Erörterung - linear

Aufgabenstellung:
Nach neuesten Untersuchungen befindet sich das deutsche Bildungssystem in einer schweren Krise. Beschreiben Sie die Ursachen dieser Misere. Welche Konsequenzen ergeben sich für uns alle daraus? Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um die Entwicklung wieder positiv zu gestalten?


Uwe Kamm 07.12.2001

Anfang der Woche wurde die neue Pisa-Studie veröffentlicht. Das Ergebnis deutet auf jahrelange Missstände im deutschen Bildungssystem hin. Wir Deutschen seien nur noch durchschnittlich, was unsere Schulen betrifft. Wo Fehler entstehen, gibt es auch Ursachen. Diese, und mögliche Konsequenzen aus unserer derzeitigen Lage, werde ich in diesem Aufsatz schildern.
Von politischer Seite aus betrachtet, fehlt es seit Jahren überall an Geld. In vielen allgemein bildenden Schulen oder staatlichen Hochschulen und Universitäten fehlt es an Lehrern und Professoren. Wo der Etat zu knapp war, wurden in der Vergangenheit einfach Lehrkräfte eingespart. Im kaufmännischen BKFH hat man als Schüler normalerweise die Möglichkeit aus den Fächern Computertechnik, Wirtschaftsgeographie, Psychologie und Französisch ein Wahlfach zu wählen. In Crailsheim wurden jedoch alle vier Fächer wegen Lehrermangel vom Stundenplan gestrichen. Auch an den Einrichtungen mangelt es an allen Ecken und Enden. Kaum eine Schule kann heutzutage noch einen gut ausgestatteten EDV-Raum vorweisen.
Ein weiterer Aspekt ist unser zu gut ausgebautes Sozialsystem. Wer heute arbeitslos wird bekommt schon morgen Arbeitslosengeld. Man wird finanziell versorgt, muss aber für Vorstellungsgespräche bei Unternehmen bereitstehen. Viele Arbeitslose hinterlassen bei solchen Vorstellungen absichtlich einen schlechten Eindruck, um weiterhin vom Staat zu leben und nicht arbeiten zu müssen. Dass sie dafür im Monat weniger Geld zur Verfügung haben, nehmen sie in Kauf.
Ein weiterer Grund für unsere schlechte Bildung liegt an den Jugendlichen selbst. Heutige Söhne und Töchter werden noch viel länger von ihren Eltern versorgt als vor 30 Jahren. Diese Unselbstständigkeit überträgt sich auch auf die Bildung. Viele lernen nicht mehr aus eigenem Interesse, sondern nur noch, wenn es denn unbedingt notwendig ist. Sie lassen sich von ihren Lehrern nur „berieseln“ ohne aktiv am Unterricht teilzunehmen. Diese „Null-Bock-Einstellung“ kann sich im Extremfall auch auf die Lehrer übertragen, die dann ihrerseits qualitativ schlechteren Unterricht bieten. Wenn in einer Klasse niemand mitarbeitet, dann überlegt sich der Lehrer auch, ob sein Aufwand wirklich notwendig ist, obwohl die Klasse kein Interesse zeigt.
Bei vielen Jugendlichen steht heute die Freizeit im Vordergrund. Im Jahre 1974 sahen 48% der Westdeutschen den Sinn des Lebens darin, „glücklich zu sein, viel Freude zu haben“. Heute sind dies knapp zwei Drittel der Bürger. Auf der anderen Seite stellt „im Leben etwas leisten, es zu etwas bringen“ nur noch für 41% der Menschen in Westdeutschland gegenüber 54% im Jahre 1974 den Lebenssinn dar. Mit dieser Einstellung sind auch die ehrgeizigen Ziele gesunken. Viele junge Menschen gehen heutzutage auch abends unter der Woche weg, ohne Rücksicht, ob sie am nächsten Tag im Berufsleben oder in der Schule fit sind.
Bei vielen Ehepaaren mit Kindern arbeiten beide Ehepartner. Das hat zur Folge, dass, wenn die Kinder von der Schule heimkommen, niemand zu hause ist. Die Eltern können somit auch nicht ihren Kindern beim Erledigen der Hausaufgaben helfen oder kontrollieren, ob diese überhaupt gemacht werden.
Ein ganz entscheidender Grund für unser schlechtes Bildungssystem sind veraltete Lernmethoden. Bildung funktioniert nur bei ständiger Erneuerung und Anpassung an neue Standards. Um die Schüler sinnvoll auf das Berufsleben vorzubereiten, muss man auch Dinge aus der Arbeitswelt übernehmen. Gruppenarbeit, Toleranz und soziale Kompetenz werden in unserer Zeit groß geschrieben. Wer dies nicht frühzeitig lernt scheitert später im Beruf. Auch lange, lineare Aufschriebe sind sehr schlecht, um Vorgänge nachzuvollziehen oder zu lernen. Mit Mindmapping kommt man da schon viel weiter, da Bilder wesentlich einfacher vom Gehirn verarbeitet werden.
Neben den Ursachen können auch noch folgenschwere Konsequenzen auf uns zukommen.
Wenn führende Wirtschaftskonzerne einmal keine ausreichend qualifizierten Fachkräfte mehr zur Verfügung haben, werden sie Spezialisten aus dem Ausland engagieren müssen. Im Computerbereich sind wir ja heute schon so weit, da es jahrelang versäumt wurde, für diese Berufssparte ausreichend qualifizierte Personen auszubilden. Wenn sich dieser Trend fortsetzten sollte, wird es nicht mehr lange dauern, bis sich ganze Konzerne aus Fernost oder den USA bei uns ansiedeln, da wir nicht in der Lage sind unseren eigenen bedarf zu erfüllen. Auf Bildungsebene werden wir langfristig ein Volk zweiter Klasse sein. Wer sich nicht weiterbildet, gerade im sprachlichen und kulturellen Bereich, wird auf lange Sicht „verdummen“.
Durch nicht auszureichende Bildung wächst auch die Gefahr, dass politische Randgruppen stärker werden. Nur wer über genügend Bildung verfügt, kann sich seine Meinung selbst bilden. Gerade rechtsextreme Parteien fischen am Rand der Gesellschaft. Sie versuchen, die Unwissenden von ihrer Meinung zu überzeugen, in der Hoffnung, dass diese sie wählen.
Abschließend komme ich zu der Erkenntnis, dass die Ursachen aus sämtlichen Bereichen, wie Gesellschaft, Politik und Sozialem kommen. Die Konsequenzen müssen jedoch alle gemeinsam tragen. Hier trifft genau das zu, was Friedrich Dürrenmatt in seinem Buch „Die Physiker“ schrieb: „Was alle angeht, können auch nur alle gemeinsam lösen!“
Ein Lösungsansatz wäre doch, das Sozialsystem teilweise zu reduzieren und die daraus gewonnenen Gelder in unser Bildungssystem einzuspeisen. Dadurch wäre dem einzelnen Bürger mehr Verantwortung für sich selbst gegeben. Man müsste den jungen Menschen zeigen, dass sie nicht immer nur vom Staat leben können, sondern auch für ihr Land mitverantwortlich sind. John F. Kennedy hat einmal gesagt: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage was du für dein Land tun kannst.“ Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Gib einem Mann einen Fisch, so hat er zu essen für einen Tag. Lehrst du ihn aber das angeln, so wird er sein Leben lang nicht mehr hungern.“ Wir sagen immer, die USA sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dort sei es möglich vom Tellerwäscher zum Millionär zu gelangen, jeder habe dieselben Chancen, egal aus welcher Rasse, Religion, welchem sozialem Umfeld... Ich behaupte, bei uns hat man die gleichen Chancen und ist dazu noch über alle Maße hinaus abgesichert. Die Menschen müssen endlich wieder begreifen, dass Bildung das wichtigste Kapital ist, das man in der heutigen Zeit haben kann. Wir sollten uns lossagen von unserem bodenlosen Pessimismus, trotz wirtschaftlicher Stagnation, Professor Dr. h. c. Reinhold Würth hat einmal gesagt: „Wer zu Leistung bereit ist, hat auch Erfolg!“