Erörterung – linear/dialektisch (Mischform)

Aufgabenstellung:
Viele Auszubildende geben ihr verfügbares Einkommen für Konsumgüter aus und nehmen außerhalb der Arbeit im Betrieb Nebenjobs an, um ihre Wünsche befriedigen zu können.
Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Ursachen für diese Konsumorientierung?
  • Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?


Uwe Kamm 04.12.2002

Wenn man heutzutage im Arbeitsamt nach Nebenjobs sucht, so wird man kaum fündig werden. Fast alle sind vergeben, meistens an Personen im Alter zwischen 17 und 25 Jahren, die damit ihr Einkommen aufbessern wollen, um sich den ein oder anderen Luxusartikel zusätzlich zu leisten. Wo liegen die Ursachen, dass sich gerade Azubis dieser Doppelbelastung aussetzen? Diese Ursachen werde ich in folgendem Aufsatz schildern.
Betrachtet man die Situation einmal ganz praktisch, so bietet ein Nebenjob eine ideale Möglichkeit, sich nebenbei eine zusätzliche Einnahmequelle zu schaffen. Dieser Gelegenheit widerstehen nur die wenigsten, gegen mehr Geld im Portmonee hat ja schließlich niemand etwas einzuwenden. Erlernt ein Azubi zum Beispiel einen kaufmännischen Beruf und hat gleichzeitig einen Verwandten oder Bekannten, der einen Handwerksbetrieb besitzt, so kann er durch Samstagsarbeit auf der Baustelle zusätzliches Geld verdienen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist unsere annähernd „klassenlose“ Gesellschaft. Früher erlernten die Kinder oftmals denselben Beruf wie ihre Eltern. Heute ist das ganz und gar nicht mehr so. viele Arbeiterkinder erlernen kaufmännische Berufe, wo sie natürlich auch mit wohlhabenderen Mitauszubildenden zusammen kommen. Dieser Kontakt schürt oftmals den Wunsch nach mehr eigenem Wohlstand.
Ein anderer Aspekt ist, dass die Lehrlinge heute im Schnitt schon wesentlich älter sind als noch vor 25 oder 30 Jahren. Viel mehr Schüler besuchen jetzt vor ihrer Ausbildung ein Gymnasium, was zur Folge hat, dass sie zu Beginn ihrer Lehre meist schon einen Führerschein besitzen und den Wunsch auf ein eigenes Auto hegen. Zur Unterhaltung eines Fahrzeugs reicht oftmals das Azubigehalt allein nicht aus, man will ja zudem am Wochenende auch noch etwas unternehmen und das kostet Geld. Die einzige Möglichkeit auf legalem Wege diesen Luxus zu finanzieren ist also ein Nebenjob.
Der Hauptgrund für diese Verhaltensweise ist in meinen Augen jedoch die Werbung. Sie gibt uns mehr denn je vor, was man haben muss um glücklich zu sein. Egal ob es um Kleidung, Schmuck, Computer oder Handys geht, wer nicht „in“ ist, ist „out“. Viele junge Menschen werden dadurch einem Gruppenzwang ausgesetzt, dem sie durch Kauf von Luxusartikeln entgegentreten, die erst einmal finanziert werden müssen.
Das sind nur die wichtigsten Ursachen, für das Verhalten von Auszubildenden. Doch wie soll man diesen Trend bewerten? Im folgenden Teil versuche ich diese Frage zu klären.
Negativ an der ganzen Sache ist, dass heutzutage niemand mehr wirklich Zeit hat. Die Zeit ist eines der kostbarsten Güter geworden. Gleichzeitig findet ein Aufbau von Stress statt. Auch oder gerade junge Menschen hetzen von einem Termin zum anderen und stehen nicht selten dauernd „unter Strom“.
Ein weiterer negativer Punkt ist der Werteverlust. Es zählt nur nach was man besitzt. Wer sich etwas leisten kann, ist auch etwas wert. Schon bei pubertierenden Schülern ist derjenige der Boss, der zum Beispiel die teuersten Nikeschuhe hot oder das neueste Handy. Innere Werte wie Treue, Freundschaft oder Kameradschaft scheinen wertlos geworden zu sein.
Es gibt jedoch auch positive Seiten der Mehrbelastung.
Zum einen wären da die Erfahrungen zu berücksichtigen, die gerade Azubis in jungen Jahren machen. Wer sich dieser permanenten Doppel- Bzw. Dreifachbelastung von Berufsausbildung im Betrieb, Berufsschule und Nebenjob hingibt, der lernt schon frühzeitig sich selbst zu organisieren. Junge Leute werden zu so genannten „Troubleshootern“, die mit mehreren Problemen gleichzeitig konfrontiert werden und immer neue Lösungen finden müssen.
Ein anderer positiver Punkt ist, dass sich junge Menschen Ziele stecken. Wer außergewöhnliche Wünsche hegt, muss sich auch um deren Realisierung Gedanken machen. Dies ist generell positiv zu bewerten, da man dabei gar keine Zeit hat, aus lauter Langeweile zum Beispiel Autos zu knacken oder ähnliche Verbrechen zu begehen. Jugendliche und junge Erwachsene haben somit eine Perspektive die sie vorantreibt.
Der wichtigste nützliche Aspekt dieser Entwicklung ist jedoch die eigene Unabhängigkeit. Wer sich selbst um seine Finanzsituation kümmert, lernt mit der Zeit unabhängig von seinen Eltern zu leben. Junge Menschen bewegen sich heutzutage viel selbständiger in der Konsumwelt als noch ihre Eltern vor einer Generation. Dies Bedeutet auch ein Stück mehr Freiheit.
Grundsätzlich gilt: jeder muss seinen eigenen Weg suchen und auch finden. Niemand ist dazu verpflichtet, sich bis zum Hals in Arbeit zu stürzen. Der Druck der Medien und Umgebung ist zwar stark, doch sollte man ihn nicht als Belastung, sondern als Chance sehen. Auch Leute, die dem Konsumdrang unserer Gesellschaft widerstehen, können dadurch positive Erfahrungen machen indem sie mehr Freizeit haben.