Brecht, Berthold Leben und Werke
INHALTSVERZEICHNIS
1. Biographie
1.1 Brechts Leben
1.2 Brechts Formen des Theaters
1.3 Seine wichtigsten Werke
1.3.1 Bühnenstücke
1.3.2 Erzählende Dichtung
1.3.3 Lyrik
2. Ausgesuchte Literatur
2.1 „Baal"
2.1.1 Inhaltsangabe
2.1.2 Interpretation zu „Baal"
2.2 „Mutter Courage und ihre Kinder"
2.2.1 Inhaltsangabe
2.2.2 Interpretation zu „Mutter Courage und ihre Kinder"
2.3 „Im Dickicht der Städte"
2.3.1 Inhaltsangabe
2.3.2 Interpretation zu „Im Dickicht der Städte"
2.4 „Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
2.4.1 Inhaltsangabe
2.4.2 Interpretation zu „Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
3. Literaturverzeichnis

1. Biographie
1.1 Brechts Leben
Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Brechts unsystematisches Studium der Naturwissenschaften, der Medizin und vor allem der Literatur wurde 1918 durch seinen Dienst als Sanitätssoldat in einem Lazarett unterbrochen, eine Zeit, die ihn zum erbitterten Kriegsgegner machte. In diesem Jahr schrieb er sein erstes, anarchistisch-nihilistisches und expressionistisches Drama "Baal", dem neben Theaterkritiken und Kurzgeschichten "Trommeln in der Nacht" folgten. "Baal" wurde 1922 an den Münchner Kammerspielen - wo Brecht als Dramaturg wirkte - uraufgeführt und begründete seinen Ruf als Dramatiker. 1924-26 war Brecht Dramaturg bei Max Reinhardt in Berlin und studierte gleichzeitig intensiv den Marxismus. 1927 wurde "Mann ist Mann" uraufgeführt und seine erste Gedichtsammlung "Hauspostille" herausgegeben. Ein Jahr später errang er mit der von Kurt Weill vertonten "Dreigroschenoper" einen Welterfolg. Mit den "Anmerkungen zu Mahagonny" formulierte Brecht 1928 erstmals seine Vorstellungen vom "epischen Theater", in dem den Zuschauern keine Illusionen geboten werden, sondern echte Konflikte, die sie aktiv mit durchdenken und entscheiden sollen. Weniger theoretisch als die sozialistischen Lehrstücke, darunter "Der Jasager" und "Der Neinsager" (1930) und "Kleines Organon für das Theater" (1948), waren seine Dramen, die politische Verhaltensweisen behandelten wie "Die hl. Johanna der Schlachthöfe" (1929-31) und "Die Mutter" (1931-32).
1933 flüchtete Brecht, inzwischen überzeugter Sozialist, mit seiner Frau Helene Weigel durch viele Länder, bis sie 1941 in die USA gelangten. Zwischenzeitlich (1935-39) war er in Moskau Mitherausgeber der Exil-Monatsschrift "Das Wort" und schrieb satirische Gedichte für den Deutschen Freiheitssender. Die Zeit der Emigration war Brechts fruchtbarste Schaffensperiode. So entstanden neben anderen Meisterdramen "Leben des Galilei" (1938), "Mutter Courage und ihre Kinder" (1939) und "Der kaukasische Kreidekreis" (1944/45). Außer Gedichten, die den marxistischen Dichter als politischen Moralisten erscheinen lassen, entstanden realistisch-aktuelle Dramen wie "Furcht und Elend des Dritten Reiches" (1934-38) und "Das Verhör des Lukullus" (1939).
Nach dem Krieg ging Brecht, dem die Alliierten die Einreise in die Westzonen verweigerten, nach Ost-Berlin. Mit seiner Frau gründete er 1949 das "Berliner Ensemble", das zur eigenständigsten und wichtigsten Experimentierbühne Europas heranwuchs.
Brechts vielseitige dramatische Dichtung, verbunden mit stetem Klassenkampf, hatte den Zwiespalt zwischen menschlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zwischen dem Glücksverlangen des einzelnen und der Notwendigkeit des Opfers an die Gemeinschaft zum ständig wiederkehrenden Thema. Seine teils realistischen, teils grotesken und satirischen Erzählungen, Gedichte, Balladen und Moritaten machten ihn trotz seiner äußerlichen Bejahung der kommunistischen Weltanschauung zu einem der einflußreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Aber die Resignation in Brechts Werken aus der Zeit nach dem Bau der Berliner Mauer ist unverkennbar, ebenso wie die Hohlheit der satirischen Feierlichkeit der politischen Huldigungsgedichte.
Zu Brechts Werken gehören u. a. Romane, Hörspiele, Dialoge, Pamphlete, Prosa und das Ballett "Die sieben Todsünden (der Kleinbürger)" (1933) mit Vorlagen aus der gesamten Weltliteratur. Posthum veröffentlicht wurden seine Schriften über Literatur, Kunst, Politik und Gesellschaft.
1.2 Brechts Formen des Theaters
Brecht ist Lyriker, Erzähler und vor allem Dramatiker. Er gilt als Schöpfer einer neuen Form des Theaters, das „epische Theater". Seine Ansichten über diese neue Form hat er in 15 Heften „Versuche" niedergelegt. 1957 wurden diese unter dem Titel „Schriften zum Theater" herausgegeben.
Beim epischen Theater werden die Szenen ohne dramatischen Aufbau nebeneinander gereiht. Mit dieser Form des Theaters versucht Bertolt Brecht durch die erzählende Form, durch Provokationen, Ansagen und Spruchbänder den Zuschauer aus seiner passiven Haltung zu lösen und ihn zu kritischer Stellungnahme zu bewegen. Es soll nicht Furcht oder Mitleid erzeugt, sondern lehrreich gezeigt werden, wie der Mensch sich verhält oder verhalten soll. Zu diesem Zweck laufen Brechts Stücke nicht wie im Theater üblich zu Höhepunkt, Katastrophe und Lösung zu, sondern werden immer wieder argumentierend durch Songs unterbrochen. Der Schauspieler muß aus dem Illusionsstil gelöst und der Zuschauer zum Nachdenken über das Gezeigte angeregt werden. Der Schauspieler darf sich nicht vollends in seine Rolle vertiefen. Er ist nicht die Person, er spielt sie nur.
Brecht stellte seine Form des Theaters dem dramatischen Theater gegenüber:
Dramatische Form
Epische Form


handelnd,
erzählend,
verwickelt den Zuschauer in die Bühnenaktion,
macht den Zuschauer zum Betrachter,
ermöglicht ihm Gefühle,
erzwingt von ihm Entscheidungen,
Suggestion,
Argument,
der Zuschauer steht mittendrin,
der Zuschauer steht gegenüber,
er erlebt,
er studiert,
Mensch als bekannt vorausgesetzt,
Mensch als Gegenstand der Untersuchung,
der unveränderliche Mensch,
der veränderliche und verändernde Mensch,
Spannung auf den Ausgang,
Spannung auf den Verlauf,
eine Szene für die andere,
jede Szene für sich,
des Denken bestimmt das sein,
das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken,
Gefühl,
Ratio.

1.3 Seine wichtigsten Werke
1.3.1 Bühnenstücke
„Baal" (1918)
Verherrlichung der „Ichsucht" - Das Stück sollte provozieren und verursachte einen Theaterskandal
„Trommeln in der Nacht" (1919)
Heimkehrertragödie - Kriegsgewinner und Kriegsverlierer werden einander gegenübergestellt
„Im Dickicht der Städte" (1923)
Der Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago 1912
„Mann ist Mann" (1926) - Lustspiel
Die Verwandlung des Packer Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa im Jahre 1925
„Die Dreigroschenoper" (1928)
„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (1928/29)
Zynische Anklage gegen die ausschließlich auf Geld gegründete Gesellschaft
„Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (1929/30)
Zum 500. Todestag der Johanna d’Arc als Modernisierung durch Umwandlung der heiligen Johanna in ein amerikanisches Heilsarmeemädchen und Verlegung des Schauplatzes in das Milieu Chikagoer Schlachthöfe.
„Die Gewehre der Frau Carrar" (1937)
Erzählungen aus dem spanischen Bürgerkrieg
„Das Leben des Galilei" (1938)
Schauspiel über das Ringen Galileis um die Wahrheit
„Mutter Courage und ihre Kinder" (1938/39)
Eine Chronik aus dem 30jährigen Krieg über die Sinnlosigkeit des Krieges.
„Die Tage der Kommune" (1945)
Lehrstück über den Pariser Aufstand 1871.

1.3.2 Erzählende Dichtung

„Der Dreigroschenroman" (1934)
Satirischer Roman zur Dreigroschenoper
„Kalendergeschichten" (1949)
Gedichte und Balladen, die durch ihre Fabel belehren wollen
„Geschichten vom Herrn Keuner" (1948)
Prosa über Freundschaftsdienste, Verläßlichkeit, Konsequenz und Eigentumstrieb.
„Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" (1949)
Unvollendeter zeitsatirischer Roman über einen Schriftsteller der eine Biographie über Caesar schreiben will.
„Flüchtlingsgespräche" (1961)

1.3.3 Lyrik

„Hauspostille" (1927)
„Lieder, Gedichte, Chöre" (1939)
Politische Lieder auf Deutschland
„Svendborger Gedichte" (1939)
„Hundert Gedichte 1918 bis 1959" (1951)
Stellungnahme zur Hitler-Zeit
„Die Erziehung der Hirse" (1952)

2. Ausgesuchte Literatur

2.1 „Baal"

Erstes Stück von Bertolt Brecht, entstanden 1919 in Augsburg, erschienen 1920.
Uraufführung: 8. Dezember 1923 in Leipzig
2.1.1 Inhaltsangabe
Das Stück beginnt im Speisezimmer des Großkaufmanns Mech, der auf das dichterische Talent Baals aufmerksam geworden ist und ihn groß herausbringen würde wenn Baal möchte. Baal zeigt sich jedoch ohne Interesse und wird hinausgeworfen. Später singt Baal mit seiner Geliebten Frau Emilie Mech, seinem Freund Johannes und dessen unschuldvolle Freundin Johanna in einer Branntweinschenke und macht sich unter dem Applaus der Fuhrleute über seine Freunde und ihr Leben lustig. Später erwacht er mit Johanna in seiner Kammer und weist sich gleich wieder von sich, worauf sich das naive junge Mädchen in den Fluß stürzt. Mittags holt er sich zur Abwechslung zwei Schwestern und Abends fischt er sich, weil ihm fad ist, vor dem Haus das Mädchen Sophie. Er säuft mit Strolchen und entgeht nur knapp der Rache einiger Holzfäller, die er um den Schnaps ihres gerade verunglückten Kollegen gebracht hatte. Von nun an zieht er mit einem Mann namens Ekart durchs Land, der sich ebenso wie Baal wild und aufführt und große Reden schwingt. Sie schlagen sich durch Betrug durchs Land und geraten häufig in Streit wegen Sophie. Acht Jahre später sticht Baal seinen Freund Ekart in der Weinbranntschenke, in der sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, wegen der dortigen Kellnerin nieder und flüchtet vor den Landjägern in den Wald. In einer Bretterhütte im Wald versteckt er sich und scheint dort zu verrecken. Holzfäller finden ihn dort machen jedoch nicht den Versuch ihn zu retten. Sie versuchen sich nur vor dem Regen zu schützen und als der Regen aufhört verlassen sie die Hütte und überlassen Baal seinem Schicksal.

2.1.2 Interpretation zu „Baal"

Baal ist als eine Art Gegenentwurf zu Hans Johsts Stück „Der Einsame" zu sehen. „Der Einsame" ist eine expressionistische Deutung des Dichters Grabbe, die Brecht beeindruckt und seinen Widerspruch erweckt hatte. Zugleich aber stellt Baal eine Personifizierung der Blick- und Verhaltensweisen, die seine Lyrik damals kennzeichneten, dar. Er bediente sich dabei zwar einiger poetischer Mittel des Expressionismus, widersprach jedoch dessen Erlösungsidee. Brecht soll zu dieser Zeit als Student seine Gedichte in Vorstadtgasthäusern unter Fuhrleuten vorgetragen haben. Dieses Bild vermittelt am besten den Ton der in den 1927 veröffentlichten „Hauspostillen angeschlagen wird. Diese Lyriksammlung enthält Gedichte vor Baal und aus Baal bis hin zur Mahagonny-Oper. 1954 hat Brecht sein Stück in anderer Hinsicht, nämlich historisch enger, erklärt, und zwar damit, daß der Dichter Baal sich mit seiner Lebenskunst gegen die „Verwurstung" seiner Talente wehrt. Dieses Moment war sicher von Anfang an mitgesetzt - schon in der Art, wie der junge Brecht sich selbst auffaßte und wie er sich mit den großen „asozialen" Vorbildern VILLON, BÜCHNER, RIMBAUD identifizierte.

2.2 „Mutter Courage und ihre Kinder"

Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg, geschrieben 1939
Uraufführung: 19. April 1941 in Zürich
2.2.1 Inhaltsangabe
Anna Fierling, auch Mutter Courage genannt, zieht mit ihrem Marktwagen, ihren beiden Söhnen, dem mutigen Eilif, dem ehrlichen, aber dummen Schweizerkas und ihrer stummen Tochter Kattrin durch die Lande.
In Südschweden wird Eilif von einem Feldwebel für den Krieg geworben. Die sehr pessimistisch eingestellte Mutter Courage sagt dem Feldwebel den Tod voraus, aber auch, daß ihre eigenen Kinder den Tod finden werden. Zwei Jahre später sieht sie ihren Sohn Eilif als Held in Polen wieder. Seine Heldentat, er hat einem Bauern das Vieh gestohlen, quittiert sie mit einer Ohrfeige. Gemeinsam mit einem finnischen Regiment gerät Mutter Courage in Gefangenschaft der Katholiken. Als Schweizerkas die Regimentskasse in Sicherheit bringen will, wird er ertappt und vor dem Feldgericht verurteilt. Um ihn auslösen zu können, verpfändet Mutter Courage ihren Wagen, doch sie feilscht so lange, bis Schweizerkas erschossen wird. Als ihre Waren mutwillig zerstört werden, möchte sie sich beim Rittmeister beschweren, doch sie besinnt sich, denn es ist ihrer Meinung nach besser, im Krieg Handel zu treiben, als Gerechtigkeit zu suchen. Ein protestantischer Feldprediger hilft ihr, sich dem katholischen Heer anzuschließen. Aufgrund eines Überfalls auf Kattrin, wechselt Mutter Courage die Front. Eilif wird zum Tode verurteilt weil er eine Bauersfrau umgebracht hat. Vier Jahre vergehen. Kattrin belauscht das Gespräch einiger kaiserlicher Soldaten, die die Stadt Halle stürmen wollen und steigt auf das Dach des Hauses um die Bewohner zu warnen. Es gelingt ihr auch, doch sie wird von einem Soldaten erschossen. Mutter Courage zieht mit ihrem Wagen allein weiter. Sie hat alle drei Kinder verloren und nichts aus dem Krieg gelernt.

2.2.2 Interpretation zu „Mutter Courage und ihre Kinder"

Brecht hat mit wenigen Korrekturen, das Bild der Courage als einer „Hyäne des Schlachtfelds" schärfer herausgearbeitet. Dazu trägt vor allem der Schlußsatz der Mutter Courage bei: „Ich muß wieder in den Handel kommen". Sie hat nichts gelernt. Courage die in und mit dem Krieg Geschäfte macht, ist der Zusammen zwischen Krieg und Geschäft im Grunde nie aufgegangen. Auf den immer wieder erhobenen Vorwurf, die Uneinsichtigkeit der Mutter Courage könnte der Wirkung des Stückes schaden, hat Brecht geantwortet „es komme ihm nicht darauf an, die Figur am Ende sehend zu machen, sondern das Publikum solle sehend werden". Mutter Courages besondere Fähigkeiten, ihr Behauptungswille und praktischer Sinn in heiklen Situationen sind zugleich ihre Verdammnis. Nach Brechts Aussagen sollte dadurch sichtbar gemacht werden, „daß hier ein entsetzlicher Widerspruch bestand, der einen Menschen vernichtete, ein Widerspruch, der gelöst werden konnte, aber nur von der Gesellschaft selbst". Mit der Tragik der Courage verweist Brecht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse: Die Marketanderin verliert ihre Kinder durch den Krieg, den sie selbst fördert und den sie nicht abgeschafft haben will. Auch durch die anderen Hauptfiguren macht Brecht eine gesellschaftliche Problematik transparent. Alle drei Kinder gehen an ihren Tugenden zugrunde: Eilif an seinem Mut und seiner Kühnheit, Schweizerkas an seiner Ehrlichkeit und Kattrin an ihrer Kinderliebe und ihrem Mitleid. Der Krieg fördert ihre Tugend und führt sie so in den Tod. In „Mutter Courage und ihre Kinder" und auch in dem im selben Jahr entstandenen „Leben des Galilei" verwendet Brecht weder ein didaktisches Verhaltensmodell, wie in seinen Lehrstücken, noch ein dramatisch entwickeltes Gleichnis wie in seinen Parabelstücken. Vielmehr versucht Brecht in seinen „realistischen" Dramen historisches Geschehen als gesellschaftlich bedingtes, von der Gesellschaft gemachtes und daher veränderbares sichtbar gemacht.

2.3 „Im Dickicht der Städte"

Der Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago, entstanden 1921-1924
Uraufführung der 1. Fassung: 9. Mai 1923
Die 2. Fassung erschien 1927.

2.3.1 Inhaltsangabe

Der malaiische Holzhändler Shlink verwickelt ohne ersichtlichen Grund, den in der Leihbücherei angestellten George Garga in einen Streit. Durch die heftigen Auseinandersetzungen wird der Laden in dem Garga arbeitet demoliert und Garga wird entlassen. Garga nimmt den Kampf auf und vernichtet Shlinks Holzgeschäft. Aber seinen Plan nach Tahiti zu gehen um frei zu sein, muß Garga aufgeben, da Shlink Gargas Familie in den Kampf miteinbezieht. Es gelingt Shlink, zusammen mit seinen Freunden aus der Unterwelt, Gargas Schwester Marie und dessen Freundin Jane zu Prostituierten zu machen. Als Garga Jane dennoch heiratet zeigt Shlink ihn als nächstes wegen Schiebung an. Garga muß ins Gefängnis und seine Familie bricht auseinander. Er rächt sich mit einer Anzeige wegen Vergewaltigung seiner Schwester und inszeniert eine Lynchaktion gegen Shlink. Dann aber entflieht er gemeinsam mit ihm. Shlink übergibt Garga seinen wiederaufgebauten Holzhandel und gesteht ihm seine Liebe, doch Garga stößt ihn zurück. Shlink nimmt Gift und Garga brennt am Ende das Holzgeschäft nieder und geht nach New York. „Allein sein ist eine gute Sache"

2.3.2 Interpretation zu „Im Dickicht der Städte"

Brecht war zu dieser Zeit, als er das Stück schrieb, vor allem vom Boxsport, „als eine der großen mythischen Vergnügungen der Riesenstädte von Jenseits des großen Teiches", gefesselt. Es sollte in seinem Stück ein „Kampf an sich", ein Kampf ohne andere Ursache als den Spaß am Kampf ausgefochten werden. Bertolt Brecht schrieb folgendes über sein Stück „Im Dickicht der Städte": „In meinem Stück sollte die pure Lust am Kampf gesichtet werden. Schon beim Entwurf merkte ich, daß es eigentümlich schwierig war, einen sinnvollen Kampf, d.h. nach meinen damaligen Ansichten, einen Kampf, der etwas bewies, herbeizuführen und aufrechtzuerhalten. Mehr und mehr wurde es ein Stück über die Schwierigkeit, einen solchen Kampf herbeizuführen. Die Hauptpersonen trafen diese und jene Maßnahmen, um zu Griff zu kommen. Sie wählten die Familie des einen Kämpfers zum Kampfplatz, seinen Arbeitsplatz usw. usw. Auch der Besitz des anderen Kämpfers wurde „eingesetzt" (und damit bewegte ich mich, ohne es zu wissen sehr nahe an dem wirklichen Kampf, der vor sich ging und den ich nur idealisierte, am Klassenkampf). Am Ende entpuppte sich tatsächlich der Kampf des Kämpfern als pures Schattenboxen; sie konnten auch als Feinde nicht zusammenkommen. Dämmerhaft zeichnet sich eine Erkenntnis ab: daß die Kampfeslust im Spätkapitalismus nur noch eine wilde Verzerrung am der Lust am Wettkampf ist. Die Dialektik des Stückes ist rein idealistischer Art."
Das gedanklich sehr schwer zugängliche Stück sah Arnolt BRONNEN, damals ein enger Freund Brechts, als die „Stammesgeschichte der Familie Brecht" an.



2.4 „Die heilige Johanna der Schlachthöfe"

Stück in elf Bildern entstanden 1929/30
Uraufführung: 30. April 1959 in Hamburg

2.4.1 Inhaltsangabe

Mauler, Chicagos Fleischkönig, verkauft sein Geschäft an seinen Kompagnon, da seine New Yorker Börsenfreunde ihm zu diesem Schritt geraten haben. Joch knüpft er mit dem Verkauf die Bedingung, daß damit sein größter Konkurrent bankrott geht. Die „Schwarzen Strohhüte" der Heilsarmee unter dem Kommando von Leutnant Johanna Dark können das immer größer werdende Elend der Arbeitslosen nicht mehr mit Suppe, Musik und netten Worten aufhalten. Daher bittet Johanna Mauler um Hilfe für die Armen. Mauler möchte Johanna beweisen daß die Arbeiter „schlecht" sind und daher ihre hoffnungslose Lage selbst verschulden. Doch Johanna erkennt auf Maulers Schlachthof auch den Grund für die sogenannte „Schlechtigkeit": die Armut. Sie zieht mit ihren „Schwarzen Strohhüten" in die Viehbörse um dort für Ordnung zu schaffen. Scheinbar gelingt ihr das, aber Mauler hat den Markt nur gerettet, weil ihm seine Börsenfreunde wieder zum Fleischkauf geraten haben. Johanna, wegen ihrer erfolgreichen Vermittlungen überall bekannt und geliebt, begreift zu spät, daß Maulers erneute Monopolstellung die Not sehr schnell wieder vergrößern wird. Nun bietet sie den Arbeitern ihre volle Unterstützung an. Doch als zum Generalstreik aufgerufen wird, verrät sie ihre Verbündeten, da sie falsche Informationen zugespielt bekommen hat. Der Streik wird niedergeschlagen und Mauler siegt. Unter der Last ihrer Schuld bricht Johanna zusammen. Um die Verbreitung ihrer Erfahrungen und Ansichten zu verhindern, beschließen die Fleischhändler sie heilig zu sprechen als Märtyrerin der Mildtätigkeit. Ihre Ausrufe gehen sogleich in einem Wirrwarr von Lobreden, Gesang und Musik unter.

2.4.2 Interpretation zu „Die heilige Johanna der Schlachthöfe"

Dieses erste der drei Johanna-Stücke Brechts zeigt den notwendigen Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung, aber noch deutlicher ist es eine umfassende Darstellung der Praxis des Klassenkampfes, weil die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, den Hintergrund dieses Stückes abgeben. In diesem Politisch kompromißlosen Stück steht nicht die Religion und auch nicht die Existenz Gottes zur Diskussion, sonder das Verhalten des religiösen Menschen. Es zeigt Brechts Konzeption vom Theater als Vermittler politischer Einsichten und als antreibende Kraft zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe" hat das Ziel, „eine tiefgreifende und zum Handeln ausreichende Erkenntnis der großen gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit zu vermitteln". Damit wollte Brecht den Zuschauer dazu bringen die neuen revolutionären Erkenntnisse anzuwenden, jedoch nicht durch Identifikation mit dem Stück. Der Zuschauer sollte die Erkenntnis aus der paradigmatischen (beispielgebenden) Handlung selbst herausfinden. Diese Absicht konnte Brecht jedoch nicht verwirklichen, da bereits 1931 kein Theater der Weimarer Republik bereit war, dieses an Zündstoff reiche Stück, das Herbert Jhering noch Ende 1932 mutig als das bedeutsamste Drama des Jahrzehnts bezeichnete, aufzuführen.

3. Literaturverzeichnis

Literatur des 20. Jahrhunderts
Deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts
Bertolt Brecht: „Frühe Stücke", Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1964
Bertolt Brecht: „Die drei Johanna-Stücke", Fischer Bücherei KG, Frankfurt am Main und Hamburg 1964
Bertolt Brecht: „Mutter Courage und ihre Kinder", Suhrkamp-Verlag, Berlin