Der Expressionismus
(ca. von 1910 bis 1925)


Allgemeines/Charakteristik/Kennzeichen

Expressionismus bedeutet Ausdruckskunst der Innenwelt, d.h. innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse werden dargestellt. Der visionäre Sturm des Expressionismus war nur in Deutschland und Österreich verbreitet. In ihm stand das innere Erlebnis über dem äußeren Geschehen - geistige und seelische Kräfte traten in den Vordergrund. Die expressionistischen Ideale richteten sich gegen Autorität, Industrialisierung, Enthumanisierung , Selbstzufriedenheit und Imperialsimus. Diese künstlerische Erneuerungsbewegung nahm keine Rücksicht auf Ethik und Moral.
Vorbilder der Künstler waren die französischen Symbolisten Baudelaire und Rimbaud sowie der Philosoph Friedrich Nietzsche mit seiner Forderung nach dem neuen Menschen, dem “Übermenschen”. In Wien und ganz besonders Berlin, den Hochburgen des Expressionismus, erkannte man die Krise, Visionen vom Weltende, von Krieg und Untergang entbrannten, nicht zuletzt wegen des Auftauchens des Halleyschen Kometen. Alle Brücken zur Vergangenheit sollten abgebrochen werden, es wurde der Ruf nach Erneuerung, Wiedergeburt und Revolution gegen die wilhelminische Gesellschaft laut. Man suchte nach neuen grammatikalischen und ästhetischen Wortbildungen, um die Grenzen der Sprache zu sprengen.

Philosophischer Hintergrund

Der Einfluß des naturwissenschaftlichen Denkens wurde auf die Geisteswissenschaften gelenkt. Von besonderen Einfluß war die Philosophie des Franzosen Henri Bergson (1859 - 1941), der zu beweisen versuchte, daß nur die Intuition, d.h. die innere Anschauung und nicht der zergliederte Verstand das Wesentliche unmittelbar erfassen können. In Deutschland und Österreich fand er Nachfolger, wie z.B. Oswald Spengler (1880 - 1936) mit seinem "Untergang des Abendlandes".

Historischer Hintergrund

Der erste Weltkrieg (1914 - 1918) und seine Folgen, Zerfall der Monarchie Österreich/Ungarn, Ausrufung der Republik Österreich, Weimarer Republik (1919 - 1934) und Putschversuch der NSDAP (1923), Spannungen mit Frankreich, Marokkokrise 1905/1911, Revolution in China (Abdankung der Mandschu-Dynastie), Entstehung des Faschismus (Mussolini) in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland, Kampf um die Unabhängigkeit Indiens (Ghandi), 1912 Beginn Balkankrieg, Russische Revolution (Sturz des Zaren), 1918 Zusammenbruch Deutschlands, Ende der Monarchie, Inflation und Wirtschaftsprobleme,

Musik

Die Musik im Expressionismus verzichtete auf Wohlklang und Melodie, so wie es in der romantischen Tonsprache vorkommt. Traditioneller Formen wurden abgelehnt. Vielmehr wurde der kalte Ton und die reine harmonische Struktur verwendet. Schönbergs Prinzip der Atonalität widersprach der bisher geltenden Harmonie. Man entdeckte die elementare und primitive Melodik, Rhythmik und Instrumentation wieder.

Claude Achille Debussy
Igor Fjodorowitsch Strawinsky
Béla Bartók
Arnold Schönberg
Paul Hindemith
Berg
M. Ravell






Kunst
Es war nicht wichtig schöne Formen und wirklichkeitsnahe Bilder zu erstellen, sondern mit diesen etwas auszudrücken. Man scheute sich nicht das „Häßliche“ als Motiv zu nehmen, im Gegenteil man ging dem „Schönen“ sogar aus dem Weg. Flächigkeit, eindeutige Linien und ungebrochene Farben wurden modern, bei der Skulptur waren es kubische Form und klare Licht-/ Schattenkontraste.

Künstlervereinigungen: Die Brücke, Der Blaue Ritter

Emil Nolde, Lehmbruck, Heckel, Beckmann, Schmidt-Rottluff, u.a.
Ernst Ludwig Kirchner
August Macke
Franz Marc
Paul Klee

Vertreter der Literatur

Unter den Expressionisten herrschte ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, so daß sie Vereinigungen bildeten, die Zeitschriften wie „Der Sturm”, „Der Brenner”, „Die Aktion”, „Das neue Pathos“ herausgaben. (politische Thesen, sozialistische Forderungen, Frieden, Weltverbrüderung, ...)

Else Lasker-Schüler: Styx
Georg Heym: Der ewige Tag, Umbra Vitea, Der Winter, Der Gott der Stadt, Der Krieg
Georg Trakl: Der Aufbruch, Sebastian im Traum
Gottfried Benn: Morgue, Gefilde der Unseligen, Hier ist kein Trost, Leben - niederer Wahn
Ernst Stadler: Der Aufbruch
August Stramm: Erwachen, Dein Lächeln weint
Carl Einstein: Bebuquin
Franz Kafka: Der Prozeß, Das Schloß
Georg Kaiser: Die Bürger von Calais, Der Soldat Tanaka, Das Floß der Medusa
Erst Barlach: Der tote Tag, Der arme Vetter, Die Sintflut
Frank Wedekind Frühlings Erwachen, Erdgeist, Die Büchse der Pandora
Alfred Döblin Die drei Sprünge des Wang-lun, Wallenstein,. Berlin Alexanderplatz, Hamlet
Jakob van Hoddis Weltende
sowie Barlach, Toller, von Unruh, Werfel, Däubler...

Kennzeichen der Literatur

Während die Epik d.h. die erzählende Dichtung in den Hintergrund trat, da die Dichter die Psychologie und Kausalität zur Erklärung von Mensch und Welt ablehnten und sie eher zur Kürze, zur Wucht und Prägnanz des Ausdrucks tendierten, gewannen Drama und Lyrik an Bedeutung. Im Drama konnten expressionistische Dichter ihre Ideen der Wandlung und Steigerung wirkungsvoll demonstrieren. Daher übernahm es neben der Lyrik eine beherrschende Rolle. Auf der Bühne wird die Geburt des neuen, gewandelten Menschen - hervorgerufen durch Abstraktion und Einfühlung - dargestellt.
Unterstützt wurde das Drama durch Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekte. Die Personen werden nicht als individuelle Wesen, sondern typisiert dargestellt (“Mann”, “Frau”, “Tochter” ...). Die Charaktere werden oft übersteigert oder grotesk verzerrt, um die Seele aufzudecken.
Im eigentlichen Dramentyp des Expressionismus wird das Stück von einem Wortführer (Protagonist) beherrscht. Auf allegorisch-symbolische Demonstration der Verwirklichung ethischer Werte ausgerichtet, führt es am Menschen, begriffen als Mitte der Welt, Erlösung durch Wandlung vor. Auf der Bühne erscheint ein Einzelmensch, um (oft namenlos mit Maske) das Allgemeingültige vorzutragen.
Das Wesen des Expressionismus verwirklichte sich in der Lyrik jedoch am besten. Gottfried Benn beschrieb ihn als „Wirklichkeitszertrümmerung, als rücksichtsloses An-die-Wurzel-der-Dinge-Gehen”.
Moralischer Pathos, visionärer Sturm, Intensität und Verkündigung sollten aus Formzwängen hinaus, zu freiem Bekennertum führen. Mit der Sprache wurde bewußt gespielt, wobei das Wort im Vordergrund stand, das als Zeichen, als Chiffre oder für neue Wortkombinationen verwendet wurde. Die Lyrik beinhaltete außerdem die Reflexion in langen Monologen, scharfe Ironie sowie die schamlose Darstellung des Peinlichen und Häßlichen. Die Inhalte sind relativ nebensächlich.

Dadaismus
Gegen die Vernunft, die es so herrlich weit gebracht hat, daß die Völker sich im Krieg vernichten. Man verlangt die Rückkehr der kindlichen Naivität und verzichtet auf jede Logik.
"Jammer brüllen. Affen heulen. Gluten klammen; Klammen Klauben; Bimmel Baumel; Bummel Bummel; in die Nacht. Wanda wende Wanda Wanda ..."


Arbeiterdichtung
Aus dem Erleben der Arbeit selbst.
"Nichts als Mauern, Ohne Gras und Glas zieht die Straße den gescheckten Gurt der Fassaden. Keine Bahnspur surrt. Immer glänzt das Pflaster wassernaß. Streift ein Mensch dich, trifft sein Blick dich kalt bis ins Mark; die harten Schritte haun Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun, noch sein kurzes Atmen wolkt geballt ..."

Stilmittel

• Schrei und Telegrammstil
• Verkürzung von Sätzen (weglassen von Artikeln und Vorwörtern)
• Verbalstil ("Entsubstantivierung der Welt", Schaffung neuer Verben: tieren, blumen, ...)
• Metaphorik (sprachliches Bild)
• Allegorie
• Personifikation (Ideen, Phantasien und leblose Dinge werden als Wesen dargestellt)
• Synästhesie (Erregung eines Sinnesorgans durch einen nichtspezifischen Reiz)
• Symbole und Farbchiffren
• Wortballungen, Worthäufungen
• Kürze und Prägnanz sollen durch Vereinfachung zur Steigerung führen.
• Parataxe, Ellipse und syntaktische Sprachverzerrung(Satzbau) überwiegen im Sprachlich-Stilistischen...
• Verfremdungseffekt z.B. Durcheinander von (Natur-)Katastrophen und Unglücken ohne Bezug zu einander
• Farbsymbolik
• moralischer Pathos
• Intensität und Radikalität
• von Formzwängen befreites Spiel mit der Sprache
• neu Wortkombinationen, Ausdrücke, Versmaß
• Chiffren
• Reflexionen in langen Dialogen
• scharfe Ironie
• schamlose Darstellung des Peinlichen und Häßlichen
• Dadaismus und Arbeiterdichtung
• lyrisches Ich


Interpretation von Gedichten auf Inhalt und Stilmittel


Hinweis: Die Informationen zu den einzelnen Werken sind Büchern entnommen, die Interpretationen wurden aber nicht übernommen sondern selbst ausgearbeitet. Wegen der Chiffren und weiteren Stilmitteln ist teilweise ein und dasselbe Gedicht auf verschiedene Weise interpretiert. Dies entspricht aber genau dem expressionistischen Gedanken von Entfaltung des einzelnen, jeder bringt das Gelesene mit anderen Erinnerungen und Erfahrungen in Verbindung und bildet sich seine eigene individuelle Meinung.








Jakob van Hoddis: Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten - liest man - steigt die Flut

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Der Inhalt des Gedichtes „Weltende“ von Jakob van Hoddis ist in Wirklichkeit komplett symbolisch zu sehen. Während der „dem Bürger vom Kopf fliegende Hut, die abstürzenden Dachdecker, die Unruhen in Form von Geschrei und der Schnupfen“ ein eindeutiges Bild von der Krise der „kranken“ Gesellschaft hervorbringen, zeigen die „steigende Flut, der Sturm und die hupfenden Meere, die zu zerbersten drohenden Dämme und Eisenbahnunglücke“ , wie der Titel schon erwähnt, das bevorstehende Weltende.
Die Untergangsstimmung und die Katastrophe sind wahrscheinlich mit dem Auftauchen des Halleyschen Kometen in Verbindung zu setzen, wo hingegen die Unfälle auf die expressionistische Revolution gegen das wilhelminische Bürgertum hindeuten.
Das Gedicht setzt sich aus zwei Strophen mit jeweils vier Zeilen zusammen, von denen die erste das Reimschema abba, die zweite abab hat. Naturkatastrophen und menschliche Unfälle in einem Durcheinander ohne jeden Bezug, teils katastrophal, teils banal aneinandergereiht. Dieses hebt sich von traditionellen Techniken hervor und wird als Verfremdungseffekt bezeichnet. Während der Satzbau recht normal erscheint taucht in jeder Strophe eine ungewöhnliche Wortkombination auf: vom spitzen Kopf, Meere hupfen. Dies ist ein Spiel mit der Sprache. Außerdem wird durch die kurze und präzise Formulierung eine ungewöhnliche Intensität erreicht.


Gottfried Benn: Gefilde der Unseligen
Satt bin ich meiner Inselsucht,
des toten Grüns, der stummen Herden;
ich will ein Ufer, eine Bucht
ein Hafen schöner Schiffe werden.

Mein Strand will sich von Lebenden
mit warmem Fuß begangen fühlen;
die Quelle murrt in gebendem
Gelüste und will Kehlen Kühlen.

Und alles will in fremdes Blut
aufsteigen und ertrunken treiben
in eines andern Lebensglut,
und nichts will in sich selber bleiben.

In diesem Werk wird die Frage gestellt, ob das Lebensglück durch Ausgrenzung oder Integration von anderen Menschen erreicht werden kann. Benn schreibt von einem Menschen, dem lyrischen Ich, der: „genug von der Inselsucht, totem Grün und stummen Herden hat“, was ein Zeichen für die Suche nach dem Weg aus der Einsamkeit ist - der Sehnsucht nach Kontakt mit anderen Menschen. Den ersten Schritt will er aber nicht unternehmen, das zeigt sich in der Passivischkeit des Ausdrucks: „mein Strand will sich... begangen Fühlen“. In der letzten Strophe wird die Sehnsucht nach Glück in der Integration mit anderen Menschen durch die Worte: „in eines andere Lebensglut...“ verdeutlicht. Man kann dies als das Verlangen nach einem ewigen, christlichen Leben sehen. Eventuell inspirierten Benn seine Theologiesemester zu diesem Gedanken, ganz nach dem Ideal von Erneuerung und Wiedergeburt.
Politisch interpretiert könnte die Inselsucht der aufkommende expressionistische Gedanke sein, der am Anfang nur von wenigen Menschen getragen wird, hier vom lyrischen Ich, das sich daher einsam fühlt. Die stummen Herden wären dann die Massen des Volkes bzw. die wilhelminische Gesellschaft. Das lyrische Ich will nun aus dem Dschungel des toten Grüns zum Ufer, zum Strand, zu anderen Menschen - von der Ausgrenzung zur Integration - das optimistische Vorwärtsdrängen um die Erneuerung, die Revolution zu erleben.
Jedoch wünscht es sich, daß die Menschen von sich aus auf es zukommen, was der passivische Ausdruck: „Mein Strand will sich begangen fühlen“ zeigen könnte. Als Gegenleistung wäre die Person dann bereit, die Kehlen der werdenden Übermenschen zu kühlen. In der letzten Strophe will „alles in fremdes Blut aufsteigen...in eines anderen Lebensglut ...und nichts in sich selber bleiben“, der revolutionäre Gedanke setzt sich in den Köpfen fest, geht in Fleisch und Blut über, zur Entfaltung des Einzelnen im Gegensatz zur Enthumanisierung des Imperialismus.
In diesem Werk, das aus drei Strophen mit stets vier Zeilen und dem Reimschema abab besteht, sind ganz besonders viele Chiffren(z.B. Inselsucht) und neue Wortkombinationen(Lebensglut) vorhanden, auch der Verfremdungseffekt, die Farbsymbolik(totes Grün) das lyrische Ich und die ausdrucksstarken Bilder sind typisch für ein eher optimistisch orientiertes Gedicht der expressionistischen Epoche.


Gottfried Benn: Hier ist kein Trost
Keiner wird mein Wegrand sein.
Laß deine Blüten nur verblühen.
Mein Weg flutet und geht allein.

Zwei Hände sind eine zu kleine Schale.
Ein herz ist ein zu kleiner Hügel,
um daran zu ruhn.

Du, ich lebe immer am Strand
und unter dem Blütenfall des Meeres,
Ägypten liegt vor meinem Herzen,
Asien dämmert auf.

Mein einer Arm liegt immer im Feuer.
Mein Blut ist Asche. Ich schluchze immer
Vorbei an Brüsten und Gebeinen
den thyrrhenischen Inseln zu:

Dämmert ein Tal mit weißen Pappeln
ein Ilyssos mit Wiesenufern
Eden und Adam und eine Erde
aus Nihilismus und Musik.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen, die ersten beiden mit drei, die letzten drei mit vier Zeilen, wobei sich nur die erste Strophe reimt( Reimschema aba ). Es handelt von einen Menschen, der einem anderen keinen Trost spendet. Er läßt sich nicht in gesellschaftliche Normen zwängen: „keiner wird mein Wegrand sein“ - d.h. keiner wird ihn eingrenzen, daher wird er den anderen auch nicht daran hindern, dessen Leben sinnlos verstreichen zu lassen - „Laß deine Blüten nur verblühen.“ Mit: „Mein Weg flutet...“ drückt sich die revolutionäre, antiautoritäre Haltung und Abneigungen gegen die moderne Zivilisation, Imperialismus und einengende Gesellschaftsformen aus. Die zweite Strophe schildert das Unvermögen und den Unwillen zur Trostgebung, denn jeder muß und soll seinen eigenen Weg gehen und selbst über das eigene Leben entscheiden. In der dritten Strophe zeigt sich ein extrem starkes Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit. Das Verblühen ändert sich in einen Blütenfall - gemeint ist der Mensch, der es geschafft hat die Zwänge von Zivilisation und Gesellschaft zu überwinden - der Übermensch, der bei seiner Suche nach Glück nicht in den Pessimismus sondern in den vorwärtsdrängenden Optimismus verfällt. Der Trost und Hilfe Suchende ist gefangen im Feuer der Gesellschaft, er sehnt sich nach der Freiheit und den tyrrhenischen Inseln (westlich Italiens). In der fünften und letzten Strophe dämmert das Paradies, die Aussicht auf Erneuerung und Wiedergeburt in einer besseren Zukunft nach der Überwindung der Krise der bürgerlichen Gesellschaft.
Als Stilmittel werden die Personifizierung des Weges in der ersten Strophe, der Verfremdungseffekt, die zuerst extrem kurzen dann aber länger werdenden Sätze und die bildhafte und chiffrenreiche Sprache verwendet.






Gottfried Benn: Leben - niederer Wahn
Leben - niederer Wahn!
Traum für Knaben und Knechte,
Doch du von altem Geschlecht,
Rasse am ende der Bahn,

was erwartest du hier?
immer noch eine Berauschung,
eine Stundenvertauschung
Von Welt und dir?

Suchst du noch Frau und Mann?
ward dir nicht alles bereitet
und die Zerstörung dann?
Form nur ist Glaube und Tat,
die erst von Händen berührten,
doch dann den Händen entführten
Statuen bergen die Saat.

„Leben niederer Wahn“ kann man in drei Teile einteilen: die erste Strophe mit der Sehnsucht nach Glück.
Die zweite und dritte Strophe mit pessimistischer Haltung im Bezug auf die Zukunft und Vorahnung auf Krieg. Die vierte Strophe mit Optimismus und Darstellung des Weges zum Übermenschen, der von Zwängen befreienden und Erneuerung bringende Revolution. Es handelt von der Sehnsucht nach Glück des einfachen Volkes, was sich im Ausdruck: „Traum für Knaben und Knechte“ zeigt. Doch die in Selbstzufriedenheit gefangene Gesellschaft erkennt die herannahende Katastrophe nicht. Es wird kritisch auf die Zukunft aufmerksam gemacht: „und die Zerstörung dann?“. Die letzen Strophe weist, wie schon erwähnt, den Weg zu Erneuerung und Wiedergeburt. Die Formzwänge haben nur Bestand, wenn die Menschen daran glauben und danach handeln: „Form nur ist Glaube und Tat“, doch wer sich mit diesem Problem auseinandersetzt, es begreift: „die erst von Hände berührten“ und sich dann von diesem distanziert: „doch den Händen entführten“ kann den Umschwung schaffen. Alles was dann noch an die Imperialisten erinnert sind Statuen, die die Saat des Autoritären, Imperialistischen bergen.
Das Werk ist aus vier Strophen mit jeweils vier Zeilen zusammengesetzt, die alle das Reimschema abba verwenden. Intensität und Radikalität werden durch den telegrammartig kurzen Satzbau erreicht, der Verfremdungseffekt regt zum Nachdenken über die Chiffren und Wortkombinationen an.


Georg Heym: Der Winter
Der Sturm heult immer laut in den Kaminen,
Und jede Nacht ist blutigrot und dunkel,
Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.

Nun wohnen wir in rings umbauter Enge
Im kargen Licht und Dunkel unsere Gruben,
Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge.

Die Tage zwängen sich in niedre Stuben,
Wo heisres Feuer Krächzt in großen Öfen.
Wir stehen an den ausgrfrorenen Scheiben
Und starren schräge nach den leeren Höfen.

In dem Gedicht „Der Winter“ wird im Leser eine kalte und pessimistische Stimmung geweckt, die durch die Überschrift mit einen Winter in Verbindung gebracht werden kann. Die Menschen leben einsam und gelangweilt in einer scheinbar ausgestorbenen Welt. Da aber die meisten Inhalte expressionistischer Werke symbolisch d.h. als Chiffren oder metaphorisch zu sehen sind, kann man diese oft mehrdeutig interpretieren, wobei wir auf den Krieg und die Lebensbedingungen der Arbeiter gekommen sind. Die „blutigrote“ Nacht ist nicht mit einem Winter in Verbindung zu bringen, sondern schließt auf den Gedanken von Tod und Zerstörung. Die Einsamkeit der „leeren Mienen“ stehen im krassen Gegensatz zur „rings umbauten Enge“. Sie lassen ein Bild von einem dicht bewohnten Bunker erscheinen, indem jedoch jeder Mensch in seiner eigenen Angst und Einsamkeit verloren ist. Das grausame Warten auf einen Angriff in den „Gruben zerrt sich wie Seiler“. Die „leeren Höfe“ zeugen von Einsamkeit.
Im Bezug auf die Zustände in den deutschen Großstädten kann man das Gedicht als Wiedergabe des proletarischen Lebens in Arbeitersiedlungen sehen. Heym lebte um 1900 in Berlin und hat wahrscheinlich seine Eindrücke von den Wohnsilos wiedergegeben. Die gespenstische Einsamkeit mitten in bebauter Umgebung erinnert an Berliner Hinterhöfe: „Häuser recken sich mit leeren Mienen“. In der zweiten und dritten Strophe wird das eingezwängte Leben geschildert, die trostlose Langeweile und Sehnsucht nach Glück. Die Enthumanisierung der Welt und der Pessimismus zeigen eine Abneigung gegen die moderne Zivilisation. Es werden in den ersten beiden Strophen das Reimschema aba verwendet, die letzte Strophe sticht nicht nur durch ihre Vierzeiligkeit sondern auch durch das neue Reimschema abcb heraus. Auch ohne Katastrophe und Vorzeichen auf Krieg wird eine skeptische Haltung im Bezug auf die Zukunft geweckt. Die Intensität wird mit der genauen Bestimmung der Substantive durch Adjektive, Metaphorik, Farbsymbolik und Synästhesie hervorgerufen. Der Verfremdungseffekt, neue Wortkompositionen und die bildhafte Sprache sind weitere Stilmittel. Das Gedicht ist ein typisches Werk der Arbeiterdichtung.


Georg Heym: Der Gott der Stadt
Auf einem Häuserblock sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte Knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkle seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

Das Gedicht beschreibt „ihn“, der auf einem Häuserblock sitzend versucht einen Überblick über das Chaos von knienden großen Städten, Häusern, dröhnender Musik, schwarzem Türme Meer und Millionen zu finden. Die Beschreibung: „Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik...“zeigt eine ablehnende Haltung gegenüber der Zivilisation und Industrialisierung. Es wird in den ersten drei Strophen eine zunehmend negative Stimmung aufgebaut, die sich in der vierten Strophe im Ausbruch von Revolution oder Krieg entlädt: „ Stürme flattern...im Zorne sträubt...Fleischerfaust...Meer von Feuer...Glutqualm braust...“. Die Chiffre „der Gott der Stadt“ läßt sich nur schwer entschlüsseln; es könnte der sich andeutende Krieg bzw. das herannahende Unglück sein, das sich in apokalyptischen Szenen widerspiegelt. Auch die zunehmende Unzufriedenheit des Proletariats mit der Revolution als Folge ist denkbar. Der Gott läßt sich mit einem Monarchen vergleichen, welcher in den Augen des Volkes mangelhaft regiert und mit seiner „Fleischerfaust“ den Willen der Bürger zerstört, d.h. ihnen wird keine demokratische Meinung zugestanden, sie werden gesteuert.
In den fünf vierzeiligen Strophen wird das Reimschema abab verwendet. Ganz besonders auffällig ist die häufig gebrauchte Farbsymbolik, wie diese Beispiele zeigen: „Winde lagern schwarz..., der rote Bauch..., schwarzer Türme Meer..., Weihrauch blaut...“. Die metaphorischen Chiffren und Wortkombinationen: „Bauch dem Baal, Städte knien, Weihrauch blaut, Stürme flattern, Fleischerfaust, Meer von Feuer,...“ sind typisch für die expressionistische Lyrik. Die steigernde Aneinanderreihung(Klimax) der extrem kurzen Sätze findet ihren Höhepunkt der Intensität in der Zerstörung einer Großstadt.
Georg Heym: Der Krieg
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus den Gewölben tief.
In der Dämmerung steht er groß und unbekannt,
Und der Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt er Weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit.
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird Still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In der Gasse faßt es ihre Schulter leicht,
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne zittert ein Geläute dünn,
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an,
Und er schreit: Ihr Krieger alle auf und an!
Und es schallt, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein,
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der schwarze Welt,
Von Vulkanen fruchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend hohen Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackernd überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelnd flieht,
Stößt er in die Feuerwälder, wo die Flamme brausend zieht.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse, zackig in das Laub gekrallt,
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine Großstadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht,
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht.

Über sturmzerfetzten Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Schwefel träufelt unten auf Gomorrh.

Das Werk beginnt mit der Schilderung des Krieges als eine lebendige Person, die nie ganz tot war, nur in einem hinterlistigen Schlaf ruhte. Die zweite Strophe schildert, wie sich der Krieg langsam und unerkannt anschleicht (Vorahnung auf Katastrophe). Darauf wird eine gespenstische Stimmung aufgebaut und gezeigt, wie die Menschen das herannahende Unglück zu spät erkennen und in Angst erstarren. Ab der vierten Strophe beginnt die Katastrophe, der Krieg bricht aus und sein Wirken wird geschildert, bis sich das Geschehen von dem Täter ab- und zu den Opfern hinwendet. Ein „normales“ Gedicht wäre nun am Ende angelangt, doch Heym steigert die bisher unfaßbare Zerstörung noch einmal, indem er die Grausamkeit noch einmal aufgreift, diesmal noch intensiver endend: nicht mit dem Tod einzelner sondern mit der Vernichtung ganzer Städte.
Das Interessante an diesem Gedicht ist die Tatsache, daß es vor dem 1. Weltkrieg geschrieben wurde, diesen in den ersten Strophen auch beschreibt und gleichzeitig eine noch größere Katastrophe vorhersagt. Auch die Vernichtung einer Großstadt in besonders zerstörerischer, ja unvorstellbarer Weise traf zu:
Hiroshima und Nagasaki wurden ganze 28 Jahre(!) später total zerstört.
Das erste, was bei der Untersuchung der Stilmittel auffällt, ist die Personifizierung des Krieges, die marschmäßig angeordneten kurzen Sätze enthalten viele Metaphern, Chiffren und Wortkombinationen: „spitzes Kinn, Turm gleich, Ströme voll Blut, starke Vögel, wilder Mäuler Schrein, finstre Ebenen, Feuerwälder, Abgrunds Bauch, wilde Himmel, sturmzerfetzte Wolken, kalte Wüstenein(Gegensatz kalt/warm), toten Dunkel...“ und fördern eine ausgesprochene intensive bildliche Sprache. Markant ist auch die häufig genutzte Farbsymbolik: „schwarze Hand, schwarze Haupt, weiß bedeckt, roter Hund , schwarze Welt, gelbe Fledermäuse, gelber Rauch,...“ alles intensive Farben, wobei Schwarz die Hauptrolle spielt.


Impressum:
Literaturbeschaffung: C.Hopmann
Texte und Ausarbeitung: F.Weber / Christian H.
Interpretationen: C.Hopmann/ Frank W.
Schreiber vom Dienst: Frank W.
Layout: Frank Weber
Kopierer vom Dienst: Christian Hopmann
Teeversorgung: C. Hopmann

Special Thanks to:

Friesentee mit Milch und wenig Zucker, japanischer grüner Sensha, 1990er Montepulciano d`Abruzzo, Maasdamer Käs´brote, Computer und Steuerberatung / Rechtsbeistand Hopmann + Bormann