Darlegung der Beweggründe meiner Gewissensentscheidung



Hiermit stelle ich meinen Antrag auf Verweigerung des Kriegsdienstes. Für meine Entscheidung führe ich folgende Gründe an:

Die Grundlage für die Herausbildung meiner Wertvorstellung war in erster Linie meine Erziehung im Elternhaus. Meine Mutter hat lange Zeit ihre Arbeit aufgegeben, um sich vollständig meiner Erziehung und der meiner Schwestern zu widmen. Sie arbeitet in unserer Kirchengemeinde aktiv mit und stellte eine christliche und gewaltlose Erziehung in den Mittelpunkt. Durch viele Gespräche und das gelebte Vorbild meiner Eltern und Großeltern wurde ich schon früh mit christlichen Werten vertraut und wuchs in die katholische Pfarrgemeinde, damals unter der Leitung von Pfarrer xxx, der heute ein lieber Nachbar ist, hinein. Ich lernte früh das menschliche Leben nach christlichen Grundsätzen als höchsten Wert zu achten. Die christlichen Gebote sind für mich verbindlich. Mein Glaube gebietet mir, meinen Nächsten zu lieben und verbietet es mir, einen anderen Menschen zu töten. Da ich mich den Forderungen der biblischen Aussagen stelle und nach ihnen lebe, kann ich dies nicht mit dem Dienst an der Waffe vereinigen, denn bei der Bundeswehr wird man zum Töten ausgebildet.

Von Anfang an habe ich gelernt, Konflikte nicht mit Gewalt zu lösen. Insbesondere weil ich mit zwei jüngeren Schwestern aufwuchs, wurde mir schon in früher Kindheit eine auf gewaltfreie Diskussion und Kommunikation ausgelegte Konfliktlösung vermittelt. Diese Art und Weise der Konfliktlösung bewährte sich mein ganzes bisheriges Leben über, weil ich in meinen ersten 16 Lebensjahren meinen Mitschülern und Kameraden körperlich unterlegen war. Ich lernte, daß es sinnvoll ist, Streitfälle durch Diskussion von vornherein zu schlichten, daß man das Gespräch suchen muß und daß Gewaltanwendung immer der falsche Weg ist.

Ebenso wichtig für meine Wertvorstellung waren mehrere Auslandsaufenthalte. So erfuhr ich bei einer xxx des Bundes der katholischen Jugend (BdkJ) in Holland, wie sehr Achtung vor dem Anderen, Menschenliebe und Toleranz auch in größeren Gruppen Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben sind.

Zwei Sprachreisen nach Südengland in größeren Gruppen verstärken diese Erfahrung. Beim dortigen Aufenthalt in einer mir fremden Familie wurde mir auch in vielen Diskussionen klar, daß die Wunden, die durch die beiden Weltkriege entstanden sind, immer noch nicht vollständig verheilt sind. Teilweise konnte man noch das Mißtrauen der Engländer gegenüber den Deutschen fühlen. Jedoch konnte ich auch sehen, wie gut Menschen verschiedener Abstammung und Kulturen zusammenleben können, wenn sie tolerant sind und gewaltfrei miteinander umgehen.
Ebenso prägend war ein Schüleraustausch mit unserer Partnerstadt xxx, die im Krieg beim Rückzug durch SS-Truppen vollständig und sinnlos zerstört wurde. Die Trauer darüber, wie auch über die Verschleppung der Bevölkerung in Arbeitslager, ist auch heute noch zu spüren. Zahlreiche Gespräche mit Eltern und Großeltern der Freunde in xxx; drehten sich um dieses Thema. Ich erfuhr die Grausamkeit, Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges, und vor allem seine Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. All dies hat mich zutiefst bedrückt.

Ganz entscheidend haben mich aber Erzählungen von meinen Verwandten beeinflußt. Sie drehten sich oft um den Krieg und seine Folgen. Meine Urgroßmutter mütterlicherseits wurde schon in jungen Jahren Witwe, und als ihr Sohn im Alter von 23 Jahren zum Kriegsdienst im 2. Weltkrieg eingezogen wurde, war sie es, die sich alleine um die heimische Landwirtschaft kümmern mußte. Ihr Sohn, mein Großvater kehrte mit schweren Verwundungen durch Granatsplitter am Auge zurück. Mein Großvater väterlicherseits verlor im letzten Weltkrieg mehrere Finger durch einen Sprengsatz und erlebte die grauenvollen Stunden in einem Luftschutzkeller, als seine Heimatstadt bombardiert wurde.

Am meisten schockiert haben mich jedoch die Kriegserfahrungen meines Großonkels. Er kämpfte in Stalingrad und geriet für vier Jahre in russische Kriegsgefangenschaft. Er trug schwere psychische Störungen davon und hat die Erlebnisse bis zu seinem Tod vor fünf Jahren nicht verarbeiten können.

Der Besuch des Soldatenfriedhofes am Hartmannsweilerkopf im Elsaß hat mich in meinem gräßlichen Eindruck vom Krieg noch bestärkt und ließ das ganze Ausmaß des Tötens erahnen.

Die gesamte Bandbreite der Kriegsfolgen wurde mir im Unterricht an Grundschule und Gymnasium bewußt. Film, Fotos und Dokumentationen zeigten mir das ganze Leid, daß ein Krieg anrichtet, so zum Beispiel die vollständige Zerstörung meiner Heimatstadt xxx. Die intensive Behandlung des Werkes "Mutter Courage und ihre Kinder" von Berthold Brecht im Deutschunterricht bestärkte mich in meiner Einstellung zu Gewalt und Krieg.

Aufgrund dieser Erfahrungen und Erlebnisse bin ich der Überzeugung, daß jeder Mensch, egal, welcher Rasse oder Herkunft er ist, behindert oder nicht, ein unantastbares Individuum darstellt, das zu achten ist, und das in keiner Weise diskriminiert oder verurteilt werden kann. Das Leben hat für mich den höchsten Stellenwert und darf deshalb in keiner Weise angegriffen werden. Wir sind alle Gottes Geschöpfe und dürfen daher nicht über das Leben und Sterben anderer entscheiden.

Desweiteren bin ich zutiefst davon überzeugt, daß es keine zukunftsträchtige Lösung der Probleme der Welt gibt, wenn man Krieg als Mittel der Politik in Kauf nimmt. Bei der Betrachtung von Ursachen, Verlauf und Beendigung von Kriegen kam ich zu der Überzeugung, daß kein Krieg die Ziele rechtfertigt, für die er begonnen wurde. Meine Haltung wird nur unterstrichen, wenn man die Auswirkungen der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und in Tschetschenien betrachtet. Unschuldige Menschen werden getötet, ganze Städte und Landstriche werden sinnlos vernichtet, Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, Familien auseinander gerissen, Kinder werden zu Waisen. Dagegen zeigen genügend Beispiele aus der neueren Geschichte, daß man mit Gesprächen und Toleranz mehr erreicht, als durch Anwendung von Gewalt. Die langen Disparitäten zwischen Deutschland und Frankreich konnten durch Gesprächen und Verhandlungen zu einer engen Kooperation und Freundschaft verwandelt werden. Auch die Beendigung des Kalten Krieges und die damit verbundene Wiedervereinigung Deutschlands sind Beispiele für eine friedliche Lösung. Die "friedliche Revolution" in der ehemaligen DDR zeigte, wie ein auf Gewalt und Unrecht begründetes Regime durch Verzicht auf Gewalt und miteinander Reden beseitigt werden konnte.

Diese meine Werte und mein Bestreben, Auseinandersetzungen gewaltfrei zu lösen, bringen mich zu der Überzeugung, daß ich niemals in der Lage wäre, aus welchen Gründen auch immer, einen Menschen zu verletzen oder zu töten. Deshalb bin ich gegen jegliche Art von Ausbildung, die darauf abzielt, einen Menschen zu töten und seine Lebensbedingungen zu zerstören. Physische Gewalt ist für mich kein Mittel Konflikte zu lösen. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. Da ein militärischer Einsatz und der Einsatz von Waffengewalt, zum Beispiel beim Wachdienst, nicht völlig auszuschließen ist, bestünde die Möglichkeit, daß ich Menschenleben vernichte, falls ich den Wehrdienst antreten müßte. Das hätte für mich untragbare psychische Folgen, weil ich es mit meinem Glauben und Gewissen nicht vereinbaren könnte. Ich würde damit moralische Schuld auf mich Laden, von der mich niemand befreien könnte.

Aus den oben genannten Gründen bitte ich um Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer nach Artikel 4, Absatz 3, Satz 1 des GG. Ich bin bereit den 3 Monate längeren Zivildienst zu leisten und sehe darin eine gute Möglichkeit meinem idealen Bild vom Menschen und vom Zusammenleben der Menschen näherzukommen.