Tourismus in Entwicklungsländern –
Gastgeber wider Willen?

Wenn wir – damit sind Menschen der so genannten Industrieländer gemeint – ein bis zwei schöne, erholsame Wochen haben wollen, gehen wir ins Reisebüro, buchen am besten einen Pauschalurlaub, damit wir uns um so wenig wie möglich selbst kümmern müssen, und fliegen kurz darauf, ohne viel bezahlt zu haben, in ein warmes, sonniges Land, wo die Menschen immer freundlich, die Preise immer billig sind und auch sonst alles zu unserer Zufriedenheit verläuft.
Was aber bedeutet unsere Erholung für die Einwohner des Urlaubslandes? Was steckt hinter der Fassade des netten Gastgebers, der über jeden Tourist aufs Neue dankbar scheint?

„Eigentlich geht es hier um Rassismus. Wir gehören alle zur Dritten Welt, jener Welt, die dem mächtigsten und rassistischsten Staat dieser Erde gehört. Wir Hawaiianer haben die Nase voll davon. (...) Der Überdruss der wenigen eingeborenen Hawaiianer wächst, die Wut und die Aggression sind da. Wenn jetzt Hotels in die Luft fliegen, wenn Touristen niedergeschlagen werden – so war das zu erwarten. Ich bin angeekelt, wenn ich immer nur von Profit reden höre. Wir leiden unter kultureller Prostitution: Da nehmen Menschen meine Sprache und machen Profit daraus, Alo-ha, unser Wort für: Willkommen, ist zu einem gut verkäuflichen Slogan geworden. In meiner eigenen Heimat werde ich gefragt: „sind Sie aus Hawaii – aber sie sehen gar nicht so japanisch aus!“ So weit ist es gekommen. Ich sage euch: Wir brauchen keinen Tourismus, wir wollen euch nicht. Wenn ihr das nicht spürt, wenn ihr keinen Verantwortungssinn habt – wundert euch nicht, wenn ihr eines Tages in kleinen Stücken in die Luft fliegt. Es wird so weit kommen, dass ein Hotel explodiert, und ich hoffe nur, dass die Bombe bald gelegt wird. Ich will keinen von euch in Hawaii sehen. Es gibt keinen guten, „unschuldigen“ Touristen, das ist ein Unding. Die Gewalt, die meinem Land und meinem Volk angetan wird, schlägt jetzt um in Hass und Rachegefühle und wächst. Ich hoffe, dass es schnell geht, sehr schnell.

Erschreckt dieses Zitat, welches von einer „Sprecherin der Bewegung für ein unabhängiges Hawaii“ stammt? Gerade Hawaii, wo es doch Tradition ist, dass die Hawaiianer jeden Neuankömmling mit schönen Blumenkränzen und einem freudigen Kuss auf die Wange begrüßen, wo man doch allabendlich mit Trommelrhythmen, Ukulelenmusik und Baströcken zum Hula-Hula-Tanz auffordert. Was also macht die offensichtliche Aggression und Unzufriedenheit dieser Stimme aus?
Dem Text eindeutig zu entnehmen ist wohl der Überdruss am Tourismus. Es wird aber nicht nur der „störende Tourist“, also der, der beispielsweise angefüllt mit Alkohol laut johlend jegliche Ruhe der Insel stört, beschuldigt, sondern alle! Sie sagt, es gebe keinen guten, „unschuldigen“ Tourist, jeder sei zum gleichen Teil für die „kulturelle Prostitution“ verantwortlich. Das, was für uns als typisch hawaiianisch gilt, wird von der Tourismusbranche auf perverse Weise vergewaltigt, so dass es zum Aushänger des Urlaubslandes wird. Wir suchen das Exotische, den Reiz des Anderen. Wir wollen weg aus dem Alltag und ein anderes Land erleben. Dass wir aber dieses Land nicht finden werden, sondern vielmehr ein künstlich geschaffenes Paradies für den stressgeplagten Großstädter, das für die Hawaiianer zur Hölle wird, kommt uns selten in den Sinn.
Der Frau, die diese Stellungnahme abgegeben hat, geht es nicht um die Wirtschaft oder andere materielle Dinge, sondern um die autochthone Kultur des Landes. Nun muss aber zur Verteidigung der Touristen angeführt werden, dass die Hawaiianer schon Anfang des 19. Jahrhunderts, also nicht erst mit Einsetzen des Fremdenverkehrs, ihr Erbe aufgeben mussten. Wie in vielen anderen Entwicklungsländern kann und sollte man den Kolonialismus dafür verantwortlich machen. 1898 annektierten die USA das Land. Zu diesem Zeitpunkt schon waren die Hawaiianer zahlenmäßig unterlegen, landlos und marginalisiert. Natürlich manifestiert sich die Geschichte in dem europäischen oder amerikanischen Touristen, der nun als Personifikation des Bösen dasteht. Und natürlich haben die Bewohner Hawaiis das Recht dazu, sich diesem Sinnbild zu ergeben, da die Urlauber das weiterführen, was mit der Besetzung Hawaiis begann. Wie eingangs schon erwähnt sind es doch bestimmte Bilder, die sich ein Reisender wünscht wieder zu sehen, wenn er auf diese Insel fliegt. Daher muss das Reisebüro beziehungsweise der Veranstalter auch darauf anspringen und diese Bilder bieten; nur das erhöht den Profit.
Aber hat nicht das Ausland in gleicher Weise festgefahrene Vorstellungen von uns? Sind wir nicht auch bestimmten Schablonen zugesprochen? Warum also tragen wir nicht solche radikalen Gedanken in uns? Na klar denken wir ebenso manchmal, wenn wir Touristen nur um den Fernsehturm oder das Brandenburger Tor herum stehen sehen, man müsse ihnen sagen, dass das nicht Berlin, ferner auch nicht Deutschland ist. Aber an gewalttätige Maßnahmen hat – so zumindest meine Vermutung – keiner gedacht.
Es stellt sich demnach zwingend die Frage, was wir in Hawaii anders machen als Urlauber bei uns. Vermutlich ist es die Art der Ausbeutung der „Dritte Welt Länder“. Hat die Meinung der „Sprecherin der Bewegung für ein unabhängiges Hawaii“ dementsprechend doch auch wirtschaftliche Gründe; da wir Deutschen ebenfalls in unserer Kultur auf Lederhosen und Bier reduziert werden?
Ich denke, dass es ein Konglomerat mehrerer Faktoren ist, welches diese doch recht beängstigenden Wünsche hervorruft. Vielleicht sind es auch die unterschiedlichen Auffassungen der eigenen Kultur, die diese verschiedenen – und für jeden anderen wahrscheinlich nur schwer nachvollziehbaren – Ansichten ausmachen.
Der Tourismus ist also ein Stör- und kein wirtschaftsbelebender Faktor. Kann der Fremdenverkehr also als eine Entwicklungsstrategie genutzt werden? Vielleicht ginge es, wenn man ihn in Maßen und nicht durch Misshandlung des Fühlens und Denkens der Ureinwohner betreibt. So wie es aber zurzeit scheint, sind viele Länder nur „Gastgeber wider Willen“!



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