SANDRO BOTTICELLI - DIE GEBURT DER VENUS - FLORENZ 1486

Im Mittelpunkt des Bildes 'Die Geburt der Venus' steht die Venus. Sie wird von einer nackten Frau dargestellt, welche mit ihren langen, blonden Haaren, die nur mit einem Band zusammengehalten werden, und ihrer rechten Hand ihre Scham bedeckt. Die linke Hand liegt auf ihrer Brust. Sie entsteigt einer übergrossen Muschelhälfte, die auf dem Meer liegt, welches einen Grossteil des Hintergrundes bedeckt.
Zu ihrer rechten Seite befinden sich ein männlicher und ein weiblicher Engel. Eng umschlungen, jeweils nur mit einem Tuch bedeckt schweben sie über dem Meer. Die grossen, dunklen Flügel an ihren Rücken schimmern golden im Sonnenschein. Die Engel pusten Luft in Richtung Venus, deren Haar dadurch zur Seite geweht wird, durch diesen Windhauch erreicht die Muschel langsam das Ufer. Um die beiden herum fallen weiss-rosane Rosen vom Himmel. Während mehr als die Hälfte des Hintergrundes von Meer und Himmel bedeckt ist, gibt es am rechten Bildrand (links von der Venus) Bäume und Wiese. Im Vordergrund befindet sich eine junge Frau. Sie trägt ein langes, geblümtes Kleid, um den Hals und die Hüfte hat sie Äste mit grünen Blättern und rosa Blüten gewickelt. In ihren Händen hält sie ein grosses, geblümtes Tuch. Da sie auf die Venus zugeht um sie zu empfangen und den Arm auf sie richtet, entsteht der Eindruck, sie wolle das Tuch um deren nackten Körper legen. Durch den Wind, welcher von den blasenden Engeln verursacht wird, werden ihr Kleid, ihre langen Haare und das Tuch verweht.


Die Abbildungen sind naturalistisch dargestellt, nur die Muschel, auf der die Venus steht, ist übergross. Da durch den Einfluss der Antike, zunehmend mythologische Themen in die Malerei der Renaissance gelangten, ist auch der Inhalt des Bildes für diese Zeit durchaus als naturalistisch zu beschreiben. Heute gehen wir jedoch davon aus, dass es keine Engel gibt und empfinden daher den Inhalt als nicht naturalistisch.
'Die Geburt der Venus' ist hauptsächlich mit hellen, kalten Farben gemalt. Der Künstler benutzte häufig Blau- und Grüntöne, deshalb wiederholen sich die Farben. So findet man das Türkis des Himmels im Tuch des männlichen Engels wieder, das Dunkelgrün der Wiese, Bäume und Blätter im Tuch des weiblichen Engels. Darüber hinaus wiederholt sich das Hellblau des Meeres im Kleid der Frau. Auch die Farbe der dunklen Engelsflügel, welche im Sonnenlicht golden schimmern, kann man im Erdboden wieder entdecken. Das Leuchten der Sonne findet man ebenfalls dort, sowie am Muschelrand und den Baumkronen. Die Schaumkronen des Meeres glitzern weiss.
Im Gegensatz zu den dunklen Pflanzen und Tüchern ist die Haut der Frauen sehr hell (die Haut des männliche Engels ist gebräunt). Durch diesen Kontrast dominieren die Farben des Vordergrundes, denn der Hintergrund besteht nur noch aus sehr hellen und ähnlichen Farbtönen. Der Himmel ist in hellblau gehalten, das Meer in Hellgrün und Türkis.
Die Körper sind plastisch und stofflich sehr gut dargestellt. Das Meer und der Himmel sind dagegen flächig gemalt. Bei der Formgebung gibt es kaum Vereinfachungen, die Figuren und Gegenstände sind weit ausgearbeitet.
In Himmel und Meer findet man leichte Farbabstufungen. Der Künstler arbeitete auch viel mit Schatten, wie man beispielsweise bei den Personen oder an der Muschel sehr gut erkennen kann. Im Bild ist keine direkte Lichtquelle zu sehen, aber die Sonne spiegelt sich weiss-glitzernd im Meer und verschiedene Stellen, wie die Engelsflügeln, schimmert (wie bereits beschrieben) goldenen in ihrem Licht.
Das Ölgemälde ist fast lebensgross angefertigt worden. Das Format der Leinwand beträgt
184 x 285,5 cm.
Die vier Personen bedecken den Vordergrund und somit den Hauptteil des Bildes. Die Venus steht dabei nicht nur malerisch im Mittelpunkt, denn nicht umsonst ist das Gemälde nach ihr benannt.
Bei 'der Geburt der Venus' handelt es sich um eine räumliche Darstellung. Die Landschaft verschwindet im Horizont, Himmel und Erde scheinen zusammenzulaufen.

Ihren Namen hat die Venus von den Römern, ursprünglich nannte man die Göttin der Liebe und der Schönheit Aphrodite. Sie, laut Homer die Tochter des Zeus und der Titanin Dione, schützt die Liebenden und straft die Verächter der Liebe. Hesiod bezeichnete die Venus dagegen als die "Schaumgeborene", eine Vereinigung aus Himmel und Wasser, da sie aus dem Schaum hervorkam, der sich rings um die von Kronos mit einer Sichel abgeschnittenen und ins Meer geworfenen Genitalien seines Vaters Uranos (des Himmelsgottes) bildete. Sie soll vor der Insel Zypern geboren sein und dann auf der Insel Cythera zuerst das Land betreten haben.
Obwohl sie einst bei den Römern hohes Ansehen genoss, fiel die Venus im Mittelalter bei den Christen in Ungnade, weil sie böse Lust und ein lasterhaftes Leben verkörperte. Erst 1486 wurde sie von dem erfolgreichen, florentinischen Madonnenmaler Sandro Botticelli, ein Schüler Filipi Lippis, neu entdeckt. Sein Gemälde 'Die Geburt der Venus' ist eines seiner vier grossformatigen mythologischen Werke aus dem heidnisch - antiken Sagenkreis. Er beschreibt in diesem Werk eine Vereinigung von Natur und Mythos, von irdischer Freude und göttlicher Reinheit. Man weiss nicht genau, wie Botticelli angeregt wurde, dieses Bild zu malen. Durch seine Neuentdeckung der Venus erlebte diese jedenfalls ihre Wiedergeburt. (Deshalb auch 'Die GEBURT der Venus'.) In einer übergrossen Muschel taucht sie aus dem Meer und lässt sich von dem Windgott Zephyros und seiner Frau Flora, der Königin der Blumen, ans Ufer wehen. Die Gewänder der Frau, die Haare, die Wellen des Meeres und sogar die Blätter der Orangenbäume flattern im Wind und es regnet Rosen. Der dargestellte Inhalt gerät dadurch in Bewegung und lässt das Bild lebendig wirken.
Die Rosen, die vom Himmel fallen haben eine wichtige Bedeutung, denn sie zählen zu den Attributen der Venus. Der griechische Dichter Anakreon erzählte, dass der erste Rosenstrauch dort wuchs, wo die Venus zum ersten Mal das Land betrat.
Die Muschel verkörpert im Zusammenhang mit der Venus Fruchtbarkeit, Sinneslust und Sexualität. Auch das Wasser steht symbolisch für Fruchtbarkeit. Botticelli suchte sich also nicht ohne Hintergedanken das Meer für den Platz der Geburt. Säuglinge befinden sich vor ihrer Geburt ebenfalls im (Frucht-)Wasser. Darüber hinaus ist es mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass alles Leben dem Wasser entstammt.
Der eigentliche Name der Muschel, der die Göttin entsteigt, lautet 'Venus Mercenaria', doch der Volksmund kennt sie unter dem Namen 'Venusmuschel'. Sie besteht aus zwei aneinander gewachsenen Muschelhälften. In ihrem Inneren bildet sich eine Perle. Wenn diese ausgereift ist, öffnet sich die Muschel (um die Perle (Venus) zu 'gebären').
Die beiden Attribute, Rose und Muschel, wurden ursprünglich (im Mittelalter) der Jungfrau Maria zugeordnet, welche eigentlich als Gegenpol der Venus wirkte. Es gab also Überschneidungen zwischen den mythologischen Gestalten der Antike und denen des Mittelalters. Vergleicht man die beiden Werke Botticellis 'Die Geburt der Venus' und 'Sankt-Barnabas-Altar', (eine Darstellung der Jungfrau Maria [Madonna]) miteinander, so fällt auf, dass Botticelli diese Überschneidungen benutzte. Die Gesichter der Madonna und der Venus ähneln sich. Auch halten beide den Kopf nach rechts geneigt. Die Muschel findet man ebenfalls in dem Bild der Jungfrau wieder, in diesem Fall verkörpert sie jedoch Jungfräulichkeit.
Es ist nicht sicher, um wen es sich bei der jungen Frau, welche sich am Bildrand befindet handelt. Es wäre möglich, dass sie eine der drei Grazien aus dem antiken Gefolge der Venus ist. Sie empfängt die Göttin mit einem purpurnen, geblümten Mantel. Ihr eigenes Gewand ist ebenfalls mit Blumen bedeckt. Alles deutet also darauf hin, dass die Venus im Frühling wiedergeboren wird, der Jahreszeit, in der auch die Natur zu neuem Leben erwacht. Die Menschen waren damals davon überzeugt, dass die Venus nach der kalten Winterzeit im Frühling die Liebe und die Schönheit zu ihnen zurückbrachte. Noch heute halten wir daran fest, wenn wir sagen, dass der Frühling die Zeit der Frischverliebten ist.
Der Empfang mit dem Gewand, welchen die vermutliche Grazie der Venus bereitet ist ein Ritual, denn man hüllte früher Neugeborene und auch Tote in Tücher.
Neben der Wiederentdeckung der Venus, hat ihre Geburt noch eine wichtige, zeitspezifisch- symbolische Bedeutung. Das Gemälde entstand während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, der Renaissance. Diese Zeitwende brachte auch eine Veränderung des Kunststiles. Vor dem Einsetzten der Renaissance waren in Europa Gemälde, welche nackte Körper darstellten unüblich. Für den christlichen Glauben war dieses Thema ein Tabu. Nackte Frauenkörper tauchten auf Bildern nur in Form der sündigen Eva auf, die aus dem Paradies vertrieben wurde. Diese neugewonnene Freiheit der Renaissance ermöglichte den Künstlern eine völlig freie Entfaltung der Phantasie. Zwar bestimmten christliche Themen immer noch die Werke der Künstler, die Inhalte und Aussagen religiöser Bilder änderten sich jedoch. In der Renaissance verdrängte das Kunsterlebnis, welches den Betrachtern nicht nur die religiösen Inhalte, sondern auch die Kunst näher bringen sollte, die 'Andacht' des Mittelalters, welche sich ausschliesslich auf die biblischen Inhalte der Bilder bezog. Diese Veränderung zeichnete sich bereits im Hohen Mittelalter ab, denn dort zeigten sich erste, richtungsweisende Risse in der ehemals festgefügten religiösen Glaubenswelt.
Weiterhin verhalfen genauste Naturbeobachtungen, die Zentralperspektive, die Lehre von Proportionen und das Studium der Anatomie den Künstlern zu wirklichkeitsnahen Darstellungen von Bildern auch ausserhalb der Kirche, welche in dieser Zeit an Macht verlor.
Kurze Zeit nach der Fertigstellung des Bildes 'Die Geburt der Venus' erreichte Florenz, durch die Reden des Savonarolas, jedoch wieder eine religiösen Welle. Sandro Botticelli wurde ebenfalls von ihr mitgerissen und beschränkte sich dann auf das Malen religiöser Werke. Es wird berichtet, dass er sogar einige seiner früheren Werke eigenhändig verbrannte. Mit seinem neuen Stil wurde er jedoch niemals wieder so erfolgreich wie er es vorher gewesen war.
Der Körper der Venus galt in der Renaissance als vollkommen. Ihre glatte Haut, ihr hübsches Gesicht und ihre perfekte Figur machten sie zum Symbol der Schönheit.
Durch ihre Nacktheit verkörpert sie eine gewisse Unschuld und Keuschheit. Sie wirkt gleichzeitig offen und verschüchtert, da sie einerseits ihren nackten Körper darstellt und ihn andererseits mit ihren Händen und Haaren zu verdecken versucht. Sie senkt hilflos und verschämt die Augen. Dadurch wirkt sie unsicher, aber auch sinnlich, ein wenig gleichgültig, müde und doch nachdenklich. Vielleicht bereitet sie sich bereits innerlich auf ihre Rolle als Göttin vor. Ihr Blick erscheint liebevoll und wunderschön. Diese Eigenschaften sind für die Göttin der Liebe und der Schönheit von grosser Bedeutung und Notwendigkeit.
Möglicher Weise liess der Künstler sie einer Venusmuschel entspringen, um ihre Schönheit durch den Vergleich zur kostbaren Perle noch einmal zu unterstreichen. Auch hier gibt es Parallelen zur Jungfrau Maria, denn Maria bedeutet übersetzt Meeresperle.
Die Rosen, welche vom Himmel regnen, könnten als zusätzliche Bedeutung ein Zeichen der Freude über die Geburt der Venus sein.