenden Verhältnissen wohl. Von Freunden gedrängt, kandidiert er sogar als Konservativer für den Reichstag. Er hält es aber für unter seiner Würde, auf Wahltournee zu gehen oder sich überhaupt Gedanken um ein politisches Programm zu machen. Er unterliegt daher dem sozialdemokratischen Kandidaten Torgelow, für den die kleinen Leute vom Lande und die Globsower die Mehrheit zusammenbrachten. Weil er sich nicht um eine positive Wahlaussage bemüht hat, so berührt Dubslav die Niederlage nicht weiter. Was er von dieser politischen Gegnerschaft noch wahrnimmt, ist der Umstand, daß Torgelow im Reichstag außer durch eine dümmliche Wortmeldung in keinster Weise von sich reden macht. An die Verbesserung der Lebenslage der Globsower verschwendet Dubslav keine Gedanken. Seine Abneigung gegen die Sozialdemokratie äußert sich vor allem dadurch, daß er den Vertreter seines Hausarztes ablehnt, weil dieser anscheinend sozialdemokratischen Gedanken nachhängt. Abstoßend beurteilt er auf der anderen Seite das anbiedernde Verhalten der neureichen Gundermanns, die sich konservativer gebärden, als der Adel in der Mark es tut.
Konservativ in seiner politischen Grundeinstellung, nimmt Dubslav doch Stellung gegen jedwede Einseitigkeit, gegen Eiferer und gegen hohle Titelsucht. Die Abneigung gegen die Titelsucht teilt er mit dem märkischen Adel, der die volle Ordensbrust des Gymnasialdirektors Thormeyer naserümpfend mißachtet. Mit Sorge verfolgt Dubslav die Bestrebungen des Superintendenten Koseleger und der Oberförstersgattin Ermyntrud Katzler, eine strenggläubige Besserungsanstalt für „verwahrloste“ Kinder zu errichten. Schließlich äußert er sich abfällig über das Denken in Titeln, Rängen und Familienalter, wie es seine Schwester Adelheid unverbesserbar, als „Versteinerung“ - wie Dubslav es kennzeichnet - alter Zeiten, tut.
Was bleibt, ist eine Betrachtung der inneren Werte des Menschen. Hier mißt Dubslav mit mildem Herzen und ironischem Verstand seine Umwelt. „Leben und Lebenlassen“ ist seine Maxime. Nicht das, was eine Person zu sein vorgibt, zählt, sondern wie sie sich im Grenzfall verhält: „Eigentlich kommt’s doch immer bloß darauf an, daß einer sagt, dafür sterb’ ich. Und es dann aber auch tut. Für was, ist beinah’ gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich opfern, das ist das Große.“ „Prinzipienreiterei“ stößt bei Dubslav auf äußerste Ablehnung: „Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehen.“
Der alte Stechlin verarbeitet seine Erlebnisse dadurch, daß es alles „wegwitzelt“. Dabei ist ihm das Witzeln oft wichtiger als die Sache, mit der er sich auseinanderzusetzen hat. So waren etwa die Reden der ungeliebten und stocksteifen Schwester Adelheid „sehr unbequem gewesen, aber sie besaß nebenher einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav zählte zu den Friedliebensten von der Welt, aber er liebte doch andererseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber als gar keine.“
Stets hat der alte Stechlin ein offenes Ohr für Kritik. Kritik ist dabei keine Errungenschaft der modernen Zeit. Für sie gibt es sichtbare Zeichen aus der Geschichte in der nächsten Umgebung des Stechlinschen Besitzers: Schloß Rheinsberg. In diesem Schloß wohnte der Prinz Heinrich, der Bruder des großen Preußenkönigs Friedrich. Manche sagen, so weiß es Dubslav zu berichten, daß der kritische Heinrich noch klüger als sein Bruder war.
Zeigt sich beim alten Stechlin hinter der Fassade, die die Gewohnheiten des märkischen Adels geprägt haben, eine tiefe Menschlichkeit durch ein subtiles System feinster Rangstufungen unterdrückt. Besonders weit hat es in dieser Hinsicht das Militär gebracht.
Im Gespräch mit seiner Tante Adelheid erläutert Woldemar die feinen Rangunterschiede beim Militär. Rex nämlich sei mehr als Czako, weil er bei der Kavallerie sei, Offizier in der Brigade der Gardedragoner. Rex ist aber Woldemar noch unterzuordnen.
„Denn erstens ist er bei der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern. Macht das ‘nen Unterschied?... Sieh, als das zweite Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit, wie mit dem ältesten Sohn... Er ...kann dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber er ist der älteste,... und das gibt ihm einen Vorrang.“

Fein sind auch, wie schon angedeutet, die kleinadligen Freunde Woldemars, Assessor Rex und Hauptmann Czako, zu unterscheiden. Fontane markiert die Lächerlichkeit dieser Titel- und Ranggesellschaft, indem er Czako, als dieser sich gegenüber dem Adel seiner Angebeteten, der Melusine von Ghiberti, minderwertig fühlt, durch Assessor Rex auf die Idee bringt, dem Mangel der Geburt durch eine exotische Schreibweise abzuhelfen: „Italienisieren Sie sich und schreiben Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft dicht auf den Hacken.“
„Sapristi, Rex, c’est une idée.“

Die äußere Form ist es, die den Lebenslauf der Romanfiguren stukturiert. Fontane belegt die Dominanz der Fassade der Umgangsformen auch in den Situationen, die von ihrem Wesen her ganz der Stimmung und dem Gefühl unterliegen:

Woldemar fühlt sich seit längerer Zeit zu Armgard von Barby hingezogen. Im Hause des alten Botschaftsrates Barby trifft man sich häufiger zu Plaudereien, bei denen vor allem Agnes’ ältere und erfahrenere Schwester Melusine von Ghiberti durch Unterhaltungstalent glänzt. So findet Woldemar keine Gelegenheit, Armgard seine Liebe zu erklären. Nach einer Gesprächsrunde, bei der wieder die rassige Melusine im Mittelpunkt gestanden hatte, kommt die Verlobung gleichwohl zustande: „Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas sagen müsse. Welche liebenswürdige Schwester Sie haben. Armgard errötete. Sie werden mich eifersüchtig machen. Wirklich, Komtesse? Vielleicht... Gute Nacht.“...
...Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester, und beide plauderten noch... Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut... ..., Ich glaube fast, ich bin verlobt.“
Verdeckt bei Woldemars Werbung die äußere Form des geselligen Umgangs die großen menschlichen Gefühle, so kommen anläßlich der Beerdigung des alten Stechlin hinter der Form der geistlichen Handlung die kleinen menschlichen Schwächen doch noch zum Vorschein. „Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren auch von Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche... Beide froren bitterlich in der scharfen Luft, die vom See her wehte.
Ich weiß nicht, sagte von der Nonne, warum sie die Feier nicht im Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin gar keine menschliche Temperatur mehr...“ Die beiden schließen einen Erfahrungsaustausch über Begräbnisse in zugigen Berliner Leichenhallen an, in denen pustende Öfen einen betäubenden Lärm verursachen: „... Und der Geistliche kann einem auch leid tun. Er spricht sozusagen für niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten ordentlich zuhören?...“ Das Gespräch belegt sehr gut das „gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß“, mit dem die kleinadlige Welt ihren verstorbenen Mitgliedern die letzte Ehre erweist.
Es ist klar, daß diese Gesellschaft, die sich haupsächlich mit dem leiblichen Wohlbefinden und den kleinen Wehwehchen beschäftigt, keinen Gestaltungswillen mehr aufbringt. Man lebt von der Erinnerung an Preußens große Zeit. Friedrich der Große fällt den Menschen ein, dann bewegt bisweilen noch die Erhebung von 1813 gegen Napoleon die Gemüter, und schließlich sind es die Schlachten der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71, die die Herzen höher schlagen lassen. Aus der nun auch bald eine Generation dauernden Friedenszeit des Deutschen Reiches hat man keine denkwürdigen Ereignisse oder Vorhaben im Gedächtnis bewahrt. Neue politische Tendenzen erscheinen als Bedrohung, und selbst an den Erfindern und Entdeckern, an denen die Zeit wahrlich reich ist, können sich die alten Familien nicht begeistern. Völlig ohne Ambitionen ist Woldemar, obwohl er von den Vorgesetzten mehrfach Zeichen des Wohlwollens erhält. Er spürt bald die Stimme des märkischen Junkertums „Die Scholle daheim, die die Freiheit gibt, ist doch die beste“. So demissioniert er und zieht sich auf seinen abgelegenen Besitz zurück, bevor er die übliche, von seinem Vater wenigstens noch erreichte Beförderungshürde der „Majorsecke“ erreicht hat.
In der „Weltstadt“ Berlin erweitern die kleinen Adeligen ihren Bekanntenkreis um die literarische und künstlerische Boheme. Aber man zwingt auch diese Kreise, die eigentlich schon in einer modernen literarischen und malerischen Konsum- und Wegwerfgesellschaft leben, in die Umgangsform der Plauderstündchen beim Nachmittagstee.
Fontane verleiht dem alten Botschftsrat von Barby ähnliche Züge wie Dubslav von Stechlin. Zu ihm und seinen Töchtern Melusine und Armgard kommen die Freunde Woldemar, Rex und Czako sowie die Vertreter der Künstlerszene, Dr. Wrschowitz, Dr. Pusch und Prof. Cujacius.
Der Musiker Dr. Wrschowitz ist Wagnerianer, aber ansonsten sehr für „Krittikk“, die er durch eine prononcierte Aussprache „sehr warr“ unterstreicht. Dr. Pusch ist ein gescheiterter Jurist. Er kennt sich in der Lieraturszene aus und verdeutlicht seine Verachtung für den Literaturbetrieb, indem er eine Schreibanweisung für eine „Normalnovelle“ aus dem Stegreif entwirft. So wie hier literarisches Leben zur literarischen Wegwerfgesellschaft wird, so steht Prof. Cujacius für die Massenproduktionsgesellschaft in der bildenden Kunst. Der dünkelhafte Cujacius malt „seit 45 Jahren ... immer denselben Christus“.
Trotz dieser nur in einer Weltstadt zu erlebenden schillernden und unruhigen Künstlerpersönlichkeiten läßt sich der Barbysche Salon vom Trubel nicht anstecken. Man gewinnt eher den Eindruck, daß es für den Kleinadel im Rentnerstand egal ist, ob er in Berlin oder in der Mark Brandenbrug lebt.

Berlin ist für Fontane auch ein Anlaß, die kleinen Leute darzustellen. Dazu gehören die Immes. Er ist Barbyscher Kutscher, sie war längere Jahre eine dienstbare Kraft im Hause der Barbys. Zum Kreis um die Barbyschen Bediensteten gehört auch die junge Hedwig mit dem krausen, kastanienfarbenen Haar. Hedwig eröffnet dem Leser die Kehrseite der feinen Gesellschaft. Hedwig arbeitet als Hausmädchen. Ihre Erlebnisse als Freiwild der männlichen Herrschaften und die menschenunwürdigen Unterbringungen lassen sie stets nach kurzer Zeit wieder in das Elternhaus zurückkehren. Hier berichtet sie dann ihre Erlebnisse, so die aus dem Haus des nach außen so feinen Hofrats:

„Eine Badestube ist ‘ne Rumpelkammer, wo man alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle alten Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus...“
Die Vorherrschaft der gestuften Plaudergesellschaft und der alten Familien drängt fortschrittlichere Menschen in komische Positionen ab. Die Dorfschullehrer - Volksschullehrer gelten allgemein als aufmüpfig und politisch unzuverlässige Elemente, zumal wenn sie jung sind - Krippenstapel etwa konzentriert sich auf die Betrachtung der Bienenvölker und auf historische Heimatkunde, die ihn zu ausgedehnten Korrespondenzen veranlaßt. Dem alten Stechlin hat er ein „Museum“ märkischer Wetterfahnen eingerichtet.
Fortschrittliche Positionen vertritt der Pastor Lorenzen. Er steht der „Richtung Göhre“ nahe und eröffnet in Gesprächen mit Melusine und dem alten Dubslav seine Ansichten. Aber sein „Ritt ins Bebelsche“ verbleibt Gedankenspiel und Gesprächsstoff. Ansonsten arrangiert er sich mit den alten Familien.

Fontane beschreibt eine Welt des Kleinadels, die sich selbst genügt und gegenüber den Zeitläufen abschottet. Bedenkt man die allgemeine Charakterisierung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so hat man schnell Etikette wie Demokratisierung, technischer Fortschritt, Aufbruch zu neuen Welten im Sinn. Von hier aus sind die Zukunftserwartungen der Menschen vor hundert Jahren hochgespannt. Die Adelswelt im „Stechlin“ zeigt, daß entgegen den Erwartungshaltungen dominierender Zeitströmungen die Einstellungen und Lebensweisen der Menschen noch tief im Historischen wurzeln und daß selbst über lange Zeiträume hinweg in der Lebensführung wenig Änderungen eintreten. In der Welt des märkischen Adels lehnt man die moderne Zukunft ab, kaum daß man in der Gegenwart lebt. Endzeitstimmung macht sich breit. Nicht nur der Tod des alten Stechlin setzt hier im Kunstwerk ein deutliches Zeichen, auch Woldemars früher Rückzug ins Rentnerdasein beweist tiefsitzende Elanlosigkeit.
Der letzte Roman des fast achtzigjährigen Fontane hat die patriotischen und hochgemuten Veröffentlichungen des frühen Fontane vollkommen hinter sich gelassen. Wo einst forscher Nationalismus die Feder führte, sprechen nun aus dem Alterswerk Wehmut und Resignation. Es ist der Abgesang eines nationalen Bürgertums, das seine politische Hoffnungen nach einem halben Jahrhundert der Frustration mit der Schaffung des Bismarck-Deutschland schließlich erfüllt sah, für die folgenden Jahrzehnte aber keine neuen Ziele mehr fassen konnte und sich damit begnügte, Preußens große Männer und Schlachten zu memorieren. Mit der Präsentation dieses Bewußtseins schließt Fontanes letzter Roman tatsächlich ein Jahrhundert ab. Die neue Zeit und die neuen Aufgaben erfordern einen neuen Menschen. Fontane hat ihn nicht mehr gestaltet.
Die Handlung des Romans ist dürftig. Aber was aufgrund der Handlungsarmut her langweilig, vom Inhalt her wehmütig und resignativ erscheint, wird durch die Erzählweise, in der der Romanerzähler Fontane seinen Stoff vorstellt, interessant und lesbar. So wie Fontane die Haltung der Hauptfigur, Dubslav von Stechlin, als eine ironische Distanz zur Welt darstellt, so betrachtet er insgesamt die Welt durch die Brille der Ironie und des Humors, etwa die Haltung der Konservativen nach der Wahlniederlage gegen den Sozialdemokraten Torgelow: „Im ganzen aber ließen beide besiegten Parteien dies (die Niederlage) ruhig über sich ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der heiteren Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder dachte: ,Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.’ Und in der Tat, gegessen mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen und einem guten Chablis die langweilige Prozedur (der Wahl) zu vergessen. Und war man erst mit den Forellen fertig, und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf, so war auch der Sekt in Sicht. Im ,Prinz-Regenten’ hielt man auf eine gute Marke.“

Fontanes Stärke liegt in der genauen Kennzeichnung der Figuren durch ihre Redensarten. Jeweils unterschiedlich sprechen und denken der ironische Dubslav, der ernsthafte Lorenzen, die stocksteife und familienbesessene Domina Adelheid Stechlin, die pflichtversessene Ermyntrud Katzler, der anzügliche Reden liebende Hauptmann von Czako, die couragierte und schnippische Gräfin Melusine sowie das bei den Barbys verkehrende Künstler- und Journalistentrio Dr Wrschowitz, Dr Pusch und Prof. Cujacius.
Einige der Mecklenburger Dienstleute läßt Fontane in ihrer plattdeutschen Mundart sprechen.
In der genauen Nachzeichnung der unterschiedlichen Sprechweisen ist Fontane ein kritischer Realist. Obwohl die jungen Schriftsteller seiner Zeit, Naturalisten zumeist, ihn als einen der ihren akzeptierten, hielt sich Fontane von der typisch naturalistischen Elendsschilderung fern. Er deutet die Wirklichkeit durch Reden und Gesten an, nicht durch das Eintauchen in die Sachbeschreibung.
Eine spannungsvolle Verbindung der Gegensätze gelingt Fontane im „Stechlin“, freilich um den Preis, den Konfliktbereich von Ehe und Sexualität weitgehend auszuklammern, an dem seine Gesellschaftsromane den Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft hauptsächlich aufzeigen. „Der Stechlin“ ist ein politisches Testament, geschrieben im Bewußtsein einer Zeitwende. Gegenüber seinen erstarrten und überlebten Standesgenossen, die satirisch gezeichnet werden, vertritt der alte Dubslav den Adel, „wie er sein sollte“: frei von moderner Heuchelei, aufgrund christlich-patriarchalischen Fürsorgedenkens aber offen für die moderne Idee sozialer Gerechtigkeit. Ebenso wie der Stechlinsee verspürt auch Dubslav in all seiner provinziellen Enge feinfühlig die kommenden sozialen Umwälzungen, die alle Ordnung sprengende Gewalt der Industrialisierung. Demgegenüber lebt er noch einmal vor, wie eine Verbindung alter moralischer Ordnung mit moderner Wendung zum Einzelmenschen aussehen könnte: Er gehorcht der Pflicht, im Dienst des Ganzen den persönlichen Egoismus zu überwinden; er lebt zugleich nach der Devise, jeder einzelne müsse sich immer wieder erneut und ohne Prinzipienreiterei fragen, welches Verhalten im einzelnen Fall das richtige sei. Doch ob sein Vorbild in die Zukunft wirken wird, bleibt eher fraglich; der Tod des alten Sonderlings prägt das Ende des Romans stärker als die Hochzeit seines Sohnes.
Fontane versteht es, Widersprüchlichkeiten in Vielschichtigkeit zu verwandeln. Das geschieht vor allem in der Konversation mit ihrem leichten Plauderton. Der Dialog, der zunehmend das äußere Geschehen verdrängt, beleuchtet die Sachverhalte unter verschiedenen Aspekten. Indem die Figuren einander in Gesprächen und Briefen unterschiedlich charakterisieren, relativieren sich ihre Standpunkte. So wird der Leser von der einzelnen Figur zum Blick auf den größeren Zusammenhang geführt, ohne daß sich dieser in einem abstrakten Begriff erschöpfen ließe. Zugleich verspürt man unter dem Plauderton das Wirken des Schicksals. Fontane deutet es so an, indem er ganz alltägliche Dinge in wiederkehrende symbolische Chiffren verwandelt. So vermag der Dichter, indem er seine widersprüchlichen Gefühle und Erfahrungen literarisch fruchtbar macht, eine von tiefen Widersprüchen zerrissene Zeit nicht nur in ihrer Erstarrung und Heuchelei zu kritisieren, sondern auch im zusammenhängenden künstlerischen Bild zu spiegeln.
Setzt „Der Stechlin“ bewußtseinsgeschichtlich einen Schlußpunkt zum 19. Jahrhundert, so öffnet er literarisch gesehen in mancher Beziehung doch auch den Weg ins 20. Jahrhundert.

Literaturhinweise:
Theodor Fontane: Der Stechlin (Reclam)
Theodor Fontane: Der Stechlin, Erläuterungen und Dokumente (Reclam)
Wolf Wucherpfennig: Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Klett)
Brenner/Bortenschlager: Deutsche Literaturgeschichte 1 (Leitner)
Heinrich Pleticha: Literatur-Lexikon (dtv)