Warum ist die „nachholende Industrialisierung“ als eine gescheiterte Modernisierungsstrategie zu bezeichnen?


Zur Zeit der Kolonialherrschaft hielten es die Länder, welche die Kolonien verwalteten nicht für nötig, die Industrialisierung in den besetzten Gebieten voranzutreiben. Vielmehr waren sie auf die Produktion von so genannten Luxusgütern - die vornehmlich auf landwirtschaftlicher Basis hergestellt werden konnten - aus, mit denen sich beträchtliche Gewinne erwirtschaften ließen.
Nach der Dekolonisierung wollten die neuen Regierungen das nachholen, was ihnen vorher verwehrt blieb. Dazu konnte man zwei Wege einschlagen: Den kurzen, der von den „weiterentwickelten“ Industrieländern durch die Einfuhr von modernster Industrie unterstützt werden konnte und den langen, der darauf beruhte, alle Entwicklungsschritte zur modernen Industrie selbst zu durchlaufen.
Warum der kurze Weg, die so genannte „nachholende Industrialisierung“, die lediglich den Entwicklungsstand nachzuahmen sich zum Ziel gesetzt hat, als gescheitert zu betrachten ist, soll im Folgenden erläutert werden.

Die „industrielle Revolution“ begann in Großbritannien etwa um 1760. Von diesem Zeitpunkt an zog sie sich über viele Jahrzehnte und bedurfte dieser Zeit auch. In den dekolonisierten Ländern, die erst ab 1945 ihre Unabhängig erreichten, wollte man den Status auf kürzestem Wege erreichen, was man sich durch die Installation von modernen Industrieanlagen aus dem Ausland erhoffte.
Nun mag diese Vorgehensweise auf den ersten Blick durchaus nicht als ungünstig zu bezeichnen sein, da es doch sinnvoll wäre, vorhandene Entwicklungen zu nutzen. Wenn man aber einen zweiten Blick auf Schritte wirft, die für den Vorgang der Industrialisierung notwendig waren, dann erkennt man, dass dieses „Leapfrogging“ nicht das erwünschte Ziel zutage fördert.
Es muss nämlich beachtet werden, dass diese modernen Anlagen auch bestimmte Anforderungen an ihre Umgebung stellen. So sollte zum einen eine gute Infrastruktur, wie auch qualifiziertes Fachkräftepotential, das heißt Menschen, die es gelernt haben mit dieser Technik umzugehen, vorherrschen. Zum anderen muss auch ein Absatzmarkt vorhanden sein, der aber nicht gebildet wird, weil „Inländer“ in diesen Betrieben keine oder nur selten Arbeit finden und somit auch nur über wenig Geld verfügen, da sie keine Arbeitsplätze besetzen können. Außerdem werden die autochthonen industriellen Betriebe nicht entsprechend gefördert beziehungsweise subventioniert, da den neuen eindeutig der Vorrang gewährt wird, was sich wiederum in geringerem Verdienst der Bevölkerung niederschlägt. Ein ausländischer Absatzmarkt ist auch nicht möglich, da die Produkte durch Importzölle oder ähnlichem so teuer gehalten werde, dass verwandt produzierendes Inlandsgewerbe seine Waren besser verkauft. Um daher diese modernen Betriebe aufrecht zu halten, müssen sie wiederum stark subventioniert werden, wobei deren Installation ist auch nicht kostengünstig war.
Diesen genannten Defiziten folgend, werden die „zeitgerechten“ Institutionen also eher ein Kosten-, als ein effizienter Wirtschaftsfaktor.

Der oben beschriebene „Entwicklungsweg“ hat aber den Staat nicht nur Geld gekostet, sondern auch potentiell erfolgreiche autochthone Betriebe, die ein guter Ansatz für eine erfolgreiche Strategie gewesen wären. Sie wurden, gleichermaßen wie die „Modernisierung“ gefördert wurde, in die Illegalität getrieben, da ihnen die Existenz als formelle Einrichtungen zu bestehen, stark erschwert, wenn nicht sogar verhindert wurde.

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Wie könnte also eine erfolgreiche Strategie aussehen?


Nachdem im vorangegangen Abschnitt erläutert wurde, wie die Modernisierungsstrategie nicht aussehen sollte, stellt sich sicherlich die Frage, welche Strategie denn nun am sinnvollsten wäre. Ich will im Folgenden versuchen eine geeignete zu entwickeln und darzulegen.
Ich erwähnte bereits, dass die gewachsenen Betriebe eine gute Basis seien, die Industrialisierung auf normalem Wege voranzutreiben. Das will ich auch im Weiteren aufnehmen und erklären.


Abbildung 1
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(Quelle: http://www.free-dev.com/3e/cours/?page=geo#51)



Wie an Abbildung 1 zu erkennen, ist die Industrialisierung ein Kreislauf, der, wenn einmal angestoßen, sich selbst in Bewegung hält und womöglich immer weiter „hochschaukelt“. Man könnte also an einem Punkt dieses Kreislaufes ansetzen und ihn ausbauen, um zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen.

Da vor dem Eintritt der „nachholenden Industrialisierung“ schon etliche viel versprechende Kapazitäten in Form der autochthonen Einrichtungen vorhanden sind, sollte man diese als Startpunkt nutzen und deren Bestehen nicht durch Aufbau von Konkurrenz in Gestalt der modernen Betriebe aufs Spiel setzen. Man könnte sie also, dem Schaubild folgend, mit einer besseren Infrastruktur ausstatten. Das heißt, sie müssten beispielsweise an Verkehrsnetze angeschlossen werden, so dass der Einzugsbereich größer wird, in dem sie künftig Arbeitskräfte anwerben oder aber auch ihre Produkte verkaufen.
Des Weiteren sollten die Produkte, die für eine verbesserte, effektivere Landwirtschaft von Nutzen sind im eigenen Land hergestellt und nicht importiert werden. Natürlich könnte man nicht sofort zu den neuesten Techniken greifen, aber der Ablauf würde wiederum Arbeitsplätze schaffen und das ständige Erlernen und Auseinandersetzen mit den neuen Verfahren gewährleisten, wodurch sich die späteren inländischen Fachkräfte bilden können.
Nach Abbildung 1 würde dieser Prozess in kürzester Zeit zu einer gesteigerten Nachfrage an Industrieprodukten führen. Wenn diese dann auch noch im eigenen Land hergestellt würden, etwa durch Ausbau vorhandener oder Aufbau neuer Strukturen, dann würden einerseits neue Arbeitsplätze und andererseits die Unabhängigkeit von Industrienationen geschaffen und somit auch der unnötige und fatale Devisenexport gestoppt.

Im Grunde genommen also ist dieser Ansatz eine Nachahmung des europäischen Weges der Industrialisierung. Er könnte aber durch Entwicklungshilfe wesentlich verkürzt werden, so dass den „bedürftigen“ Ländern auf diese Weise geholfen werden kann.

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